Predigt am Pfingstsonntag
(22. Mai 1999,
Lesejahr A)
L 1: Apg 2,1-11; L 2: 1 Kor 12,3b-7.12-13; Ev: Joh 20,19-23
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Kennen und verehren wir den Heiligen Geist? Diese Frage sei am Pfingstfest gestattet, obwohl uns allen bewußt ist, daß eben der heutige Festtag das Fest des Heiligen Geistes ist. Und natürlich wird der gläubige Christ sagen, daß er an den einen Gott in drei Personen glaubt, nämlich an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.
Aber die Frage ist, ob wir über eine bloß formelhafte Kenntnis hinaus auch eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott pflegen. Ist für uns Gott eine derart gegenwärtige und unmittelbare Wirklichkeit, daß wir ihn in unser Leben einbeziehen, ja daß er sogar im Mittelpunkt unseres Lebens steht, oder sind Religion und Glaube doch eine Nebensache in unserem Leben? Das müssen wir uns immer wieder fragen. Den Heiligen Geist anzurufen und zu verehren soll nicht nur das Privileg besonders auserwählter Gruppen in der Kirche sein, sondern es ist ein Anliegen, das jeden Getauften und Gefirmten angeht, eine Sache, die uns alle betrifft.
Es gibt verschiedene Bilder für das Wirken des Heiligen Geistes. Wir wissen, daß er in Gestalt einer Taube auf Jesus herabkam, als dieser im Jordan von Johannes getauft wurde. Zu Pfingsten begegnet uns der Gottesgeist im Sturmesbrausen und in Zungen von Feuer, in denen er auf die Apostel und Jünger sowie die gläubigen Frauen, zusammen mit Maria, der Mutter Gottes, herabkommt. Auch wenn wir uns den Heiligen Geist oft schwer vorstellen können - er ist uns nahe! Besonders dann, wenn wir beten, erfüllt er unser Herz und lenkt unsere Gedanken. Denn wir selber wissen oft nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen. Der Heilige Geist jedoch tritt für uns ein (vgl. Röm 8,26).
Die Kirche ist zu allen Zeiten die Gemeinschaft der Glaubenden im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist gleichsam die Seele der Kirche, die mit einem geheimnisvollen Leib verglichen werden kann. Wir gehören zu dieser Kirche durch die heilige Taufe und aufgrund des katholischen Glaubens, in dem wir getauft sind. Ein jeder von uns ist ein Glied am geheimnisvollen Leib der Kirche. So ist der Heilige Geist auch unser Anteil, denn er belebt und beseelt den Leib Christi, der die Kirche ist. Es wäre vermessen, den Geist Christi vorzugsweise außerhalb seiner Kirche finden zu wollen. Zwar weht der Geist, wo er will, aber er hat sich freiwillig in der Fülle seiner Gegenwart und seines Wirkens an die Kirche Christi gebunden. In dieser Kirche wirkt der Heilige Geist: So hält die Kirche kraft des Heiligen Geistes unverlierbar am Glauben der Apostel fest und gibt ihn weiter an die Menschen aller Völker und Zeiten. Im Heiligen Geist werden die Sakramente gefeiert, und vor allem das Geheimnis der heiligen Eucharistie. Im Heiligen Geist gibt es eine wahre Einheit aller, die zu Christus gehören; in dieser Einheit vollziehen sie ihren Dienst am Reich Gottes.
So soll uns das heutige Pfingstfest wieder helfen, den Glauben an die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Kirche und in uns lebendig werden zu lassen. Wir wollen den Heiligen Geist bitten, daß er mit der Fülle seiner Gaben zu uns komme und uns mit dem Feuer seiner Liebe erfülle. Wir erbitten den Geist der Weisheit und des Verstandes, in dem wir erkennen, was recht ist. Wir erflehen den Geist des Rates und der Stärke, damit wir die Kraft haben, das Gute auch zu tun. Wir bitten um den Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, damit Glaube und Wissen in eine fruchtbare gegenseitige Verbindung treten, und wir flehen Gott an um den Geist der Furcht des Herrn, der uns die wahre Ehrfurcht vor Gott in jener Liebe lehrt, die alle knechtische Furcht überwindet.
Wie anders könnten wir um den Heiligen Geist
beten als in Einheit mit der Jungfrau und Gottesmutter Maria,
die im Kreis der Apostel und Jünger zugegen war, als diese den Heiligen
Geist erflehten? Maria ist sozusagen das mütterliche Herz der Kirche;
ihrer Fürbitte empfehlen wir alle unsere Anliegen, Sorgen und Nöte.
Sie war bereit für das Kommen des Heiligen Geistes, der in ihr Großes
gewirkt hat zum Heil der Menschen. Sie erbitte uns jene Offenheit für
Gott, die nötig ist, damit der Heilige Geist unser Leben mit seiner
Liebe und Gnade erfüllt und es verwandelt. In der Kraft der Liebe,
die der Heilige Geist in uns entzünden möge, wollen wir das
Gute tun und einander lieben. Denn so erfüllen wir den Auftrag
Jesu Christi, der allezeit bei uns bleibt im Heiligen Geist und der einst
wiederkommen wird in Herrlichkeit. Amen.