Jesu Tod und
unser Sterben
Predigt am Karfreitag
(2. April 1999)
L 1: Jes 52,13-53,12; L 2: Hebr 4,14-16; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Passion nach dem Evangelisten Johannes sowie die jetzt folgende feierliche Enthüllung und Verehrung des heiligen Kreuzes machen uns heute am Karfreitag bewußt, daß der Sohn Gottes für unsere Sünden wirklich am Kreuz gestorben ist. Eigentlich etwas Unfaßbares: Gott selber, der freiwillig Mensch geworden ist und sich erniedrigt hat in seinem Sohn Jesus Christus, nimmt als Mensch den Tod am Kreuz auf sich. Somit erweist uns Jesus jene letzte und äußerste Liebe, die zwischen Gott und Mensch überhaupt möglich ist: Er gibt sein Leben hin für uns, damit wir das Leben haben in Fülle.
So sehr wir über den Tod des gekreuzigten Herrn trauern, so sehr glauben und bekennen wir auch, daß er durch eben diesen seinen Tod den Tod selbst besiegt und überwunden hat. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben! Auch heute am Karfreitag dürfen wir das Kreuz Jesu nicht ohne Bezug zur Auferstehung sehen, die wir zu Ostern - also in wenigen Tagen - feiern werden.
Der heutige Tag ist sicher ein Anlaß, ein wenig über unseren Tod nachzudenken. Soviel wissen wir, und das geben alle Menschen - Glaubende wie Nichtglaubende - zu: Der eigene Tod ist uns sicher. Kein Lebender kann ihm entrinnen. Was lebt auf dieser Erde, das ist zugleich auch sterblich. Leben und Tod gehören zusammen. Diese Wahrheit war früheren Generationen stärker bewußt, wird aber heute vielfach ausgeblendet. Es mag sein, daß ein Grund dafür der Unglaube vieler Menschen ist. Sie sehen im Tod ein absolutes Ende und den Untergang jeder Hoffnung. Somit gibt es für sie keine andere Lösung des Problems, als den Tod zu negieren, indem sie ihn aus ihrem Bewußtsein verdrängen. Selbst das Sterben von Angehörigen sucht man möglichst weit von sich zu schieben und jede Verantwortung dafür abzulegen.
Wer hingegen im Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben bei Gott auf den Tod blickt, der wird ihn zwar weiterhin als etwas Schreckliches und Furchtbares ansehen - als etwas, das eigentlich nicht sein sollte, sondern erst durch die Sünde in die Welt gekommen ist. Zugleich aber kann der Mensch im Licht der Frohbotschaft vom erlösenden Leiden und Sterben unseres Herrn am Kreuz diesen Tod annehmen. Der Tod ist nicht mehr Strafe der Sünde, sondern Weg zum Heil. Im Tod des Christen wird er mit Jesus, seinem Herrn und Erlöser, verbunden. Diese Verbundenheit schenkt ihm die gläubige Zuversicht, daß er mit Christus auch auferweckt wird.
Was war es, das die Macht des Todes überwinden konnte? Wie konnte Jesus seinen eigenen Tod aus der Hand des Vaters annehmen und ihn stellvertretend für uns als Sühne für unsere Sünden auf sich nehmen? Es war einzig die Kraft der Liebe, die ihn dazu bewogen hat. In jener unendlichen Liebe, mit der Gott die Menschen liebt und in der er uns auch geschaffen hat, hat sich der Gott des Heils unser erbarmt. Indem Jesus die ganze Wucht der Sünde und der menschlichen Bosheit zu spüren bekam und sie in seinem Leiden und Sterben aushielt in hingebender Liebe, hat er zugleich die Sünde und den Tod entmachtet. Er hat den Teufel, den Feind der Menschheit, besiegt. Durch seinen Gehorsam am Kreuz hat er gutgemacht, was Adam durch seinen Ungehorsam gesündigt hatte.
Wozu sind wir angesichts der gekreuzigten Liebe unseres Gottes aufgerufen? Liebe erwartet Gegenliebe. Wir sollen an den Sohn Gottes glauben, der sich für uns hingegeben hat, und unser Leben nach seinem Gebot der Liebe ausrichten. Für den, der liebt, ist nichts mehr schwer. Gern erfüllt er die Gebote Gottes!
In keinem anderen Zeichen ist Heil außer im
Kreuz! Vereinigen wir uns mit dem Kreuzesopfers unseres Herrn so wie Maria
und Johannes und die gläubigen Frauen, die unter dem Kreuz standen.
Dann werden wir auch die Kraft dieses erlösenden Leidens erfahren.
Wir werden mit Christus leben, der unseren Leib auferwecken wird, wenn
er wiederkommt in Herrlichkeit. Wenn wir in diesen Tagen die Grabesruhe
des Herrn ehren, so soll die Hoffnung auf das ewige Leben in uns
stark werden. Jenes Leben kennt kein Ende, es ist mächtiger als der
Tod und ist auch uns verheißen bei Gott. Amen.