Dr. Josef Spindelböck

Predigt für den 8. Dezember 2004
Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen
Jungfrau und Gottesmutter Maria

L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: Eph 1,3-6.11-12; Ev: Lk 1,26-38

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Vor genau 150 Jahren wurde von Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet. Wir feiern dieses Marienfest jedes Jahr, auch wenn die Kommerzialisierung durch das Offenhalten der Geschäfte und den fehlenden Glaubensbezug vieler Menschen bereits weit fortgeschritten ist.

Worum geht es bei diesem Fest, was feiern wir? Der eigentliche Inhalt ist die umfassende Vollkommenheit und Schönheit der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, so wie sie Gott nach seinem ewigen Plan erschaffen und geheiligt hat: „Ganz schön bist du Maria, und kein Makel ist an dir.“ Eben dies bekennen wir täglich im „Ave Maria“: Sei gegrüßt, du Jungfrau voll der Gnade! Weil Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins, d.h. von ihrer eigenen Empfängnis an, ganz erfüllt war von der Liebe Gottes und weil die Sünde in keinem Augenblick über sie herrschen konnte, eben deshalb wird Maria als die gnadenvolle Jungfrau bezeichnet. In ihr ist das Menschsein so gelungen, wie Gott es wollte. Sie steht vom ersten Augenblick ihrer Existenz an in der Beziehung der Freundschaft und Liebe zu Gott und hat diese Verbindung nie verloren. Eben deshalb freuen wir uns über die heilige Jungfrau Maria und preisen Gott über den wunderbaren Gnadenvorzug, den er ihr geschenkt hat!

Als die Kirche vor 150 Jahren dieses Dogma vorlegte, da wurde nichts Neues erfunden. Es wurde nur das bestätigt, was immer schon geglaubt worden war: dass Maria nämlich heilig ist von Anbeginn, weil sie den Heiligen Gottes empfangen und gebären sollte. Es wäre unvereinbar gewesen mit der Heiligkeit ihres Sohnes Jesus Christus, wenn Maria, seine Mutter, in irgendeinem Augenblick ihres Lebens befleckt gewesen wäre von der Sünde. Dies gilt von den persönlichen Sünden, die der Mensch mit Bewusstsein und freiem Willen setzt, indem er die Gebote Gottes übertritt. Dies gilt aber auch von der Erbsünde, jener ursprünglichen Sündenverfallenheit, die jeden Menschen betrifft, der in diese Welt kommt. Auch davon war Maria ausgenommen.

Nun aber war und ist Maria ein Mensch wie wir. Wie ist das möglich, dass sie auf diese Weise von Anfang an bewahrt wurde vor dem Bösen und allezeit ganz und gar geheiligt war? Fällt sie heraus aus der Schar jener Menschen, die der Erlösung bedürfen? Nein, keineswegs! Auch Maria brauchte den Erlöser, nämlich Jesus Christus. Aber seine Erlösungsgnade wirkte sich bei ihr vollkommen aus. Und da Gott weder der Zeit noch dem Raum unterworfen ist, konnte er es bewirken, dass die Erlösungsgnade Christi sie im Voraus erreichte und sozusagen jeden Schatten der Sünde von vornherein ausschloss.

Maria hat dieses unverdiente Geschenk der Liebe Gottes angenommen und in Freiheit und Liebe mitgewirkt, als sie zum Vernunftgebrauch gelangte. Durch ihr ganzes Leben hindurch hat sie Gott die Treue bewahrt. Dies zeigt sich in der innigen Verbundenheit mit ihrem Sohn Jesus Christus, dem sie im Leben und im Sterben treu zur Seite stand. Sie teilte das Leiden des Sohnes am Kreuz mit ihm, indem sie in mütterlicher Liebe ihr Herz öffnete und ihn für uns alle dahingab. So ist sie in einer besonderen Weise auch unsere geistliche Mutter geworden. Als Jesus auferstanden war, teilte er seiner Mutter Maria seine Osterfreude mit: „Regina cali, laetare, alleluja!“ Der Herr ist wahrhaft auferstanden, und Maria darf sich mit ihm freuen. Als sich das Leben Mariens vollendete, wurde sie mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen, von wo aus sie uns weiterhin als Mutter und Königin nahe ist und uns durch ihre Fürbitte bei Gott nahe ist und beisteht.

Weihen wir uns in diesen Tagen ganz der Gottesmutter Maria! Vertrauen wir uns ihr an und schenken wir ihr unseren Leib und unsere Seele. Sie wird uns annehmen und uns ihrem Sohn Jesus Christus überantworten. Wer sich Maria ganz anvertraut, wird nicht enttäuscht werden, da sie in allem mit Gott verbunden ist. „Oh Maria, ohne Makel der Erbsünde empfangen – bitte für uns Sünder, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen!“ Amen.

 

·        Bulle „Ineffabilis Deus“ von Papst Pius IX. (08.12.1854)

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