Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau
Das Evangelium vom Leben
Ansprache bei der Messe für die Teilnehmer
am "Pro-Life-Marsch"
in Ybbs am 17. Juli 1998
und Gebet für das Leben von Papst Johannes Paul
II.
Liebe Jugendliche, liebe Gläubige!
Wenn Ihr in diesen Tagen am "Marsch für das Leben" durch Österreich teilnehmt, so ist es Euer Anliegen, durch diese positive Aktion auf den unverfügbaren Wert des menschlichen Lebens und des Lebens überhaupt hinzuweisen. Das Leben ist kostbar, es ist ein unbezahlbarer Wert, der uns geschenkt wurde von Gott, dem Schöpfer allen Lebens! Das Leben ist uns Anlaß zur Dankbarkeit und Freude. Es verweist auf den guten Schöpfer aller Dinge, der uns liebt und uns beim Namen gerufen hat. Zu jedem von uns persönlich sagt er: "Ich liebe dich. Ich habe dich ins Herz geschlossen. Ich bin bei dir und verlasse dich nicht. Dein Leben ist in meiner Hand geborgen."
Es gibt viele Formen des Lebens: pflanzliches und tierisches Leben in zahlreichen Arten sowie als Krone der sichtbaren Schöpfung das Leben des Menschen. Christen sollten sich als Freunde des Lebens erweisen. Das Leben ist etwas Wunderbares, etwas Unbegreifliches, etwas das der Mensch nicht schaffen oder produzieren kann, sondern das ihm geschenkt wird, das er aber erhalten und schützen und nach Kräften in seiner Entfaltung fördern soll. Die Sensibilität, das Gespür dafür gilt es wieder wachzurufen, und das versucht Ihr durch Euren "Pro-Life-Marsch"!
Wenn wir jetzt am Gottesdienst der Heiligen Messe teilnehmen, so wird unsere Sicht des Lebens noch weiter vertieft durch den Blick auf Jesus Christus. Der menschgewordene Sohn Gottes hat am Kreuz sein Leben für uns hingegeben, damit wir das Leben haben. Gott schenkt uns Menschen Anteil an seinem göttlichen Leben. So wird durch die Taufe und die übrigen Sakramente unser natürliches Leben emporgehoben, gleichsam verwandelt, vergöttlicht. Gott nimmt uns an als Söhne und Töchter. Er nennt uns seine Kinder, deren Leben er in seiner liebevollen Vorsehung schützt und begleitet und der uns einmal das ewige Leben in der seligen Gemeinschaft mit ihm und allen Heiligen schenken möchte. Unser Leben ist in den Augen Gottes unendlich kostbar.
Doch kennen wir auch die "Wunden" in der heutigen Gesellschaft. Der Papst hat bei seinem Besuch wieder darauf hingewiesen, daß in der sogenannten "Fristenlösung" das Recht auf Leben vieler ungeborener Menschen verletzt wird. Geben wir diesen Ungeborenen eine Stimme! Setzen wir uns für die Wehrlosen und Entrechteten ein! Lassen wir es auch nicht zu, daß die alten Menschen durch eine sogenannte "Sterbehilfe" ihres Lebensrechtes beraubt werden. Der Papst schreibt in der Enzyklika "Evangelium vitae" vom 25. März 1995: "Abtreibung und Euthanasie sind Verbrechen, die für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen kann." (Evangelium vitae, Nr. 73).
Wie sollen wir auf diese Fehlentwicklungen in der Gesellschaft reagieren? Euer Einsatz für eine "Kultur des Lebens" ist nicht militant, sondern geschieht vor allem durch das positive Lebenszeugnis für den gottgeschenkten Wert des Lebens. Wir müssen zugleich in barmherziger Liebe jenen Menschen beistehen, die schuldig geworden sind gegenüber dem Schutz des menschlichen Lebens. Hier denken wir besonders an Frauen, die abgetrieben haben und die vielleicht von anderen dazu gedrängt wurden und im Nachhinein oft furchtbare seelische Konflikte durchleiden müssen. Nicht strafen, sondern helfen muß für diese Frauen, die als "Täter" vielleicht noch mehr selber "Opfer" geworden sind, das Ziel sein.
Lassen wir uns in dieser Eucharistiefeier von Gott beschenken, der uns in der Heiligen Kommunion Jesus als das Brot des Lebens schenkt. Es ist eine Speise, die fortdauert für das ewige Leben. Leben ist Gemeinschaft, Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
Möge Maria, die dem Jesuskind das irdische
Leben geschenkt hat, uns hinführen zur Quelle des Lebens, dem lebendigen
Gott. Amen.
O Maria,
Morgenröte der neuen Welt,
Mutter der Lebendigen,
Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an:
o Mutter, blicke auf die grenzenlose Zahl von Kindern,
denen verwehrt wird, geboren zu werden,
von Armen, die es schwer haben zu leben,
von Männern und Frauen,
die Opfer unmenschlicher Gewalt wurden,
von Alten und Kranken,
die aus Gleichgültigkeit oder angeblichem Mitleid getötet wurden.
Bewirke, daß alle, die an deinen Sohn glauben,
den Menschen unserer Zeit
mit Freimut und Liebe
das »Evangelium vom Leben« verkünden können.
Vermittle ihnen die Gnade, es anzunehmen als je neues
Geschenk,
die Freude, es über ihr ganzes Dasein hinweg
in Dankbarkeit zu feiern,
und den Mut, es mit mühseliger Ausdauer
zu bezeugen,
um zusammen mit allen Menschen guten Willens
die Zivilisation der Wahrheit und der Liebe zu errichten,
zum Lob und zur Herrlichkeit Gottes,
des Schöpfers und Freundes des Lebens. Amen.
"Evangelium vitae", Nr. 105
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