Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt bei der Jahresabschlußmesse
in Säusenstein am 31.12.1997
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In wenigen Stunden geht das bürgerliche Jahr 1997 zu Ende. Und so wie es in vielen Lebensbereichen üblich ist, einen Jahresrückblick zu halten, so sind auch wir jetzt in der Kirche versammelt, um gemeinsam vor Gott dieses Jahr zu beschließen!
Vor allem ist es der Dank, der uns bewegen soll, Gott als dem Spender aller guten Gaben des vergangenen Jahres unseren Lobpreis entgegenzubringen. Vieles haben wir erlebt, Frohes und Schönes, aber auch Schweres und Leidvolles. Manches ist uns unbegreiflich. Dennoch sind wir getragen vom Vertrauen, daß der gütige und barmherzige Gott alles in seinen Händen trägt und unser Leben lenkt und leitet, dem Ziel ewiger Vollendung entgegen!
Alles hat seine Zeit und seine Stunde, heißt es schon im Buch Kohelet (3,1-8), einem Teil des Alten Testaments.
"Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden."
Das menschliche Leben entwickelt sich und entfaltet sich im Nacheinander der Ereignisse und Geschehnisse des Lebens. Unser Leben aus dem Glauben und unser sittliches Streben muß sich bewähren im Wechsel der Zeit. Nicht in einem einzigen Augenblick wirken wir unser Heil, sondern das ganze Leben ist entscheidend für uns. Freilich: Wenn wir uns fragen, was wohl die wichtigste Stunde im Leben ist, so müssen wir sagen: die gegenwärtige. Denn was vergangen ist, können wir nicht mehr ungeschehen machen und ändern, außer durch Reue, die bei Gott Vergebung für vergangene Sünden erwirkt. Und was kommen wird, ist unserem Wissen und Erkennen noch verborgen. Nur die Gegenwart ist in unsere Verantwortung gestellt. Daher kommt es immer wieder darauf an, den Anruf Gottes gerade in der jetzt gegenwärtigen Stunde zu entdecken!
Genau das meint Jesus, wenn er uns dazu aufruft, allezeit zu wachen und zu beten (vgl. Lk 21,36)! Denn jetzt ist die Stunde der Gnade und des Heiles. Ähnlich beten wir auch im "Gegrüßet seist du, Maria": "... bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."
Dieses Gebet des "Ave Maria" weist uns aber darauf hin, daß einmal am Ende unseres Lebens die gegenwärtige Stunde zusammenfallen wird mit der Stunde unseres Todes. Da niemand weiß, wann der Herr zu uns kommt, heißt es allezeit wachsam sein. Denn die gegenwärtige Stunde könnte für uns schon die letzte sein!
Und selig, wen der Herr wachend findet, wenn er kommt, sagt Jesus (vgl. Lk 12,37).
So soll uns also in dieser Stunde des Rückblicks auf das vergangene Jahr 1997 und des Ausblicks auf das neue Jahr 1998 nicht lähmende Zukunftsangst quälen. Freilich wissen wir nicht, was uns das neue Jahr bescheren wird. Es gibt Menschen, die sehen alles in den schwärzesten Farben. Diesen Pessimismus wollen wir als Christen nicht teilen. Denn selbst dort, wo menschlich keine Hoffnung mehr besteht, gibt es für Gott immer noch Wege des Heiles und der Hoffnung. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (gestorben im KZ) hat dieses Gottvertrauen in einem Ihnen vielleicht bekannten Lied so ausgedrückt:
"Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr."
Nehmen wir das neue Jahr an als ein Geschenk aus Gottes Hand! Sagen wir nicht immer: "Ich habe keine Zeit." Denn Gott schenkt uns die Zeit! Er schenkt uns wieder ein neues Jahr, und wir sind verantwortlich dafür, was wir daraus machen.
Nehmen wir uns Zeit für das Gebet und für Werke der Liebe! "Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse!" (Eph 5,16) Auch zu viele gute Vorsätze können unser Leben belasten. Es kommt nicht darauf an, daß wir uns viel vornehmen, sondern daß wir viel Gutes tun!
Morgen feiern wir das Hochfest der Gottesmutter Maria. Sie hat uns Jesus geschenkt, als die Fülle der Zeit gekommen war (vgl. Gal 4,4). Gott ist Mensch geworden aus der Jungfrau Maria. Sie möge unser Leben zu Gott hin lenken, daß wir auch im Neuen Jahr das Heil erfahren, das Gott uns in seinem Plan ewiger Liebe bereitet hat! Amen.
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