Josef
Spindelböck
Predigt bei der Monatswallfahrt in
Maria Roggendorf am 13. August 2012
(Messformular Maria
Königin, Marienmessbuch Nr. 29)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In wenigen Tagen – am 15. August – feiert die Kirche das Hochfest der Aufnahme Marias mit Leib und Seele in die
Herrlichkeit des Himmels. Genau eine Woche später – am 22. August – ist der Gedenktag Maria
Königin. Was ist also naheliegender, als dass wir in dieser Fatimamesse vom 13. August in besonderer Weise an das
himmlische Königtum der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria denken!
Maria ist jetzt vollendet
bei Gott. Ihr Sohn Jesus Christus, der von den Toten auferstanden und in den
Himmel aufgefahren ist, hat auch seine Mutter Maria am Ende ihres Erdendaseins in
die himmlische Herrlichkeit aufgenommen. Mit
Leib und Seele, d.h. in der Ganzheit ihres Menschseins, ist Maria nun bei Gott. Sie darf mit ihrem Sohn Jesus Christus, dem
König der Könige und Herren aller Herren, ihr ganz und gar von ihm abhängiges Königtum ausüben in alle Ewigkeit.
Was bedeutet das für uns Menschen, die wir noch hier auf
Erden leben? Ist Maria so sehr entrückt
in die himmlische Ferne, dass unser Leid und unsere Sorgen sie gar nicht
mehr berühren? Ist sie in ihrem seligen Himmelsglück, das ihr niemand mehr
nehmen kann, nicht mehr interessiert am Schicksal der Menschen auf Erden?
Weit gefehlt! Denn das
Königtum Marias macht sie uns Menschen auf Erden nicht fern. Ja, sie ist die
Königin im Himmel, „erhöht über alle Chöre der Engel“ (Präfation). Doch übt sie
dieses Königtum in mütterlicher Weise
aus für alle jene, die noch auf dem Pilgerweg des Glaubens sind und die sich
hier auf Erden abmühen im täglichen Kampf um das Gute, den es mit Gottes Gnade
zu bestehen gilt. Maria ist uns ganz
nahe; sie versteht uns und teilt unbeschadet ihres Himmelsglücks alle
Sorge, alles Leid mit uns; sie freut sich mit uns, wenn wir den guten Weg gehen
und in der Gottes- und Nächstenliebe eifrig voranschreiten. Ganz allgemein gilt
ja von den Heiligen des Himmels,
dass sie in höchster Weise interessiert und engagiert sind für unser Heil. Im
Lichte Gottes sehen sie, worauf es
ankommt und wessen wir im Leben bedürfen. Der heilige Bernhard von Clairvaux hat
jene Wahrheit in Erinnerung gerufen, dass die Heiligen des Himmels von einem heiligen Verlangen erfüllt sind, auch
uns in ihrer seligen Gemeinschaft zu
sehen: „Jene Gemeinde der Erstgeborenen erwartet uns, und wir denken nicht
daran. Die Heiligen verlangen nach uns,
aber wir unterschätzen es. Die Gerechten
warten auf uns, und wir beachten es nicht.“ (Zweite Lesung der Lesehore am
Hochfest Allerheiligen). Um wie viel mehr gilt das von der seligen Jungfrau und
Gottesmutter Maria, die mit mütterlicher und schwesterlicher Liebe danach
verlangt, uns in der Gemeinschaft mit Gott zu sehen, der uns das Leben in Fülle
schenkt!
Maria ist also in Wahrheit Königin im Himmel; aber sie ist zugleich Mutter für uns alle hier auf Erden. Sie möchte, dass alle Menschen durch den Glauben an
ihren Sohn Jesus Christus und durch das Bad der Wiedergeburt im Wasser und im
Heiligen Geist – d.h. durch die Taufe – Kinder
Gottes werden und so einst eintreten dürfen in die Seligkeit der Anschauung
Gottes im Himmel.
Wie aber hat der Weg
Marias zu diesem Königtum ausgesehen? Die Antwort ist kurz und wiederholt
genau jene Worte, die Maria selber dem Engel Gabriel gesagt hat, als er ihr
ankündigte, sie solle ohne Verletzung ihrer Jungfräulichkeit die Mutter des
Erlösers werden. Sie sagte: „Siehe, ich
bin die Magd des Herrn.“ Mit diesem Magd-Sein reiht sich Maria ein in das
Wesen der Sendung ihres Sohnes Jesus, den sie als menschliche Mutter vom
Heiligen Geist empfangen und in unverletzter Jungfräulichkeit geboren hat. Denn
Jesus Christus ist der „Knecht Gottes“. Dies ist ein
Ehrentitel, der an die Gottesknecht-Lieder des Buches Jesaja anknüpft. Im Philipperhymnus wird dies vom Apostel
Paulus aufgegriffen, wenn er daran erinnert, dass der ewige Sohn Gottes um
unseres Heiles willen Mensch geworden ist:
„Er war Gott
gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das
eines Menschen; er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8).
Wie der Sohn
Gottes sich zum Diener, ja Knecht oder gar Sklaven aller Menschen gemacht hat in seiner Erniedrigung als
Mensch, so hat auch Maria, die Magd des
Herrn, in beispielhafter Weise ihr Leben als Dienst an Gott und den
Menschen verstanden und ist eben auf diesem Königsweg des Dienens zur Herrlichkeit gelangt. „Wer der
Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Diese
Worte Christi haben sich an Maria, seiner Mutter, beispielhaft verwirklicht.
Nur unter dieser Voraussetzung der dienenden
Liebe dürfen wir sie jetzt als Königin an der Seite ihres Sohnes Jesus
Christus und doch in bleibender Unterordnung unter ihn verehren.
Das Königtum
Marias ist also ganz und gar
abhängig vom Königtum ihres Sohnes Jesus Christus. Er besitzt sein Königtum
als wahrer und wesensgleicher Sohn Gottes von
Natur aus, während Maria ihr Königtum aus
Gnade besitzt, wie dies der heilige Ludwig Maria Grignion
von Montfort wiederholt betont hat. Dabei gibt es keinen Widerspruch zwischen
dem, was die Mutter vom Sohn erbittet, und dem, was der Sohn ihr und allen Menschen auf ihre
Fürbitte hin gewähren will. Das
Königtum Marias ist also gerade auf dem Weg des fürbittenden Eintretens für uns Menschen wirksam. Maria darf auf diese Weise mitwirken am Heilswerk ihres Sohnes
Jesus Christus. Als wahrer Gott und Mensch ist er der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen; die Mittlerschaft Marias ist eine rein geschöpfliche und setzt
die universale Mittlerschaft des Sohnes Gottes Jesus Christus voraus und ist auf
sie hingeordnet, ja nur durch sie wirksam. So hält das 2. Vatikanische Konzil
fest (LG 62): „Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel
der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin
angerufen. Das aber ist so zu verstehen, dass es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt
und nichts hinzufügt. Kein Geschöpf nämlich kann mit dem menschgewordenen Wort
und Erlöser jemals in einer Reihe aufgezählt werden.“
Tatsächlich ist die heilige Jungfrau und Gottesmutter
Maria auf Erden den Glaubensweg aller Menschen gegangen.
Maria ist zuerst im Glauben die Mutter
Jesu Christi geworden; dieser Glaube war Voraussetzung dafür, dass sie auch leiblich seine Mutter sein konnte.
Nur im Glauben hat sie ihr Ja-Wort
gesprochen. Das hat sie getan im
Namen aller Menschen. Denn Gott wollte sich uns Menschen nicht ungefragt
aufdrängen. Auf das glaubende Ja Mariens hin ist das göttliche Wort Fleisch
geworden, hat Gott eine menschliche Natur angenommen, ist Gott einer von uns geworden: „Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.
Danach verließ sie der Engel.“ (Lk 1,38)
Auch die göttliche Tugend
der Hoffnung hat Maria in einzigartiger Weise geübt. Sie hat auf Gott den Herrn vertraut und gebaut. In allen Prüfungen und Widerwärtigkeiten des Lebens, ja selbst in
tiefstem seelischen Leid angesichts des
Leidens und Sterbens ihres Sohnes Jesus Christus hat sie die Hoffnung auf
Gottes rettende Macht nicht verloren und uns so gezeigt, wie auch wir als
hoffnungsvoll lebende Menschen unsere Aufgabe hier auf Erden bestehen können.
Und schließlich war Maria erfüllt von vollkommener Gottes- und Nächstenliebe.
Dies zeigte sich in ihrer beständigen Verbundenheit mit Gott im Gebet sowie im treuen Dienst für ihre Angehörigen und in der hilfsbereiten
Fürsorge für alle Menschen in Not.
Aber es gilt festzuhalten: Diesen Weg des Glaubens, der
Hoffnung und der Liebe sollen und dürfen wir alle gehen; Maria ist hier ganz und gar
eine von uns, auch wenn sie von Gott in unübertrefflicher Weise begnadet worden ist vom ersten
Augenblick ihrer Empfängnis an. So ist Maria, die wir
als Königin verehren, das Urbild der Kirche und das Vorbild aller Glaubenden.
Wir wollen Maria die Königin
der Herzen sein lassen und uns ihr ganz anvertrauen. Dies kann auf
verschiedene Weise geschehen; wichtig ist die Ganzhingabe des Herzens. Der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort spricht von einer Sklavenschaft der Liebe, in der wir uns Maria weihen
und uns ihrem mütterlichen Herzen hingeben. In Fatima hat Maria darum gebeten, dass sich die Menschen ihrem Unbefleckten Herzen weihen. Maria
behält nichts für sich, was wir ihr anvertrauen, sondern schenkt es ganz Jesus, der gesegneten und gepriesenen Frucht ihres
Leibes.
Überall wo „Maria
am Werk“ ist, werden die Menschen durch sie zu Jesus geführt. In allem geht es um die Verherrlichung Gottes und das Heil
der Menschen. Einmal sollen auch wir in der ewigen Herrlichkeit bei Gott
vollendet werden:
Maria,
die Königin, helfe uns durch ihre Fürbitte, dass wir den rechten Weg nicht aus dem Auge verlieren und
allezeit mit Jesus Christus in Glaube, Hoffnung und Liebe verbunden bleiben. Amen.