Kaplan Dr. Josef Spindelböck
1. Mai 2000
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Jedes Jahr, wenn Arbeitervereinigungen und politische Parteien am 1. Mai den „Tag der Arbeit“ begehen, läßt uns die Kirche aufblicken zu einem Heiligen, der sonst meist etwas im Hintergrund steht, obwohl er doch mit Jesus und Maria aufs innigste verbunden ist: Es ist der heilige Josef, der Bräutigam der seligen Jungfrau Maria und der gesetzmäßige, aber nicht leibliche Vater Jesu. Heute ehren wir den heiligen Josef als „Patron der Arbeiter“.
Wahrscheinlich sind wir uns dessen oft zu wenig bewußt, was es heißt, das Jesus in der Familie Josefs, des Arbeiters, geboren werden und aufwachsen wollte. Weil wir daran glauben, daß Jesus Christus der ewige Sohn Gottes ist, ist es bei ihm ja nicht einfach so geschehen, daß er bei seiner Menschwerdung gleichsam „zufällig“ in eine bestimmte menschliche Familie hineingeboren wurde. Gott selber wollte dies so, es lag in seinem Plan, und er wählte dafür die Jungfrau Maria aus, die mit einem Mann namens Josef aus Nazareth verlobt war. Sein Beruf war der eines Zimmermanns.
Wenn wir an Stelle Gottes die Entscheidung zu treffen gehabt hätten, welche Eltern Jesus haben sollte, dann wäre uns womöglich eingefallen: Es müssen reiche, angesehene Leute sein, die auch weltlich etwas darstellen. Am ehesten würde wohl ein irdisches Königsgeschlecht dieser göttlichen Würde des Jesuskindes entsprechen. So denkt der Mensch! Doch Gott sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“ (Jes 55,8). Wie gut ist es doch, daß Gott seinen Plan voller Weisheit und Liebe in göttlicher Souveränität durchgeführt hat und hier eine Tat gesetzt hat, die unseren menschlichen Verstand übersteigt!
Der allmächtige Gott wählte nämlich die Armut und Einfachheit der Familie von Nazareth aus, um in Jesus Christus Mensch zu werden aus Maria der Jungfrau. Josef sollte die Stelle eines irdischen Vaters vertreten, auch wenn er nicht der leibliche Vater Jesu war. Vor dem jüdischen Gesetz galt er als der Vater Jesu und hatte so für alles zu sorgen, was einem Vater zukam. Wir können also sagen: Es war dem Sohne Gottes nicht zu gering, in eine Familie arbeitender Menschen hineingeboren zu werden. Denn der Hände Arbeit macht den Menschen nicht verachtenswert, sondern sie besitzt eine besondere Würde!
Als Jesus größer wurde, da dürfen wir annehmen, daß er selber in der elterlichen Werkstatt den Beruf seines Vaters Josef erlernt hat. Ein „Zimmermann“ war damals für viel mehr zuständig als wir uns heute darunter vorstellen. Er vereinigte mehrere praktische Berufe in sich und war eine Art „Baumeister“. All dies hat Jesus gelernt und auch für einige Jahre ausgeübt. Es lag im Plan Gottes, daß er dreißig Jahre im Verborgenen lebte und erst in den letzten drei Jahren seines Lebens öffentlich auftrat. So hat er durch sein Beispiel und Vorbild die menschliche Arbeit geheiligt und uns ihren Wert und ihre Würde gezeigt!
Der heutige Tag, den wir festlich begehen, zeigt uns: Es kommt für den Menschen nicht darauf an, welche Art von Arbeit er ausübt. Vor Gott gibt es keine geringen und unbedeutenden Tätigkeiten. Jede Arbeit soll als Berufung verstanden und gelebt werden. „Tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ (vgl. 1 Kor 10,31). Es kommt auf die Größe der Liebe an, mit der wir unsere täglichen Pflichten und Aufgaben erfüllen, nicht auf den äußeren Schein. So kann ein jeder Großes vor Gott wirken!
Rufen wir den heiligen Josef um seine Fürbitte an. Er hat Jesus und Maria geliebt und ihnen treu gedient. Er kann uns von Gott die Gnade erbitten, unser Leben in Dankbarkeit anzunehmen. Seine Fürsprache helfe uns, den Alltag zu heiligen und unsere Arbeit als Dienst vor Gott zu verstehen. Im Reiche Gottes werden wir durch Gottes Gnade die Vollendung und den „himmlischen Lohn“ für all unser Mühen und Wirken empfangen! Amen.