Predigt
am Gedenktag des hl. Josef, des Arbeiters
1.
Mai 1999
L: Gen 1,26-2,3 oder Kol 3,14-15.17.23-24; Ev: Mt 13,54-58
Liebe Gläubige!
Wenn ein Mensch gesund ist und die Möglichkeit zur sinnvollen körperlichen und geistigen Betätigung findet, so kann er sich selbst entfalten und einen wichtigen Beitrag gegenüber den Mitmenschen leisten. Dies ist es, was wir in einem weitesten Sinn "Arbeit" nennen können: jede Art der schöpferischen Selbstentfaltung, bei der der Mensch seine Kräfte einsetzt. Heute ist unsere Sicht von Arbeit vorwiegend auf die sogenannte Erwerbsarbeit reduziert. Bei manchen steht überhaupt nur das Finanzielle und Materielle im Vordergrund, so als ob die einzige Frage die sein könne: "Was verdiene ich mit einer bestimmten Arbeit?" Arbeit, die auf diese Weise zum "Job" geworden ist, muß ihren gesamtmenschlichen Sinn verlieren. Der Mensch findet in ihr keine Erfüllung mehr, sondern sieht sie eher als Last an, als notwendiges Übel. Eben dies ist es, was die Heilige Schrift meint, wenn sie von der mühevollen Arbeit des Menschen als Straffolge der ersten Sünde spricht. Gewiß, an diesem Erbe tragen auch wir. Doch sollen wir nicht vergessen, daß uns Jesus Christus von dieser Folge der Sünde erlöst hat: Die Arbeit ist nicht mehr Strafe oder gar Fluch, sondern ein Geschenk Gottes zur gottgewollten Selbstverwirklichung des Menschen. In der je eigenen Arbeit, in der je eigenen Lebensaufgabe erfüllen wir uns und entfalten wir uns. So soll der "Beruf" zur "Berufung" werden.
Das Beispiel des heutigen Heiligen kann uns dies verdeutlichen: Der heilige Josef verdiente als Zimmermann mit seiner Hände Arbeit den Unterhalt für die heilige Familie. Insofern war diese seine Tätigkeit auch und zuerst einmal Erwerbsarbeit. Doch sein Handwerk bedeutete dem heiligen Josef mehr: Er sah darin eine Möglichkeit, seine Talente zu entfalten und den Mitmenschen zu dienen. Und vor allem war ihm die Arbeit eine Weise, Gott zu loben und zu preisen. Arbeit war für ihn zum Gebet geworden, da er alles für Gott tat.
Nun ist noch etwas zu bemerken: Offenbar hat der heilige Josef durch seine Arbeit eine bleibend gültige Interpretation dessen gegeben, was Gott dem Menschen in seinem Schaffen und Wirken zugedacht hat. Denn unser Herr Jesus Christus hat sich nicht gescheut, als kleines Kind in der Familie Josefs, des Arbeiters, aufzuwachsen. Als Jesus größer wurde, hat er mitgeholfen im elterlichen Handwerksbetrieb. So hat der Sohn Gottes gezeigt, daß die Arbeit – auch die körperliche – keine Entwürdigung der menschlichen Natur bedeutet, sondern ihrer gottgewollten Entfaltung dienen soll.
Unsere tägliche Arbeit kann auf diese Weise in einem neuen Licht erscheinen. Nicht auf das Materielle und Vergängliche soll sich unsere tägliche Arbeit vor allem richten, sondern auf die dadurch ausgedrückten geistigen Werte. Jede Arbeit – ob sie nun eher körperlich ist oder vorwiegend geistig – soll im letzten ein Beitrag sein, Gott zu loben und zu preisen. Wenn wir zu dieser Sicht vordringen und sie zu leben beginnen, werden wir auch in unserer Arbeit eine Quelle der Freude entdecken: Gott schenkt uns die persönliche und familiäre Entfaltung, er läßt uns beitragen zum Wohl der Menschen und führt uns auch im Alltag zu unserem ewigen Heil. Amen.