Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für Pfingsten
18. Mai 1997 (Lesejahr B)


L 1: Apg 2,1-11; L 2: 1 Kor 12,3b-7.12-13 oder Gal 5,16-25;
Ev: Joh 20,19-23 oder 15,26-27; 16,12-15


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Fünfzig Tage nach Ostern sind auch wir heute versammelt, um zu Gott zu beten und ihn um das Geschenk des Heiligen Geistes zu bitten. Aber wie ist das eigentlich: Bauen und vertrauen wir auf die Gegenwart des Heiligen Geistes? Erwarten wir sein machtvolles Eingreifen auch in unserer Zeit und in unserem Leben, in unserer Welt, in der Kirche von heute? Sind wir selber „be-geist-erte“ Christen?

Eine ehrliche Antwort wird zugeben müssen, daß vieles in unserem Leben schon zur Routine und Gewohnheit geworden ist. Somit stehen wir dem Wirken des Heiligen Geistes manchmal eher ablehnend und zurückhaltend gegenüber, zumindest in der Praxis. Vielleicht würde es von manchem als Störung seines friedlichen Lebens (oder etwa gar der Ruhe von geistlich Schlafenden oder Toten?) empfunden werden, wenn der Atem und das Feuer des Heiligen Geistes plötzlich zu intensiv spürbar werden sollten. Ein (spieß)bürgerliches Minimalchristentum, das sich selber und niemandem anderen weh tut, das das eigene gute Gewissen nicht in Frage stellt und dem anderen in keiner Weise nahetreten will - das ist eine Versuchung für uns alle, Laien wie Priester eingeschlossen!

Dennoch sind wir jetzt zu Pfingsten versammelt, um das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel, Jünger und Frauen, auf die erste christliche Gemeinde - die Urkirche - zu feiern. Was wollen wir also? Möchten wir halbe Christen bleiben oder doch immer mehr zu ganzen werden?

Es ist schon richtig, daß das Leben umwandelnde Bekehrungen eher selten sind. Nicht oft geschieht es, daß Menschen so sehr vom Geist Gottes ergriffen werden, daß sie von heute auf morgen ihr Leben von Grund auf ändern, ihren Egoismus besiegen und ihr ganzes Sinnen und Streben auf Gott und die Nächsten hin ausrichten: denken wir nur an Maria Magdalena, an den Apostel Paulus oder den heiligen Franziskus! Der gewöhnliche Weg der Christen ist einfach ein lebenslanges Mühen und Ringen um das Leben aus dem Glauben. Und das ist gewiß nicht weniger wertvoll als außergewöhnliche Gaben. Denn es ist eine Gabe des Geistes, den Alltag geduldig zu bestehen, unsympathische und lästige Menschen zu ertragen und sich selber mit seinen Grenzen in Liebe und Demut anzunehmen!

Aber gerade in diesem Fall ist es wichtig, daß die jugendliche Frische und Lebendigkeit, die uns der Geist Gottes in Taufe und Firmung schenkt, nicht verlorengehen, daß wir uns immer wieder im Geist erneuern und von der Liebe Gottes entflammen lassen!

Wenn wir also nicht bloß mit den Lippen, sondern mit dem Herzen um das Kommen des Heiligen Geistes in unser Leben beten, so müssen wir bereit sein dafür, daß uns der Geist Gottes in einer ungewohnten Weise anrührt und ergreift, daß er unser Leben in eine für uns bis jetzt noch nicht absehbare Richtung lenkt und wir Abschied nehmen müssen von den alltäglichen Sicherheiten (wie Geld, Macht und Genuß), die sich im Letzten ja doch als brüchig und vorläufig erweisen.

Im Tagesgebet haben wir gebetet: „Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich glauben.“

Machen wir uns diese Bitte persönlich zu eigen! Dann werden wir erfahren dürfen: Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit (vgl. 2 Kor 3,17) und Leben. Denn die „Frucht des Geistes ... ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“, wie Paulus im Brief an die Galater schreibt (Gal 5,22 f).

Ein besonderes Geschenk Jesu an seine Kirche ist die Gabe des Heiligen Geistes zur Vergebung der Sünden. Nur Gott allein kann Sünden vergeben. Die Apostel und ihre Nachfolger und Mitarbeiter - das sind die Bischöfe und Priester der Kirche - sind in Christi Namen dazu gesandt, als Diener der Versöhnung das Geschenk der Vergebung von Gott her zu vermitteln. Wenn der Priester im Sakrament der Buße von den Sünden losspricht, so ist es Christus, der uns durch sein kostbares Blut von allem Bösen befreit und mit Gott versöhnt. Der Geist der Liebe wird ausgegossen in unser Herz (vgl. Röm 5,5).

In diesem Geist rufen wir zu Gott „Abba - Vater“ (vgl. Röm 8,15). Lassen wir unser Leben lenken vom mächtigen Geist Gottes, der uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns zum ewigen Leben führt. Amen.


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