Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs
Predigt
am Hochfest der Aufnahme Mariens
in den Himmel (15. August 1998)
L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das heutige Hochfest läßt uns das Herz zum Himmel erheben. Wir wollen uns freimachen von aller Sorge und Angst dieses Erdenlebens, um auszuschauen nach dem ewigen Ziel, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Unsere Freude ist groß: Denn eine von uns - die Jungfrau Maria von Nazaret - hat dieses Ziel der seligen Verherrlichung bei Gott in ihrem ganzen Menschsein (also mit Seele und Leib) bereits erreicht!
Es besteht die Gefahr, daß der Inhalt dieses Festes abgleitet ins Mythologische und Phantastische: daß wir zwar diesen Festtag - so wie es sich gehört und wie es eben Tradition ist - ordentlich feiern und brauchtumsmäßig begehen, aber daß unsere Lebenswirklichkeit davon unberührt bleibt. Vielleicht sagen manche auch: "Das ist halt irgendeine gläubige Vorstellung, mit der ich mich persönlich nicht mehr identifizieren kann. Mir sagt dieser Festtag nichts; mir gibt er nichts."
Der heutige Festtag läßt sich nur verstehen im Blick auf Ostern, im Blick auf das Geheimnis der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Wenn wir Ostern wirklich als den Grund und Ursprung unseres christlichen Glaubens erleben, dann wird uns auch das heutige Fest im Innersten betreffen. Wenn uns Ostern nichts mehr sagt, dann sollten die Alarmglocken läuten: Denn dann ist unser Christsein gefährdet, ja vielleicht nur mehr wenig wert.
Am Osterglauben hängt unser ganzer christlicher Glaube: Ist Christus nicht auferstanden, dann ist euer Glaube sinnlos und ihr seid noch in euren Sünden, sagt der Apostel Paulus (vgl. 1 Kor 15,14). Freilich sagen das manche unserer Zeitgenossen, wie auch schon zur Zeit der Apostel. Diese Kritiker wenden ein: "Ihr habt euch das nur eingebildet, oder ihr habt erfunden, daß Jesus auferstanden ist." Die Evangelien berichten uns, daß die Apostel keineswegs leichtgläubig waren. Auch sie mußten erst durch die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen von der Wahrheit des Geschehenen überzeugt werden. Als sie aber durch Gottes Wirken zum Glauben gefunden hatten, da hielten sie unerschütterlich daran fest bis in den Tod. Mit ihrem ganzen Leben standen sie ein für den auferstandenen Herrn Jesus Christus. Auf diesem Fundament der Apostel ruht unser Glaube, den wir bekennen: Jesus lebt, er ist auferstanden, und auch wir werden mit ihm leben und auferstehen!
An einem bestimmten Menschen, ja an einer Frau hat sich das bereits verwirklicht, was wir von Jesus bekennen und für uns erhoffen: Maria, die Mutter Gottes, ist uns vorausgegangen in die himmlische Herrlichkeit. Gott hat sie nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Ihr Leib brauchte die Verwesung nicht schauen, sondern wurde von Gott verwandelt und verherrlicht, nach dem Vorbild der Verherrlichung des Leibes ihres Sohnes.
Die Kirche glaubt das wirklich, nicht bloß symbolisch oder mythologisch. Es ist keine Einbildung oder Fiktion, sondern eine im Leben verwurzelte Wirklichkeit. Die Auferstehung des Fleisches zeigt uns, daß Gott den Menschen ernst nimmt in seiner ganzen Geschöpflichkeit. Nicht nur unsere Seele ist zum Glück der Vereinigung mit Gott bestimmt, sondern auch unser sterblicher und hinfälliger Leib. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Für immer triumphiert bei Gott das Leben!
Blicken wir heute im Geistes auf die in den Himmel aufgenommene Jungfrau und Gottesmutter Maria! Ihr Glück ist nicht exklusiv, sondern sie möchte auch uns zu jener Herrlichkeit führen, die sie bereits erlangt hat. Maria ist vollständig von der Liebe Gottes erfüllt. Gott will, daß auch wir das Ziel des ewigen Lebens im Himmel erlangen! Richten wir uns auf und verankern wir unser Herz mitten in den Sorgen des Alltags immer wieder bei Gott. Dann werden auch wir einst glorreich auferstehen. Amen.
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