Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau (jetzt auch online: Der neue Kirchenführer!)

Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens
in den Himmel (15. August 1999)

L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Es ist heuer genau dreißig Jahre her, daß erstmals ein Mensch den Mond betreten hat. Es war eine wissenschaftliche Situation, daß es den Menschen gelungen ist, mit technischen Mitteln den Lebensbereich unserer Erde zu überschreiten und mit einem Raumschiff ins Weltall zu fliegen. Sosehr wir diese Leistungen anerkennen, so müssen wir uns dennoch auch fragen: Sind die Menschen durch diese Erfindungen und Entwicklungen Gott näher gekommen? Hat das gegenseitige Verständnis zugenommen? Ist mehr Friede unter den Menschen eingekehrt? Sind die Menschen dadurch, daß sie den Wolkenhimmel überschritten haben jenem Himmel näher gekommen, den uns Jesus Christus verheißen und versprochen hat? Wir spüren: Es handelt sich hier um zwei verschiedene Bereiche. Die Entwicklung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts geht nicht automatisch Hand in Hand mit einer Zunahme an Menschlichkeit und Gottesnähe. Es liegt in der Freiheit des Menschen, wie er die Gaben Gottes in der Schöpfung gebraucht und einsetzt.

Heute an diesem hohen Festtag richtet sich unser geistiger Blick zum Himmel. Es ist der Himmel Gottes, den wir meinen - kein physischer Ort hoch über den Wolken, sondern jenes ewige Reich der Liebe und der Glückseligkeit, das Gott uns bereitet hat. Die frohe Botschaft des heutigen Tages lautet: Es gibt bereits Menschen, die dieses ewige Ziel des Lebens erreicht haben. Sie sind uns vorausgegangen und dürfen sich ohne Ende der seligen Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfreuen. In ganz einzigartiger Weise trifft dies für Maria, die Mutter des menschgewordenen Sohne Gottes zu. Sie, die auf Erden ihrem Sohn Jesus eine liebevolle Mutter war, wurde nach Vollendung ihres Lebenslaufes von Gott mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen. So bekennt unser katholischer Glaube. Das ist der Inhalt des heutigen Festgeheimnisses!

Jesus Christus ist am dritten Tag von den Toten auferstanden und nach 40 Tagen in den Himmel aufgefahren. Als wahrer Mensch und Gott konnte er dies aus eigener Kraft tun. Die heilige Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, wurde nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Macht ihres Sohnes an Leib und Seele verherrlicht und durch die Gnade Gottes in den Himmel aufgenommen.

Was kann uns der heutige Tag sagen, was können wir für unser Leben davon mitnehmen? Die Aufnahme Mariens in die himmlische Herrlichkeit bedeutet, daß sie uns vorausgegangen ist und als unsere himmlische Mutter auf uns wartet. Auch wir sollen in diese Fülle des Reiches Gottes und des ewigen Lebens gelangen. Wie ein Stern der Hoffnung leuchtet uns also die Gottesmutter auf in den Mühseligkeiten und Nöten dieses Lebens. Auch uns ist die selige Vollendung im Reiche Gottes verheißen. Unser Leben geht nichts ins Leere; es hat mit dem Tod kein Ende, sondern soll seine Vollendung finden, wenn wir Jesus Christus die Treue halten in Glaube, Hoffnung und Liebe!

In der Verherrlichung Mariens wurde der menschliche Leib bereits hineingenommen in die ewige Gemeinschaft mit Gott. Mariens Leib ist nicht im Grabe verwest, sondern wurde aufgenommen in den Himmel und verklärt, d.h. verwandelt und verherrlicht. Der menschliche Leib ist von Gott geschaffen und zur Unsterblichkeit bestimmt. Unser Leib wird zwar nach dem Tod verwesen; doch auch dieser sterbliche Leib soll auferweckt werden, wenn Christus wiederkommt am Letzten Tag, um zu richten die Lebenden und die Toten. Eine solch große Würde ist dem Menschen geschenkt, auch in seiner Leiblichkeit, daß Gott den ganzen Menschen vollenden will - an Leib und Seele!

Ist das nicht eine Frohbotschaft für uns, die wir oft hin- und hergerissen sind zwischen Hoffnung und Angst, die wir bedrängt werden von verschiedensten Meinungen und Anschauungen? Mögen wir mit unerschütterlicher Hoffnung erfüllt werden! Empfehlen wir uns der Fürbitte jener Frau, deren Fest wir heute feiern. Vertrauen wir uns ihr ganz an. Nichts an Maria kann uns von Gott trennen. Sie ist hineingenommen in die Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes, der die Liebe und das Leben ist. Wenn wir uns ihrem Schutz und ihrer Fürbitte übergeben, dann werden wir sicher das ewige Leben erlangen und die Verherrlichung empfangen - an Leib und Seele! Amen.
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at