Pfarrer Ludwig A. Seidl
Und
das soll alles gewesen sein?!
Predigt bei der Beerdigung einer Vierzehnjährigen
"Wie jeden Morgen, Herr, bin ich aufgestanden, woher sollte ich denn auch wissen, daß es mein Letzter sein würde? Und hätte ich es nur erahnt, von weitem deinen Ruf gehört, so hätte ich dir entgegengeschrien: Nein! Was bist du nur für ein Wesen, was für ein Gott, scheinbar fremd dem Herz des Menschen. Du läßt den Atem wie die Liebe schwinden, mich allein auf dem Weg durch die Finsternis. Die Türe meines jungen Erdenlebens hast du zugeschlagen. Weinend bleiben die zurück, in deren Liebe ich geborgen war. Gekommen bist du, wie der Dieb in der Nacht, hast mir all die Jahre genommen, die ich in meinen Träumen ausgeschmückt. Du sagst, es war genug, die Zeit erfüllt. Wußtest du denn nichts von meinen Plänen? Du hast mich gerufen, als ich eben alleine sein wollte in meiner eigenen kleinen Welt. Siehst du nicht die Menschen, die Trauer tragen wegen mir und dir? All die Freunde und Bekannten, die fassungslos vor ihren Fragen steh´n? Mit meinem jungen Leben hast du auch ein großes Stück von ihnen mitgenommen. Gefällt es dir, wenn sich die Menschen fragen - warum? - und ohne Antwort bleiben?"
So etwa hätte Marlies beten können. Vielleicht hat sie es auch getan, sofern ihr die Zeit dazu noch geblieben ist. Wo steht denn geschrieben, daß wir zu allem Ja und Amen sagen müssen? Wer kann es uns Menschen denn verdenken, wenn wir uns gegen das Unbegreifliche auflehnen, versuchen, den unbegreiflichen Gott in Verantwortung für sein Handeln zu nehmen? Er hat uns doch nicht gegen seine himmlische Langeweile erfunden, uns nicht in überzeichneter Künstlerlaune nach seinem eigenen Ebenbild geschaffen. Uns nicht nur so gewollt, wie manchmal ein Kind ein Spielzeug begehrt und dessen bald überdrüssig wird. Ins Leben hat er uns, hat er Marlies gerufen, weil er uns unendlich liebt! Das sagt die Heilige Schrift.
Der Tod ist der grausame Feind des Lebens, zumindest eines so jungen Lebens. Auf Schritt und Tritt folgt er uns, nistet sich ein bei uns wie ein Parasit, den man erst entdeckt, wenn´s schon zu spät ist. Gott hat alles geschaffen, so glauben wir und neigen demütig murrend in dieser Stunde unser Haupt, während sich unser Herz aufbäumt im Schmerz und zum Himmel schreit. Gott hat alles geschaffen, so bekennen wir, nicht aber den Tod. Der ist wahrhaftig kein Schöpfergedanke. Durch die Sünde kam er in die Welt, sagt ein Apostel, und das allein ist die vernünftige Erklärung für seine Grausamkeit. Denn die Sünde, wir erleben es ja immer wieder hautnah, die Sünde macht krank und tötet. Da lieben sich zwei Menschen, und in ihrer Unachtsamkeit verletzen sie sich bisweilen genauso tief, wie sie sich vormals geliebt haben. Das ist das Los der Sünde, und sie hat uns letztlich auch unserem Gott entfremdet. Er will und liebt aber das Leben, nicht allein für sich, sondern gerade für uns Menschen. So hat er das Liebste der Vergänglichkeit überantwortet, seinen Sohn, damit wir das Leben wieder zurückgewinnen können, nicht im Tod die Liebe endgültig verlieren.
Das Leben der jungen Marlies, wo ist es geblieben, wohin hat sie es ausgehaucht? Nicht in die Erde, die sie jetzt bedecken wird, nicht in das Nichts, das heute soviele Menschen dem Himmel vorziehen, nicht in die dümmliche Erklärung, wir lebten als irgendetwas in irgendetwas weiter. Zum Sterben hat sich Marlies in die Hand dessen gelegt, der sie in der Taufe zu seinem Kind gemacht hat, in die Hand des liebenden Vaters, ganz nahe seinem Herzen, an das er alle Menschen ziehen möchte. Und im letzten Augenblick, im ersten Augenblick ihres neuen, nunmehr unvergänglichen Lebens, hat sie das menschenfreundliche Angesicht Gottes gesehen. Im Heiligen Geist, den sie in der Firmung bekam, wurde aus ihrer Ahnung, was Liebe denn nun wirklich ist, Gewißheit. Die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Geborgenheit, nach dem Aufgehoben und Eingebettetsein in die Liebe, hat sich für Marlies am Samstag erfüllt. Viel zu früh, sagen wir, die wir um sie trauern. Aber Marlies weiß jetzt, daß es für sie keine bessere Stunde hätte geben können. Unglaublich und unvorstellbar für uns, die wir manchmal in den Tag hineinleben, als sei diese Welt bereits die Erfüllung unserer Hoffnung. Wer hat denn heute noch den Mut, den Kindern und den Jugendlichen, den jungen Erwachsenen und den Alten die Augen für das Wesentliche unseres Lebens zu öffnen? Man verschließt sie ihnen mit den Wertlosigkeiten dieser Welt, macht ihre Ohren mit dem Schrei nach Nichtigkeiten taub. Derweil nehmen ihre Herzen großen Schaden, und niemand ist mehr da, der sie in ihrem Schmerz, in ihrem Entsetzen über sich und die Welt trösten könnte.
Ich möchte nicht davon reden, was Marlies vielleicht erspart geblieben ist, sondern davon, was sie im Tod gewonnen hat. Und das ist die Liebe Gottes, aus der die Liebe ihrer Eltern geboren ist, die Liebe ihres Bruders und aller Menschen guten Willens. Wir betten sie zur letzten Ruhe, sie aber lebt in der Freude unseres Herrn. Wir trauern um sie, aber nicht wie Menschen, die nicht an unsere Zukunft bei Gott glauben. Wir nehmen Abschied von ihr, sie aber erwartet uns dort, wo unsere ewige Heimat ist, im Himmel. Wir beten für sie, und Marlies spricht nun selbst mit Gott, von Angesicht zu Angesicht:
"Jetzt erkenne ich dich, wie du wirklich bist. Alles, was ich in meinem kurzen Leben über dich gehört habe, sehe ich erfüllt. Bei dir bin ich geborgen, in deiner Liebe lebe und atme ich. Mit deiner Liebe hast du alles zugedeckt, was nicht in Ordnung war, meine Sünden hast du hinter dich geworfen. Nach dir habe ich gesucht, Herr, und du läßt mich bei dir finden, was ich in der Welt zurücklassen mußte, die Liebe. Sieh in die Augen der Menschen, die mich geliebt haben. Trockne ihre Tränen, heile ihren Schmerz und führe uns wieder zusammen, am Ende ihrer Tage, im Augenblick unseres gemeinsamen Neubeginns in deinem Reich."
Pfarrer Seidl betreute die katholischen Pfarren Gnadenberg, Sindlbach und Stöckelsberg (Deutschland). Er verstarb am 24.02.2003 völlig überraschend im Alter von nur 48 Jahren.
Diese Predigt wurde im Internet auf STJOSEF.AT mit
freundlicher Genehmigung des Autors publiziert. Der Name der Verstorbenen
wurde anonymisiert. HTML-Konvertierung von Dr. Josef Spindelböck.
Erstellt am 21.04.1998. Aktualisiert am 09.12.2011.
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