Predigt für
den Ostersonntag
(4. April 1999)
L 1: Apg 10,34a.37-43; L 2: Kol 3,1-4 (oder: 1 Kor 5,6b-8); Ev: Joh 20,1-18 oder Mt 28,1-10
Liebe Brüder und Schwestern!
Wie geht es uns, wenn wir am heutigen Tag Auferstehung feiern? Die Frage mag sich stellen, ob wir uns mit der Feier von Ostern nicht in eine Traumwelt flüchten, wenn wir die jüngsten Vorgänge in Kosovo bedenken? Haben wir Christen überhaupt das Recht, angesichts des Elends und der Not so vieler Menschen einander "frohe Ostern" zu wünschen? Ist unser Bekenntnis zur Auferstehung Christi von den Toten nicht eine zu billige Vertröstung für jene, die unter Gewalt und himmelschreiendem Unrecht leiden müssen? So oder ähnlich werden in diesen Tagen manche fragen. Auch uns als gläubige Christen können die jüngsten Ereignisse nicht unberührt lassen. Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und Ostern feiern, als ob nicht gewesen wäre. Als Christen, die wirklich an die Auferstehung Jesu von den Toten glauben, dürfen wir am Leid und Elend so vieler Menschen in Not nicht vorübergehen!
Andererseits: Wem würde es helfen, wenn wir in gutgemeinter, aber dennoch falsch verstandener Solidarität mit den Leidenden und Sterbenden auf jede Freude verzichten würden? Oder wenn wir unsere Osterbotschaft ersetzen würden mit einem Pessimismus des nahenden Weltuntergangs, wenn wir anstatt von der Erlösung zu sprechen, nur noch auf das Leid und Elend blicken würden?! Denn auch das Kreuz, das der Herr aus Liebe zu uns Menschen auf sich genommen hat, war nicht das Letzte. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Auferstehung und das Leben! Diese Botschaft der Hoffnung dürfen wir nicht verschweigen, auch und gerade angesichts des derzeitigen Elends in der Welt.
Wovor wir uns allerdings hüten müssen, ist, daß wir uns selbstzufrieden oder gar selbstgerecht zurücklehnen und sagen: "Was gehen mich die anderen an? Hauptsache, daß mir nichts passiert. Die werden schon selber schuld sein, wenn es ihnen so schlecht ergeht." Eine derartige Haltung wäre eines Christen unwürdig. Dem Vorbild und Beispiel Jesu entspricht vielmehr, daß wir auch in diesen leidenden und mißhandelten Brüdern und Schwestern das zerschundene Antlitz Christi erkennen. Sie brauchen unser Mitgefühl und unsere tatkräftige Solidarität. Jeder soll seinen Beitrag leisten, so wie er es kann und wie es ihm möglich ist. Freilich darf bei aller Betonung der humanitären Hilfe durch Caritas, Rotes Kreuz und andere Organisationen auch die ernste Frage gestellt werden, ob nicht die internationale Staatengemeinschaft jene angeblich gerechtfertigten Luftschläge auch durch humanitäre Maßnahmen für die vielen Opfer von Vertreibung und Gewalt ausgleichen sollte. Es kann nicht angehen, daß jene, die Krieg führen, sich um die Not der betroffenen Menschen nicht oder zu wenig kümmern. Daher spüren viele jetzt auch eine gewisse innerliche Reserve, sofort zu spenden, weil sie zugleich sehen, wieviel Geld in militärische Ausrüstung und Bomben gesteckt wird.
Nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes war eine Frau die erste Zeugin der Auferstehung Jesu. Maria von Magdala kam frühmorgens zum Grab des Herrn und sah, daß es leer war. In ihrer Not verständigte sie die Apostel, die ebenfalls das leere Grab vorfanden. Noch waren sie aber nicht zum Glauben an die Auferstehung gelangt. Zwei Engel führen die trauernde Frau dann zur Begegnung mit Jesus, den sie anfangs gar nicht erkennt. Er muß ihr erst die Augen des Herzens öffnen und spricht sie, nachdem sie ihm ihre Not geklagt hat, mit ihrem ganz persönlichen Namen an: "Maria"! Da erkennt sie den Meister und wird zur ersten Verkünderin des Glaubens an den auferstandenen Herrn. Sie kann vor Freude nicht mehr schweigen, sondern verkündet allen: "Ich habe den Herrn gesehen."
Geht es uns nicht auch so? Wenn wir wirklich an Jesus glauben, der für uns gestorben und auferstanden ist, dann können wir unmöglich schweigen von dem, was Gott für uns getan hat. Wir sind gedrängt, unseren Glauben zu bekennen, immer wenn wir am Sonntag die Auferstehung Jesu feiern. Wir werden auch gedrängt sein, unseren Brüdern und Schwestern in Not beizustehen, wenn sie unserer Hilfe bedürfen.
Nur dann wird unser Zeugnis glaubwürdig,
wenn wir uns nicht einschließen in unsere Kammer, sondern die
empfangene Freude mit anderen teilen. Das möge uns immer mehr
gelingen aufgrund der Osterbotschaft von der wahren Auferstehung des Herrn.
Ja, der Herr ist wahrhaft auferstanden. Jesus lebt, und wir mit ihm.
Amen, halleluja!