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Der moderne Mensch vor der Gottesfrage
(3. Oktober 1997)

Michael Stickelbroeck

Hinweis/Quelle: Schriftliche Manuskriptfassung eines Vortrags in Radio Horeb am 3.10.1997

I. Viele moderne Denker haben die Gottesidee verworfen. Der deutsche Philosoph F. Nietzsche prägte den Satz, daß Gott tot sei. Der Tod Gottes sollte der Beginn eines neuen Zeitabschnitts in der Geschichte werden. Die Wurzeln für diese Behauptung liegen in der Zeit des ausgehenden 19. Jh.: das wachsende Bewußtsein der menschlichen Autonomie, der neue Materialismus und die Evolutionslehre. Dies alles bestimmte ja das geistige Klima mit.

M. Heidegger betrachtete die Aussage, daß Gott tot ist, als Feststellung einer Tatsache. Die metaphysische Wertordnung, so viele Jahre Richtschnur des Denkens und Handelns, ist für ihn zusammengebrochen. Der platonisch-christliche Gott hat uns definitiv verlassen. In der modernen Welt ist für ihn kein Platz mehr.

Trotzdem: Der Mensch, den die Dinge dieser Welt noch nicht satt und stumpf gemacht haben, und dessen Geist noch nicht verschüttet ist, stellt Fragen. Und er gibt sich nicht mit vorläufigen Antworten zufrieden. Er will wissen, wo er herkommt und wohin er geht. Er stellt die Frage, ob es einen Gott gebe. Dabei fragt er ursprünglich nicht nach einem Gott mit Namen „Irgendwas“, nach einem apersonalen neutralen Absoluten, wie es in einer Bewegung modern geworden ist, die sich einer neu aufgekommenen Religiosität verdankt, dem sogenannten „New Age“, sondern er fragt nach einer Person, genaugenommen nach der absoluten Person, nach dem Unendlichen, nach dem Gott von unendlicher Majestät.

Die Frage nach Gott stellt den Menschen vor das göttliche Geheimnis. Und diese Frage läßt sich nicht aus dem Wesen des Menschen herausnehmen. Der Mensch ist so angelegt, daß er auf das aus ist, was über ihm ist, auf Transzendenz.

Wer den Gottbezug aus dem Wesen des Menschen ausklammert, z.B. in der Erziehung, der verstümmelt den Menschen. Denn der Mensch besitzt immer diese Ausrichtung auf die Transzendenz.

II. Aber da stellt sich sogleich die Frage, wie es denn mit der Gotteserkenntnis des Menschen aussieht. Reicht der Mensch mit seinem Geist, der den verschiedensten geschichtlichen Bedingungen unterworfen ist, überhaupt an die Wirklichkeit Gottes heran? Kann er in seiner Sprache über ihn wahre Aussagen machen, oder ist Gott, der Unendliche, in der Weise über alles hinaus, daß er für den menschlichen Geist schlechterdings unerkennbar bleibt?

In seinem Brief an die Römer sagt der Apostel Paulus, daß Gott sich an den Werken der Schöpfung erkennen läßt: „Denn sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen“ (Röm 1,20). Die Heiden, so sagt er, sind deshalb auch nicht zu entschuldigen, weil sie trotz ihrer Erkenntnis Gottes ihn nicht als Gott verherrlichen. „Sie verfielen in ihren Gedanken auf Nichtigkeiten, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert“ (Röm 1,21).

Alle großen Theologen des MA – ein Thomas v. Aquin, ein Bonaventura und ein Johannes Duns Scotus – waren noch der Ansicht, daß man die Existenz Gottes aus der Art der natürlichen Dinge beweisen könne. Die innerweltlichen Kräfte begründen sich nämlich nicht selbst, sondern bedürfen einer höheren Ursache.

Die Beantwortung der Gottesfrage, das ist dann die Lehre der Kirche, kann nicht außerhalb der Reichweite des menschlichen Erkennens liegen. Die Schöpfung bietet das Medium, durch das der Mensch zu einer natürlichen Gotteserkenntnis gelangen kann. „Natürlich“ wird hier in dem Sinn verstanden, daß es dazu keiner besonderen Offenbarung vonseiten Gottes bedarf.

Auf dem I. Vatikanischen Konzil erklärte die Kirche denn auch das Dogma von der natürlichen Erkennbarkeit Gottes. Da heißt es in der Definition:

“Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge (kann) mit dem natürlichen Licht der Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Gewißheit erkannt werden“ (DzH 3004).

Nun bietet die hier gemeinte Gotteserkenntnis den Anknüpfungspunkt für den übernatürlichen Glauben, der durch die Gnade im Menschen wach wird. Die Gnade setzt ja die Natur voraus. Sie braucht einen Anknüpfungspunkt in der natürlichen Erkenntnisfähigkeit des Menschen.

Die Auskunft des kirchlich definierten Glaubens über die mit Gewißheit mögliche Gotteserkenntnis mag einigermaßen erstaunen, wenn man den progredienten Schwund des Gottesglaubens in unserer heutigen Zeit innerhalb der westeuropäischen Kultur übersieht. Warum glauben denn dann nicht mehr Menschen an Gott, wenn er doch mit Gewißheit erkannt werden kann?, so wird man vielleicht fragen.

Dem Menschen von heute legen sich eine Reihe von Schwierigkeiten in den Weg, wenn er einen Zugang zu Gott sucht. Und diese Schwierigkeiten hängen mit der ganzen postmodernen Kultur zusammen, wie sie uns heute umgibt. Natürlich spielen auch philosophische Voreingenommenheiten dabei eine erhebliche Rolle:

III. Es gibt ein gewisses Problem mit der Erfahrbarkeit Gottes. Eine bestimmte Richtung in der modernen Philosophie, der Neopositivismus, hat unsere Wahrnehmungsfähigkeit auf das erfahrbare Faktum reduziert. Der Neopositivismus schließt aus, daß Gott in irgendeiner Weise das Objekt unserer Erfahrung werden könne.

Nun ist eine spontane Überzeugung von der Existenz Gottes, die sich durch die Erfahrung der eigenen Grenzen sowie der Abhängigkeit von anderen Dingen einstellt, eine mögliche Form der Gotteserkenntnis. Aber eine unmittelbare Erfahrung Gottes ist damit noch nicht gegeben. Eine solche, direkte Gotteserkenntnis, ist auch nach Thomas nicht möglich:

Gott ist das Sein, das den Menschen total transzendiert, denn die menschliche Erkenntnisweise ist an materielle Einschränkungen gebunden. Daher kann Gott unmöglich direkt erfahren werden. Dagegen scheint die spontane Überzeugung von der Existenz Gottes auf einer unreflexen, nicht bewußt expliziten Überlegung zu beruhen, die davon ausgeht, daß alles, was sich nicht selbst erklärt, einer Ursache bedarf. So muß es also immer schon etwas geben, das sich aus sich selbst erklärt. Der in die Natur eingebundene Mensch vergewissert sich spontan, daß eine allgemeine Ursache aller Dinge existieren müsse. (Vgl. S.Th. I,13,8; II-II, 85,1).

Welches sind aber die scheinbar unüberschreitbaren Hindernisse, die es in unserer kulturellen Situation und unter heutigen Bedingungen schwer machen, einen Zugang zum transzendenten und persönlichen Gott zu finden?

A) An erster Stelle steht der Individualismus des abendländischen Menschen. Heute ist der Mensch weniger gemeinschaftsbezogen, sondern eher „atomisiert“. Dieser Individualismus, der seine Wurzeln im spätmittelalterlichen Nominalismus und im Protestantismus hat, betrachtet den Menschen isoliert für sich und überbewertet die Rechte des Individuums. (So entschied z.B. das dt. Bundesverfassungsgericht im August 1995, die Kreuze aus den öffentlichen Schulen in Bayern entfernen zu lassen, nachdem ein Elternpaar eine Klage eingebracht hatte, weil es nicht wollte, daß seine Kinder in der Schule mit diesem religiösen Symbol konfrontiert würden. Damit holte das Gericht aus zu einem Schlag gegen die überwiegende Mehrheit der Bürger dieses Bundeslandes, die doch auch das Recht besitzt, ihre Religion positiv nach außen hin zu bekunden.)

In einem sich unbegrenzt ausbreitenden Universum findet der Mensch keine festen Anhaltspunkte mehr. Die Gemeinschaften, an die man gebunden war, hören für die Bürger auf, noch eine Rolle zu spielen. Man ist nicht mehr in der Lage oder verwehrt sich dagegen, die Interessen des Individuums oder der Gruppe auf das Gemeinwohl hinzuordnen. Dieser unbeschränkte Individualismus stellt sowohl für das politische Gemeinwesen wie für die Familie als auch für den Menschen selbst eine Bedrohung dar. Denn nur dann, wenn er sich einem Ziel hingibt, das größer ist als er selbst (ihn aber nicht absorbiert, sondern in seinem Eigenwert bestehen läßt), kann der Mensch seine Persönlichkeit wirksam entfalten.

Ein Charakteristikum des modernen Zeitalters ist es, daß der Mensch versucht, sich selbst autonom zu begründen. Dabei soll es eine Freiheit ohne Einschränkung geben, damit man sich selbst bestimmen und in die Richtung entwerfen kann, die man sich vorgibt. Daran glaubt man.

Ihren stärksten Ausdruck findet diese Mentalität darin, was manche die „Revolte gegen den Vater“ nennen. Gerade der Bereich der Familie ist im westlichen Kulturraum großen Veränderungen ausgesetzt gewesen. Die Familie wurde sehr geschwächt. Das Kind, das oft als einziges dasteht, ist ihr Zentrum geworden. Ihr Aufbau ist nicht nach einer Hierarchie geordnet, sondern ist demokratisiert. Alles wird mit den Kindern diskutiert, und es sind die Eltern, die dem Verlangen ihrer Kinder immer nachgeben. Auf diese Weise schwindet schon rein psychologisch das Bewußtsein der Abhängigkeit, und es erhebt sich Widerstand gegen die Institutionen. (Freilich wird gerade in dieser geistigen Mentalität das Kind oft gerade nicht mehr in seinem Eigenwert respektiert, sondern für die Projektion eigener Vorstellungen und Wünsche mißbraucht, somit von der Person zum Objekt.)

Horst Eberhard Richter hat in seinem Buch „Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen“ gezeigt, wie die Aufklärung eine einseitige Gottesauffassung mit sich gebracht hat, die schließlich in ihr Gegenteil umgeschlagen ist: Gott wurde nur noch als absolute Allmacht gesehen. Der „unzugänglichen Absolutheit Gottes gegenüber bleibt dem Menschen nur der Rückzug in die Absolutheit seiner selbst“ (51). Die Absolutheit, die der Mensch in der Abwehr eines erdrückenden Gottes nun meint sich selbst zuschreiben zu müssen, wirkt sich allerdings nicht weniger verhängnisvoll aus. „Der lange Zeit als großartige Selbsbefreiung gepriesene Schritt in die Neuzeit war im Grunde eine neurotische Flucht aus narzißtischer Ohnmacht in die Illusion narzißtischer Allmacht. Der psychische Hintergrund unserer so imposant scheinenden neueren Zivilisation ist nichts anderes als ein von tiefen unbewältigten Ängsten genährter infantiler Größenwahn. Wie das Kind, das sich illusionär ... selbst in eine allmächtige Elternfigur verwandelt, um seinen unverläßlichen Eltern nicht länger wehrlos ausgeliefert zu sein, so trägt unsere Zivilisation seit damals Merkmale einer krampfhaften Selbstüberforderung.“ (29). Das Kind kann nicht der adäquate Gottesersatz sein. Es wird damit grenzenlos überfordert. Dort, wo man den Vater nicht mehr gelten läßt, da verschwindet zur selben Zeit auch der Glaube an die Vorsehung. Es scheint, als ob der Anti-Paternalismus eine wichtige Ursache dafür ist, daß der Sinn für die Transzendenz mehr und mehr verlorengeht.

Umgekehrt: Bedingung für eine Renaissance des Glaubens ist die Rückkehr zu normalen Relationen von Eltern und Kindern in den Familien.

Ein weiterer Aspekt ist der totale Funktionalismus, der sich auch auf dem Gebiet der Erkenntnis niederschlägt. Er nimmt den Dingen ihren wesenhaften Gehalt, ihre Intelligibilität. Das Interesse am Gegenstand ist auf seine Nützlichkeit eingeschränkt, darauf, was man selbst mit ihm machen kann. Das Objekt in seiner – nicht bloß zweckrationalen – Gesamtheit rückt nicht mehr in den so verengten Gesichtskreis.

B) Für den Verlust einer natürlichen Transzendenzerfahrung zeichnet ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor verantwortlich: die Begeisterung für die modernen Naturwissenschaften. Dabei liegt es nicht zunächst am methodischen Atheismus der empirischen Wissenschaft, sondern an der Entfernung von der natürlichen Erfassung der Welt, wie sie der Konzeption der Bibel und der kirchlichen Tradition zugrundeliegt.

In ihnen steht die quantitativ-meßbare Gegebenheitsweise derart im Vordergrund, daß man in ihr jedes Interesse an der ontologischen Struktur und an der inneren Teleologie der naturhaften Dinge verloren hat. Was nicht durch ein mathematisch formulierbares Gesetz beschrieben werden kann, fällt durch das festgelegte Raster, wird übersehen und schließlich geleugnet. Man setzt einfach voraus, daß man die Wirklichkeit als ganze mit einer homogenen Erklärung der Phänomene aus ihren gleichrangigen Ursachen hinreichend begreifen könne. Der Rekurs auf eine heterogene Ursache gilt als unwissenschaftlich. Vgl. L.J. Stanley, The Road of Science and the Ways to God, Chicago 1978.

Im letzten Jh. hat die Entwicklung der empirischen Wissenschaften einen so rasanten Verlauf genommen und wurde ihr Einfluß auf Gesellschaft, Erziehung und Kultur so groß, daß man diesen Typ von Wissensgewinnung am Ende für die einzig korrekte Form der rationalen Erkenntnis hielt. Sicher bildet dieser sogenannte „Fortschritt der Wissenschaften“ einen wesentlichen Aspekt dessen, was man „die Säkularisierung der europäischen Welt“ genannt hat.

Viele Bereiche der menschlichen Existenz haben dadurch stufenweise jeden Bezug zur Welt Gottes, die ja das Kategoriale überschreitet, verloren. Heute ist es vor allem und in erster Linie die NW, von der sich der Mensch Antworten auf die fundamentalen Fragen nach dem Anfang und Ziel des Lebens, ja sogar nach dem sittlich guten Handeln erhofft. Für Letzteres kommt ihm die sogenannte „evolutionäre Ethik“ – eine Unterabteilung der Soziobiologie – entgegen.

Da dieses Wissen darüber hinaus ganz nach dem Kriterium der Technik erworben wird, gewinnt die Beherrschung der Natur durch die eigenen Vorgaben des Menschen immer mehr an Bedeutung. Natürlich ist die empirische Forschung nicht frei von philosophischen Voraussetzungen: Immer wieder unterlaufen philosophische Optionen wie der Neopositivismus, der Materialismus oder Monismus, dem z.B. das „New Age“ anhängt, die objektive Selbstdarstellung des modernen Wissenschaftsbetriebes. Solche mit dem Anspruch einer Gesamterklärung der Welt und ihrer Herkunft auftretenden „Ismen“ halten das Metier der Schulbücher, periodischen Blätter und Fachzeitschriften besetzt und bereiten die junge Generation auf eine Konzeption des Lebens ohne Metaphysik und ohne Gott vor. Es ist eine technische Welt, in der die Erfahrung des Transzendenten und des Heiligen fehlt.

C) Ohne Metaphysik ist der Aufweis, daß es einen Gott gibt, nicht zu erbringen. Ein großes Problem für das metaphysische Denken ist die Technik, die zu einem guten Teil zur Säkularisation des menschlichen Lebens beigetragen hat. Der moderne Naturwissenschaftler ist zum Descart‘schen „maitre e possesseur de la nature“ geworden, für den es in der physischen Welt außer ihm keine andere, höhere Macht mehr gibt. Dieser für die Neuzeit so typische Herrschaftanspruch über die Natur entspringt gleichfalls dem genannten Individualismus und dem Verlangen nach totaler Autonomie.

Wiewohl Schöpfer seiner technischen Errungenschaften, kreiert der „homo faber“ doch keine „in der Natur existierenden Dinge“, die einen selbstbezüglichen Zweck realisieren. Er ist immer nur der Vater von Artefakten, die wesentlich von der Funktion her definiert sind, die sie für den Menschen zu erfüllen haben.

Daher verleitet der ständige Gebrauch der Technik den Menschen dazu, auch die Naturdinge nur noch unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit zu betrachten. Die Frage nach ihrem ontologischen Status verliert ihre Relevanz, denn „was ein Ding ist“ bleibt für die Technik völlig gleichgültig.

Und hier liegt nun ein entscheidender Grund, warum der postmoderne Mensch in einer selbstgeschaffenen Welt gefangen bleibt und das Sein der Dinge, das die Frage nach ihrem Seinsgrund aufkommen läßt, nicht mehr erreicht: Die kritiklose Verfallenheit an die Technik führt zu einer Deontologisierung der Natur, die sie auf ein Bündel von Relationen reduziert.

Früher gebrauchte man die natürlichen Vorgaben als Maßeinheiten: Das Pferd diente dazu, Kraft und Geschwindigkeit zu bestimmen, der menschliche Leib, um den pendelnden Rhythmus von Arbeit und Ruhe festzulegen, sowie die Proportionen der Körperglieder, um die Abmessungen in den Längen, Breiten und Höhen der Gebäude zu bestimmen. Dagegen legt man gegenwärtig die für das natürliche Leben heterogenen Maßeinheiten der Technik an. Dies führt zu einer gewissen Entfremdung, da der direkte Kontakt mit der Natur verhindert wird.

Auch die Welt des Mysteriums verschwindet damit ganz aus dem Erfahrungsbereich. Mit seinem Bewußtsein in dieser virtuellen Welt der Technik gefangen, stellt sich eine Unfähigkeit ein, den Geist zu einer höheren Realität zu erheben.

Die technischen Neuschöpfungen, denen ein großer Abwechslungsreichtum eigen ist, üben eine derart strahlende Faszination auf die junge Generation aus, daß sie die geistige Aufmerksamkeit restlos vereinnahmen. So geht das Interesse an einer Religion verloren, die mit einem verbindlichen Anspruch auftritt und eine Entscheidung fordert. Darunter fallen nicht die unverbindlichen Angebote der neuen Religiosität, wie sie uns im „New Age“ und den diversen Meditationstechniken östlicher Herkunft heute überall entgegentreten.

Die Sprache der Hl. Schrift und des Evangeliums vermag es nicht, die von anderen Inhalten besetzte Imagination zu beleben, denn diese wird doch viel stärker auf die Leistungen der modernen Wissenschaft, auf die Entdeckung der Welt und der eigenen Psychologie wie auch auf sexuelle Aktivitäten hingelenkt.

Das Schlagwort „Überproduktion“ macht ein anderes Problem der postmodernen westlichen Gesellschaft bewußt: Was hergestellt und auf dem Markt angeboten wird, dient längst nicht mehr nur dazu, die einfachen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen. Dieser sieht sich vielmehr mit einer derartigen Quantität an industriellen Produkten konfrontiert, daß seine Einbildungskraft schnell mit immer neuen Bildern und Objekten besetzt ist, die ihm die dauerhafte Erfüllung aller Wünsche verheißen.

So sind die Menschen bei uns oft in einem ausschließlichen Kontakt mit den artifiziellen Produkten, die die technische Zivilisation hervorbringt. Diese Tendenz erfährt noch einmal eine erhebliche Verschärfung durch die allgegenwärtigen Medien, die das direkte Milieu bilden, in dem sich heutiges Denken bewegt. Es ist gar nicht zu überschätzen, wie die künstliche Welt der Medien, insbesondere des Fernsehens, den Säkularisationsschub bei uns befördert haben. Das Fernsehen ist ja überahupt für viele zum Surrogat für eine eigenaktive direkte Welterfahrung geworden. Weil es die Eigenaktivität lahmlegt und die Möglichkeit einer geistigen Stellungnahme meist ausschaltet, ist hier die Gefahr einer ständigen Manipulation sehr groß.

Immer mehr bestimmt das technische Medium unsere innere und äußere Wahrnehmung. Seine Symbole und das, was sie repräsentieren, fordern die Intelligenz der Jugendlichen heraus, z.B. in der Computersprache.

Wohldosiert verabreichen die Medienmacher jene Fremdurteile, die ihre Weise des Denkens, ihre Wertungen und ihre Unwerte der Allgemeinheit suggerieren. Da erfährt nun also der Mensch, wie man denn heute so denkt und zu denken hat. Und wenn er nicht gegen dieses große „Man“ rebelliert, denkt er in Kürze ebenso und er hält sich für „Monsieur tout-le-monde“, dabei wähnt er sich so viel freier und so viel verständiger als seine Großeltern. Diese hatten es ja so einfach noch nicht!

Gesellschaftlich in Ordnung ist es, wenn man sich im Sinne der „political correctness“ verhält, und das heißt auch, nur über Themen zu sprechen, die „erlaubt“ sind, und jene auszulassen, über die man eben nicht spricht. Nach dieser Sprachregelung sollte „Gott, Gebot und Kirche“ eigentlich gar nicht mehr vorkommen. Eine Art von Zensur ist uns also auferlegt (vgl. K.J. Groth, Die Diktatur der Guten. Political Correctness, München 1996). Und das Grundprinzip dieser Zensur, dieses „anständigen Redens“, lautet:

Alles, was die anvisierte individuelle Freiheit, die Permissivität und den totalen Pluralismus favorisiert, ist gut. Alles, was dagegen spricht, ist schlecht.

Darum müssen alle Institutionen, die irgendwie einen Absolutheitsanspruch vertreten, systematisch kritisiert werden. Dazu gehört natürlich vor allem die Kirche.

Die heutige Technik fordert in vielen ihrer Vertreter eine totale Autonomie und weist jede Einmischung vonseiten institutioneller Autoritäten zurück. So wird z.B. auch ein uneingeschränktes Recht zum Experiment und d.h. zur Manipulation am Leben, sogar am menschlichen Embryo, eingefordet.

Der Papst hat in seiner wichtigen Enzyklika „Evangelium Vitae“ dazu Stellung genommen. In der gestellten Forderung drückt sich auch aus, daß der Mensch seine eigenen Grenzen als geschaffenes Wesen nicht anerkennen will. In maßloser Übersteigerung seiner eigenen Möglichkeiten fragt er nur noch nach dem, was machbar ist, ohne sich dafür zu interessieren, ob es denn auch recht sei, was er macht. In dieser Haltung verbaut er sich den Weg zu Gott, der ja der alleinige Herr des Lebens ist.

IV. Abschließende Bewertung

Alle diese Dinge, die den Menschen in der heutigen Gesellschaft daran hindern, gemäß dem zu leben, was seine Vernunft als ihm von Natur aus angemessen erkennt, machen seine Hinordnung auf einen personalen und transzendenten Gott schwierig. Denn dieser fordert den Menschen in eine Verantwortung.

Natürlich habe ich manche Phänomene etwas überzogen gezeichnet. Damit soll keine düstere Schwarzmalerei betrieben werden, sondern das, was dem Glauben grundsätzlich oder doch in gewissen Tendenzen im Weg steht, soll uns einmal bewußt werden, damit wir die Schwierigkeiten der Menschen erkennen, und darauf eingehen können.

Was bleibt für die Situation des Glaubens in unserer Zeit zu hoffen? Zunächst einmal muß man sagen, daß Gott sich erkennen läßt. Wir haben einen verstandesmäßigen Zugang zur Existenz Gottes, wenn wir nur auf die naturhafte Seite der Wirklichkeit achten. Und da, wo das Natürliche unter unseren eigenen Erfindungen verschüttet ist, kommt es darauf an, es wieder freizulegen. Die Beweise für die Existenz Gottes behalten auch heute ihre ganze Kraft. Sie setzen allerdings voraus, daß man auf das achtet, was in der Natur vor sich geht. Je mehr die Menschen die Relativität des Selbstgemachten und Technischen einsehen, desto mehr kann dies gelingen.

Der Natur des Menschen wurde von ihrem Schöpfer ein Gottverlangen eingeschrieben. Der Mensch besitzt die Neigung, Gott zu erkennen und zu ehren. Viele behaupten zwar die letzte Absurdität des Daseins, aber so recht damit leben kann keiner.

Es kommt für die junge Generation darauf an, aus der virtuellen Welt der allgegenwärtigen Technik und der Medien herauszufinden und zu einem gesunden Realismus zurückzukehren. Das schließt nicht die Totalabstinenz von neuen technischen Entwicklungen ein, wohl aber einen verantwortlichen, maßvollen Umgang mit ihnen – sozusagen eine „mediale Askese“, die die Denk- und Kritikfähigkeit bewahrt. Wer die Dinge in ihrer ganzen Wirklichkeit erkennen will, der wird auch den Blick nach oben wenden und Gott als die Ursache des ganzen Seins bejahen.

Auf der anderen Seite findet die Realisierung der modernen technischen Kultur heute immer deutlicher ihre Grenze: Die tiefere Sehnsucht der Menschen wird niemals durch die materiellen Güter gestillt werden, die er zur Verfügung hat. Wissenschaft und Technik können auf die Frage nach dem Sinn von Leben und Tod keine einzige wirkliche Antwort geben.

Auch vielen Ungläubigen unserer Zeit scheint der Verlust der Werte bedrückend. Sie beklagen eine fortschreitende Verrohung des Lebens. Doch die Verschlechterung der Lage fordert auch eine Reaktion heraus. Und man sieht, wie sie mitten in der Krankheit unserer Gesellschaft bereits aufbricht.

Es ist abzusehen, daß die kommende Generation von der jetzigen Weise des Denkens und des Umgangs mit den Früchten der technischen Kultur enttäuscht sein wird. Schon erheben sich Stimmen, die sich dagegen verwehren, daß der Mensch der Wirtschaft und dem Markt geopfert wird. Außerdem bedroht die Überschwemmung des Marktes mit den viel billigeren Produkten des Fernen Ostens gegenwärtig die europäische Wirtschaft selbst. So ist es überhaupt nicht unwahrscheinlich, daß sich unsere gegenwärtige Wirtschaftsordnung in 20 – 30 Jahren in dieser Form nicht mehr halten läßt.

Eine wichtige Voraussetzung für die Wiedergewinnung des Gottesglaubens ist die Wiederentdeckung der verlorengegangenen natürlichen Werte. Hierzu gehört vor allem auch die neue Gewichtung der Familie. Und dies gerade im Hinblick auf die Erziehung der Kinder und in ihrer Bedeutung für die ganze Gesellschaft. Hier bliebt noch einiges zu tun, aber ein langsamer Bewußtseinswandel zeichnet sich schon ab.

Für die Christen besteht die Herausforderung, an einer neuen Zeit mitzuwirken und den anderen ein Wegweiser zu Gott zu sein. Dies werden sie um so mehr können, je mehr sie sich bemühen, durch ein kontinuierliches Gebet selbst in der ständigen Gegenwart Gottes zu leben und auf diese Weise die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten (vgl. GS 11).