Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Wallfahrtspredigt in St. Marein (NÖ)
am 1. April 2000
Meßformular: „Maria, Mutter der Versöhnung“ (Marienmessen, Nr. 14)
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Stellen wir uns folgende Alltagssituation vor: Am Arbeitsplatz – vielleicht in einem handwerklichen Betrieb – gibt es zwei Menschen, die einander nicht ausstehen können. Es gelingt weder dem einen noch dem anderen, füreinander Verständnis aufzubringen. Im Gegenteil: Alles, was der eine macht, ist von vornherein schlecht in der Beurteilung des anderen. Kaum eine Gelegenheit vergeht, wo man sich die Ablehnung und Geringschätzung, das Mißtrauen und die Feindschaft nicht anmerken läßt. Ein Außenstehender würde sagen: Die beiden Arbeitskollegen vertragen sich „wie Hund und Katz“.
Wir alle werden zustimmen: Dies ist bestimmt keine Situation, wie wir sie uns wünschen. Ein gemeinsamer Ausweg hin zu mehr Frieden und Versöhnung müßte zum Wohl aller Betroffenen gesucht und gefunden werden. Und dennoch: Dies ist leichter gesagt als getan. Vielleicht wissen wir aus eigener Erfahrung – womöglich sogar aus ähnlichen Situationen des Streites und Konfliktes, der Friedlosigkeit oder der Feindschaft –, wie schwierig, ja scheinbar unmöglich es im Einzelfall sein kann, die Mauern des Hasses abzutragen und Brücken der Vergebung aufzubauen.
Geben wir uns keiner Illusion hin: Auch wir, die wir jetzt im gemeinsamen Glauben an Gott, der uns Frieden schenkt und Versöhnung stiftet, hier vor der „Mutter der Barmherzigkeit“ versammelt sind, leben in einer Welt, wo es all dies gibt und geben kann. Auch wir können davon betroffen sein, daß wir zwar nach dem Guten streben und die Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen suchen, uns aber dennoch manchmal so unendlich schwer tun mit der Erfüllung der 6. Vaterunserbitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Da tut es dann gut, in solchen verfahrenen Situationen aufzublicken zum Himmel, damit wir unseren engen, begrenzten Horizont überwinden, eine rein ichbezogene Sichtweise verlieren und im größeren Zusammenhang des Heilsgeschehens das beurteilen, was uns persönlich betrifft. Die Texte der heutigen Liturgie wollen uns dabei helfen, das Herz zu Gott zu erheben und dadurch frei zu werden für die wahre Liebe, die Gott uns schenken möchte.
So verkündet Paulus den Christen in Korinth: Gott hat „uns durch Christus mit sich versöhnt“. Das heißt: Die Überwindung der Feindschaft, die durch die Sünde zwischen Gott und den Menschen bestand, geschieht durch Gottes freien Entschluß, durch Gottes ungeschuldete, von der Liebe getragene Initiative. Es ist nicht wie in einem kleinlichen Streit zwischen Menschen, wo man sich gegenseitig die Schuld zuschiebt und keiner den ersten Schritt zur Versöhnung tun will. Im Gegenteil: Die Frage der Schuld ist hier ganz eindeutig geklärt. Nicht Gott ist schuldig geworden am Menschen, da er ihn doch aus Liebe erschaffen hat, sondern die Menschen sind aus eigener Willkür durch die Sünde von Gott abgefallen, sie haben Schuld gegenüber Gott auf sich geladen und befinden sich darum im Zustand der Feindschaft gegenüber Gott.
Was tut Gott nun? Wendet er das strenge Maß seiner Gerechtigkeit an und verurteilt er die Menschen? Sucht er nach einer Möglichkeit, den Sündern das volle Maß seiner Strafe zukommen zu lassen? Keineswegs: Er erbarmt sich der Menschen. Obwohl er keine Verantwortung für die Schuld der Menschen hat, tut er den ersten Schritt auf die Sünder zu. Er erklärt sich in seinem Sohn Jesus Christus bereit, die Sünde der Menschen auf sich zu nehmen. Wieder sagt es Paulus: „Er hat den, der keine Sünde kannte“ – nämlich Christus – „für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ Bedenken wir, was da geschieht! Es ereignet sich ein unerwarteter, völlig unverdienter Rollentausch: Gott, der Heilige, nimmt in seinem Sohn Knechtsgestalt an und tritt in die Reihen der Sünder. Er, der Sündenlose, trägt für die Sünder stellvertretend die Last ihrer Schuld und der verdienten Strafe. Er ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt – eben dadurch, daß er die ganze Schuld der Welt auf sich geladen und am Kreuz durch seinen Tod gesühnt hat aus Liebe zu uns.
Würden wir doch die göttliche Liebe besser begreifen! Dann könnten wir einsehen, daß es Gott nicht um Vorwurf geht oder um Strafe, sondern um Rettung und Versöhnung. Nicht ein ewiger Schuldvorwurf an den Menschen ist das Ziel Gottes, sondern die Neuschöpfung in Christus. „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Wir sind wirklich neu geschaffen in Christus. Durch die Taufe hat er uns alle Schuld vergeben; wir sind aufgenommen in die Gemeinschaft mit Gott, in seinen Frieden, den er allein uns schenkt. Ohne Ende ist das Erbarmen des Herrn!
In wenigen Wochen ist Ostern: Wir feiern den Tod und die Auferstehung unseres Herrn. Alles Böse wurde überwunden durch das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Das Leben wurde uns neu geschenkt in seiner Auferstehung, an der wir Anteil erhalten im Glauben und durch den Empfang der Sakramente.
Weil uns vom Kreuz her das Erbarmen des Herrn aufleuchtet, darum weist uns auch die Mutter Jesu, die selige Jungfrau Maria, auf dieses Gnadengeschenk hin. Im Angesicht des Todes hat der Herr seinen Jünger Johannes der liebenden Sorge seiner Mutter anvertraut: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Zum Jünger aber sagte er: „Siehe, deine Mutter!“
Heißt das nicht, daß jene Liebe und jenes Erbarmen, das uns Gott durch den Tod seines Sohnes hindurch schenken möchte, uns zuteil wird auf die Fürsprache und durch die Vermittlung seiner heiligsten Mutter, die zugleich unter dem Kreuz auch unsere Mutter geworden ist? Es kann doch niemandem mehr daran liegen, daß wir uns mit Gott versöhnen als Maria, der Mutter des Herrn Jesus Christus. Sie hat freiwillig auf ihn verzichtet um des Heiles der Menschen willen. Sie hat ihn gleichsam mit blutendem Herzen hingegeben, damit er den Willen seines Vaters erfüllen konnte. Geistig hat sie sich mit seinem Opfer vereint und ist so die Mutter all jener geworden, die er durch seinen Tod und seine Auferstehung als Kinder Gottes neu geschaffen hat im Glauben.
Darum der zu allen Zeiten gültige Aufruf der Kirche, wie ihn Paulus formuliert: „Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch mit Gott versöhnen!“ Jetzt, liebe Gläubige, ist die Zeit der Rettung, jetzt sind die Tage der Gnade, in denen unser Herz neu werden kann durch das Geschenk der Vergebung, das uns Gott zuteil werden läßt. Wie groß auch die Last der Sünden sei und wie schwer wir uns vielleicht tun in unserem Bemühen um Umkehr, um Lebensbesserung und Versöhnung: Gottes Liebe läßt uns nicht im Stich. Seine rettende Hand ist ausgestreckt in seinem Sohn. Ergreifen wir sie und lassen wir uns erlösen von ihm, der unser einziger Heiland ist!
Eines ist Gott bestimmt nicht: nachtragend. Wenn er vergibt, dann vergibt er für immer. Er rollt die Schuldgeschichte nicht immer wieder von neuem auf. Die Konsequenz für uns sollte klar sein: Handeln wir genauso an unseren Brüdern und Schwestern, die an uns schuldig geworden sind! Seien wir bereit zu aufrichtiger Vergebung und Versöhnung. Tragen wir das Böse nicht nach, das uns angetan worden ist!
In diesem Sinn hat auch der Heilige Vater, Papst Johannes Paul II., am 12. März 2000 eine Bitte um Vergebung an Gott gerichtet. Er hat sie gesprochen im Namen aller Söhne und Töchter der Kirche, da wir alle gegenüber Gott und den Mitmenschen immer wieder schuldig werden. Jeder von uns hat es nötig zu beten: „Vergib uns unsere Schuld“. Jedem gilt auch die Zusage von Gottes Erbarmen und Verzeihung, ohne Rücksicht darauf, wie groß seine Schuld ist, wenn er sie nur von Herzen bereut. Das Tor zum Heil steht offen, gerade auch in diesem Jubiläumsjahr 2000. Nützen wir die Gelegenheit zur Umkehr und zur geistlichen Erneuerung! Empfangen wir mit Vertrauen das Sakrament der Buße. Hier wird uns Gottes Liebe zuteil.
Lassen wir uns von Maria, der Mutter der Versöhnung, hinführen zu ihrem Sohn. Ihre Liebe weist niemanden ab, der zu ihr kommt. Sie, die Sündenlose, ist die Zuflucht der Sünder und die „Mutter der Barmherzigkeit“. Übergeben wir ihr unser Leben, schenken wir ihr unser Herz. Weihen wir uns ihr und stellen wir uns unter ihren Schutz! Dann haben wir nichts zu fürchten. Es wird uns der Friede Christi geschenkt werden, der alles Begreifen übersteigt. Gestärkt durch seine Gnade werden wir fähig sein, Zeugnis zu geben für die Frohbotschaft von der Erlösung. Möge durch den Dienst der Kirche die Gnade der Versöhnung alle Menschen erreichen. Amen.