Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Ostersonntag
(12. April 1998)
L 1: Apg 10,34a.37-43; L 2: Kol 3,1-4 (oder: 1 Kor 5,6b-8); Ev: Joh 20,1-18 oder Lk 24,1-12
Liebe Brüder und Schwestern!
Jesus ist auferstanden! Ja, er ist wahrhaft auferstanden! So ruft uns die Kirche heute zu, und dieser Jubel soll das Herz aller erfüllen, die an den menschgewordenen Sohn Gottes glauben, der für uns gekreuzigt, gestorben und begraben und am dritten Tage von den Toten erstanden ist.
Es darf uns nicht wundern, daß viele Zeitgenossen mit dem Glauben an den auferstandenen Herrn ihre Schwierigkeiten haben und lieber esoterischen Lehren nachlaufen. Sie meinen dort zu finden, was sie suchen: Spiritualität, Religion, mystische Erfahrung der Einheit alles Lebendigen. Ob sie dabei aber wirklich dem lebendigen und rettenden Gott begegnen, sei infrage gestellt. Denn oft kreist die Suche nach besonderen "religiösen" Erfahrungen nur um sich selbst, oft ist der "Gott", den manche sich in ihrer Vorstellung zurechtbilden, nur eine Projektion ihrer eigenen ungeläuterten Wünsche und Sehnsüchte. Nicht ganz von ungefähr vertreten manche Lehrer dieser in die Irre führenden "Spiritualitäten" die Meinung, sie selber seien ein Teil des Göttlichen oder gar Gott.
Wir stehen vor dem Phänomen, daß auch manche Christen, die noch ab und zu den Gottesdienst besuchen, die Lehre von der Wiedergeburt für wahrscheinlicher und glaubwürdiger halten als die sicher bezeugte Botschaft von der Auferstehung Jesu.
Was vermögen wir als gläubige Christen dem entgegenzusetzen? Wie können wir auf diese Herausforderungen des modernen Unglaubens antworten? Wie sollen wir reagieren?
In keinem Fall dürfen wir uns erschüttern oder selber verunsichern lassen. Denn es ist uns ja in der Heiligen Schrift vorausgesagt, daß Zeiten kommen werden, in denen die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr ertragen und sie sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer suchen werden, die den Ohren schmeicheln (vgl. 2 Tim 4,3).
In bestimmten Kreisen gehört es fast schon zum guten Ton, die einfache, aber anspruchsvolle und zur Stellungnahme des Glauben oder Unglaubens auffordernde Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi zu belächeln und jene, die noch an dieses "Märchen" glauben, für weltfremd oder gar für leicht verrückt zu erklären. Diese Einstellung äußert sich dann darin, daß die Berichte der Evangelien auf die Seite geschoben werden und man sich ähnlich äußert wie gegenüber dem Apostel Paulus auf dem Areopag von Athen: "Darüber wollen wir dich ein andermal hören" (Apg 17,32). Auch bestimmte Theologen können in dieses Fahrwasser des modernen Unglaubens geraten, wenn sie die These für diskussionswürdig halten, Auferstehung bedeute nur, daß die Sache Jesu eben weitergehen müsse oder daß Jesus zwar nicht wirklich, aber eben im "gläubigen" Bewußtsein der Apostel und Jünger auferstanden sei. "Auferstehung" wird so zu einem Bild oder zu einer Chiffre für ein nicht näher definiertes Fortleben einer Person, Gestalt oder gar nur einer Idee degradiert und damit der biblische Glaube ausgehöhlt, ja geleugnet.
Vielleicht wird mancher einwenden: Ich war ja nicht dabei, als das geschah. Wie soll ich dem glauben, was vor fast 2000 Jahren Menschen angeblich erlebt und aufgeschrieben haben? Kann es nicht sein, daß sie dabei einem Irrtum unterlegen sind oder daß sie selber sogar andere täuschen wollten?
Das Letzte, nämlich die bewußte Täuschungsabsicht der Apostel, Jünger und gläubigen Frauen kann leicht ausgeschlossen werden durch den Hinweis darauf, daß viele von ihnen für den Glauben an den auferstandenen Herrn ihr Leben einzusetzen bereit waren. Sie mußten auf vieles verzichten, erlitten Verfolgung und Not und manchmal sogar den Tod um ihres Glaubens an Jesus willen.
Wie aber sollen wir den Einwand entkräften, sie hätten sich vielleicht ohne ihr Wissen getäuscht und wären sozusagen einem kollektiven "Wahn" erlegen, einer Einbildung oder Massensuggestion?
Da helfen uns die sehr nüchtern gehaltenen Berichte der Evangelien. Sie schildern uns, wie schwer sich die völlig eingeschüchterten Apostel und Frauen taten, um zum Glauben an die Auferstehung Jesu zu kommen. Selbst als der Auferstandene vor sie hintrat, hatten manche von ihnen Zweifel. Jesus tadelt zwar ihren Unglauben, kommt ihnen aber dennoch in seiner liebevollen und geduldigen göttlichen Pädagogik zu Hilfe, indem er sie auffordert, ihn anzufassen und mit ihm zu essen. Das kann doch kein Geist sein, der so mit ihnen umgeht. Ja, sie sollten es spüren und erleben: Jesus lebt wirklich, er ist wahrhaft auferstanden; es handelt sich nicht nur um eine innere Erfahrung der Wiedergewinnung oder Stärkung ihrer Hoffnung auf das Leben, sondern um eine lebendige Begegnung mit dem Auferstandenen, die auch die Bereiche der Außenwelt einschließt und diesen Jesus, der tot war und jetzt lebt, mit den Sinnen erfahrbar macht.
Ein weiterer Hinweis mag uns helfen, den Osterglauben auf ein sicheres Fundament zu stellen: Die Apostel wirkten im Namen Jesu, des Auferstandenen, wirkliche Wunder. Ein Wunder ist ein außerordentliches Eingreifen Gottes zum Beweis seiner Macht und zur Bekräftigung einer Botschaft oder Person. Wenn Gott nun auf das Wort der Apostel hin solche machtvollen Zeichen wirkt, dann gibt er damit ein unfehlbar gültiges Zeugnis von der Wirklichkeit dieses Geschehnisses.
All diese Argumente können und sollen den Glauben nicht ersetzen, sie vermögen den Osterglauben aber gegen Einwände einer nur scheinbaren Rationalität zu verteidigen, die nicht gelten lassen kann, was sie nicht selber sieht und versteht.
Bitten wir den Herrn immer wieder um einen lebendigen Glauben, der auch andere Menschen anstecken und ergreifen kann! Wenn wir uns im Glauben schwertun, können wir auch so zu Gott beten: "Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!" (vgl. Mk 9,24). Gott selber wird uns stärken. Amen.
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