Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt bei der Jahresabschlußmesse
am 31.12.1999
L: 1 Joh 2,18-21; Ev: Joh 1,1-18
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Es ist schon ein besonderer Jahresabschluß, den wir heuer mit dem 31.12.1999 begehen. Alle Welt blickt gespannt auf das Jahr 2000, mit dem viele den Beginn eines neuen Jahrtausends verbinden. Der Einwand, daß eine Zählung von Jahren nur mit 1 und nicht mit 0 beginnen könne und daher das neue Jahrtausend erst mit dem Jahr 2001 anfängt, wird in Tagen wie diesen kaum zur Kenntnis genommen.
Was wird sich im neuen Jahr oder gar im neuen Jahrtausend ändern? Wird sich etwas Grundlegendes zum Besseren oder gar zum Schlechteren hin wandeln? Die Menschen machen sich ihre verschiedenen Gedanken, haben Hoffnungen und Sorgen, Erwartungen und auch Befürchtungen.
Es ist gut für uns, daß wir die Zukunft nicht im voraus wissen. Andernfalls wäre unsere Freiheit ausgeschaltet. Wir würden dann wie willenlose Marionetten sein, die dem Gesetz des Schicksals zu folgen hätten, und könnten nicht mehr frei handeln. Gott aber hat uns die Freiheit geschenkt, damit wir sie verantwortlich gebrauchen. An uns selber liegt es, was wir aus dem Kommenden machen. Freilich ist uns vieles vorgegeben. Aber die wichtigste Aufgabe, die sich uns stellt, heißt immer wieder: Bin ich bereit zu einem Leben der Gottes- und Nächstenliebe? Stelle ich meine egoistische Sorge zurück um des Wohles der anderen willen? Habe ich Zeit zum Beten? Bedeuten mir die Gebote Gottes etwas? Solange wir das nicht immer wieder mit einem Ja aus ganzem Herzen beantworten können, werden uns alle übrigen Fortschritte – in der Naturwissenschaft, in der Medizin, in der Informationstechnologie – wenig oder gar nichts nützen. Es kommt für das wahre Menschsein auf den Fortschritt in der Liebe an! Gebe Gott, daß hier das neue Jahrtausend das alte übertrifft.
Als Christen wollen wir keine Pessimisten und Unheilspropheten sein. Es genügt uns, daß Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13,8). Was kann uns also erschüttern, was in Angst und Schrecken versetzen, was uns beunruhigen? "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?" (Röm 8,35).
Selbst die Botschaft der Apokalypse, jenes letzten Buches der Bibel, das auch die "Offenbarung des Johannes" genannt wird, ist keine Unheilsankündigung, im Gegenteil! Sie war für die ersten Christen ein Trostbuch und soll es auch für uns sein. Ihre Aussage lautet: Was immer an Schlimmem und Bösem in der Geschichte geschieht, was immer die Menschen durch Mißbrauch ihrer Freiheit anstellen und Furchtbares bewirken – Gott verläßt den Menschen nicht, er überläßt ihn nicht seinem Schicksal. Er steht zu den Menschen, die er in Liebe erschaffen, erwählt und erlöst hat. Er nimmt sein Wort nicht zurück.
Wenn es in der heutigen Lesung aus dem 1. Johannesbrief heißt, "daß der Antichrist kommt", so wissen wir nicht, wie sich das erfüllen wird. Johannes schreibt aber auch, daß bereits "viele Antichriste gekommen" sind und wir daran erkennen, "daß es die letzte Stunde ist." Jeder, der sich bewußt gegen Jesus Christus, den einzigen Erlöser der Menschen, stellt, ist – solange er seine Haltung nicht ändert – ein "Antichrist". Die Unheilsmacht, die sich gerade in diesem zu Ende gehenden 20. Jahrhundert so furchtbar entfesselt hat, wenn wir an die Kriege und die unmenschlichen Systeme denken, erscheint wirklich wie ein Schauspiel des Antichristen. Doch sagt uns der Glaube, wir sollen uns auch in diesen Stunden nicht verwirren lassen. Was immer geschieht: Jesus Christus bleibt der Herr, und er wird am Ende der Geschichte siegreich triumphieren und alle Menschen in sein Reich führen, die dafür bereit sind in Glaube und Liebe!
Die Kirche hat jedenfalls ein Heiliges Jahr ausgerufen, in dem wir der vor 2000 Jahren geschehenen Geburt Christi im Stall von Bethlehem gedenken sollen. Das Kommen des Herrn hat die Welt erneuert, er allein ist unsere Hoffnung im Lauf der Zeiten. Ihm empfehlen wir auf die Fürsprache seiner Mutter, der seligen Jungfrau Maria, auch das kommende Jahrtausend! Amen.