Predigt am
Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten
1999) - am Tag
Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6;
L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2:
Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr
1,1-6; Ev: Joh 1,1-18
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wahrscheinlich kennen Sie das Gebet des "Engel des Herrn". Dreimal täglich, beim Läuten der Angelus-Glocke, beten viele Gläubige mit der Kirche jene drei "Ave Maria" mit den entsprechenden Zwischenversen, die das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes zum Inhalt haben. Der wichtigste Satz dabei lautet: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." (Joh 1,14a). Mit anderen Worten: Gott selber, die zweite göttliche Person, das ewige Wort, er ist Mensch geworden, er ist uns in allem gleich geworden außer der Sünde und hat unser Los mit uns geteilt.
Wenn wir ehrlich sind, liebe Gläubige, dann haben wir in unserem Leben viele Fragen. Da sind natürlich die unmittelbar drängenden Lebensfragen, die jeder irgendwie für sich ordnen muß, der selbständig Verantwortung übernehmen kann: Wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Wo kann ich wohnen, essen, schlafen? Welchen Beruf übe ich aus? Wie sorge ich für meine Familie? Und so weiter. All diese Fragen sind wichtig und mehr oder weniger drängend, je nach Lebenslage. Aber da gibt es auch noch andere, tiefer liegende Fragen, die nicht weniger wichtig sind, auch wenn sie sich nicht jeden Tag in den Vordergrund schieben: Woher kommt mein Leben? Wie wird das Ende sein? Was kommt danach? Welchen Sinn hat das ganze Leben? Während wir für die erste Art von eher praktischen Fragen mit unserem eigenen Verstand und unserer vernünftigen Überlegung sowie mit Hilfe der Erfahrungen anderer zu guten Lösungen kommen können, geraten wir bei den Sinn-Fragen sehr schnell an eine Grenze. Das menschliche Nachdenken versagt hier. Und da spürt der Mensch: Sein Leben ist wie eine große Frage, auf die er sich selbst keine Antwort geben kann. Ja sogar: Der Mensch ist sich selbst gewissermaßen zur Frage geworden.
Aber ist das der Endzustand des Menschen? Die ungeklärte Fraglichkeit, die völlige Rätselhaftigkeit seines Wesens und seiner zeitlichen und ewigen Bestimmung? Der Glaube sagt uns: Es gibt eine Antwort. Nicht ein Mensch hat die Antwort auf die Frage des Menschen gegeben, sondern Gott selber. Gott hat geantwortet, indem er selbst Mensch geworden ist in Jesus Christus!
Im menschgewordenen Sohn Gottes leuchtet uns ein Licht auf, das alle Menschen erhellt und ihre Suche nach der Wahrheit des Lebens zum Ziele führt. Das Leben des Menschen hat einen Sinn, und dieser Sinn heißt Liebe! Gott hat den Menschen aus Liebe erschaffen und in Liebe erlöst durch die Menschwerdung seines Sohnes und sein Leiden, Sterben und Auferstehen. Gott hat uns zur Liebe berufen, er möchte unser Leben mit seiner Gegenwart erfüllen und uns das Leben in Fülle schenken, das mit dem Tod kein Ende findet, sondern sich ewig vollendet im himmlischen Vaterhaus!
Was ist also das eigentliche Ziel des Lebens? Im Johannesevangelium heißt es: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden". Durch den Glauben nehmen wir Christus in unserem Herzen auf. Bereits in der Taufe sind wir zu Kindern Gottes geworden. Ist das nicht wunderbar? Gott wurde ein Mensch, damit wir Menschen zu Kindern Gottes werden!
Das Geheimnis von Weihnachten lehrt uns:
Gott blickt voll Liebe auf die Menschen herab. Trotz unserer Sünden
und Fehler liebt er uns. Ja, er möchte uns befreien von allem, wovon
wir uns selbst nicht erlösen können. Gott, der Erlöser,
hat uns eine Antwort gegeben, die unser ganzes Leben erfüllt. "Der
Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht."
(Joh 1,18b). Leben wir aus dieser Wahrheit! Tragen wir den Glauben mit
Freude und Überzeugung ins neue Jahrtausend. Denn Jesus Christus
ist wirklich die Mitte und das Ziel der Geschichte wie auch
unseres persönlichen Lebens. Er ist die endgültige Antwort Gottes
auf unser Fragen; er ist das unbedingte Ja der Liebe Gottes zu uns.
Amen.