Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Fatimapredigt in Vestenthal
am 13. Juni 1999

Messe vom Unbefleckten Herzen Mariä (Marienmessbuch, Nr. 28)
L: Jdt 13,17-20;15,8a.9; Ev: Lk 2,46-51


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Monatlich werden hier in Vestenthal Fatimafeiern abgehalten. Ich bin heute das erste Mal hier und bin einer Einladung Ihres Pfarrers gefolgt. Wer mich noch nicht kennt: Ich arbeite seit zwei Jahren als Kaplan in Ybbs an der Donau. Vor drei Jahren wurde ich im Dom zu St. Pölten zum Priester geweiht und gehöre zur "Gemeinschaft vom heiligen Josef".

Es ist wohl ein eigenartiges Jahr, das wir heuer erleben: Wir stehen kurz vor der Schwelle des dritten Jahrtausends. (Dies gilt auch dann, wenn uns manche sagen, daß das neue Jahrtausend erst mit dem Jahr 2001 beginnt). Die Menschen sind in gewisser Erwartung; manche meinen, es müßten große Dinge geschehen und es würde sich vieles ändern. Dem wird wohl nicht so sein. Aber jedenfalls nützen viele diese Erwartung der Menschen aus und spekulieren mit ihren Hoffnungen und Ängsten. Wie anders könnte sonst der gegenwärtige Esoterik-Boom erklärt werden oder auch die Zuwendung zu neuen religiösen oder religionsähnlichen Bewegungen und Sekten, auch im "New Age"!

Wie antwortet die Kirche auf diese Endzeit-Stimmung an der Wende zum neuen Jahrtausend? Wie gehen wir damit um? Bekanntlich feiern wir im nächsten Jahr ein Jubeljahr: Gott ist vor 2000 Jahren Mensch geworden aus der Jungfrau Maria. Wir begehen das 2000-Jahr-Jubiläum der Menschwerdung unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus! Und das ist für uns auf jeden Fall ein freudiges Ereignis, das uns sogenannte "Weltuntergangspropheten" nicht nehmen können. Wir sollen den Glauben an Jesus Christus im Herzen erneuern, damit wir diesen Glauben auch ins neue Jahrtausend tragen können. An der Hand Mariens wollen wir uns zu Christus bekennen, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13,8)!

Vor 100 Jahren - am 11. Juni 1899, also an der Wende zum 20. Jahrhundert - hat Papst Leo XIII. die Menscheit dem heiligsten Herzen Jesu geweiht. Wir befinden uns im Juni, dem Herz-Jesu-Monat, am sog. Herz-Jesu-Sonntag, dem Sonntag nach dem Herz-Jesu-Fest. Die Botschaft von Fatima, die wir alle in den Grundzügen kennen, lädt uns ein, uns durch Maria an Jesus zu wenden. Ihr Unbeflecktes Herz soll der Weg sein, der uns zu Gott führen wird.

Was möchte uns Gott sagen, wenn wir auf das Heiligste Herz Jesu verwiesen werden? Es ist vor allem die Gesinnung der Liebe und des Vertrauens, die neu in uns erweckt werden soll, wenn wir das Heiligste Herz Jesu betrachten. Wenn Gott uns so sehr liebt, daß er seinen einzigen Sohn für uns hingegeben hat, wie sollte er uns dann mit ihm nicht alles schenken (vgl. Röm 8,32)?! Wenn Gott uns so nahe kommt, daß er Mensch wird für uns aus der Jungfrau Maria, wenn er neun Monate unter ihrem Herzen, in ihrem Schoß, als ungeborenes Kind gelebt hat, wie könnten wir dann nicht darauf vertrauen, daß er uns Menschenkindern nahe ist und uns wirklich liebt?!

Liebe aber verlangt nach Gegenliebe. Liebe läßt sich nicht erzwingen. Liebe lädt ein und wendet sich an die Freiheit des geliebten Menschen. Auch die göttliche Liebe ist ein solches Angebot an unsere Freiheit. Wir haben es in der Hand, Ja zu sagen zum göttlichen Heilsplan und wie Maria uns in den Dienst der göttlichen Liebe zu stellen. Wir könnten aber auch in freventlicher Anmaßung und stolzer Überheblichkeit unser "Non serviam!" ("Ich will nicht dienen!") Gott entgegensetzen - nicht zum Schaden Gottes, der auf uns nicht angewiesen ist, wohl aber zu unserem eigenen Verderben und Unheil.

Eben das ist es, was die Gottesmutter Maria in Fatima als die Gefahr der schweren Sünde bezeichnet: Daß sich der Mensch abkoppelt und trennt von der Quelle der Liebe und des Lebens, die in Gott allein zu finden ist und daß er auf diese Weise seinem eigenen Verderben entgegengeht. Wenn nicht, ja wenn nicht Gott selbst in der freien Initiative seiner Liebe einen neuen Anfang setzt und diesen "Todsünder" wieder zum Leben erweckt. Freilich muß der Mensch mitwirken in Umkehr und Glaube. Doch wer bereut, dem wir vergeben, und mögen seine Sünden noch so schwer sein! Jene aber, die das Glück hatten, nicht in schwere Sünde zu fallen, sollten sich nicht überheben, sondern in einer wahren Solidarität des Heils und der Nächstenliebe für die anderen Menschen beten. Das ist der Sinn der Mahnung von Fatima, für die Sünder zu beten und zu opfern! Die Liebe kann alle Menschen errreichen; wer in der Liebe bleibt, wird niemanden verurteilen und niemanden aufgeben, auch wenn er noch so sehr in der Finsternis und im Irrtum lebt ...

Worauf wir an diesem Gnadenort besonders hinweisen wollen, ist, daß die Botschaft von Fatima nur innerhalb der Kirche ihren Ort und Verstehenshorizont hat. Jede Abkoppelung dieser Botschaft von der Kirche wäre gefährlich, ja sektierisch. Seien Sie vorsichtig mit nicht kirchlich anerkannten Erscheinungen und Erscheinungsorten. Vielerorts geschieht Gutes, doch leider verbirgt sich mancherorts unter dem Schein des Guten die Frucht des Stolzes und der Anmaßung, der Sensation und des oberflächlichen Wallfahrtstourismus. Bleiben wir einfach - allein der Glaube zählt und nicht angebliche "Visionen"!

So möchte ich Sie ganz herzlich einladen, auch auf das lebendige Lehramt der Kirche zu hören, wie es uns geschenkt ist im Dienst des Nachfolgers des Apostels Petrus, unseres Papstes Johannes Pauls II., und der mit ihm verbundenen Bischöfe. Wer sich die Mühe macht und etwas aus seinen umfangreichen Enzykliken und Apostolischen Schreiben liest und studiert, wird entdecken, daß hier keine enge verbohrte Sicht vorherrscht, sondern die Weite und Freude des wahrhaft katholischen Glaubens! Darauf kommt es ja an, daß wir die gemeinsame Freude an diesem unseren Glauben wieder neu entdecken. Dann wird unsere Kirche auch wieder anziehend und einladend werden für andere, die (noch) nicht glauben (können)!

Daß uns dies gelinge, darum wollen wir die Fürbitte der jungfräulichen Gottesmutter anrufen. Sie möge uns näher hinführen zu ihrem Sohn Jesus Christus. Sie möge uns lehren, die Weihe an Gott, die wir in der Taufe bereits vollzogen haben, immer wieder bewußt zu erneuern und zu leben. Eben dies geschieht dann, wenn wir uns dem Unbefleckten Herzen der Gottesmutter Maria weihen und anvertrauen. So werden wir am Quell des Heiligsten Herzens Jesu reiche Gnaden schöpfen für uns und für unsere Mitmenschen. Gott möge uns mit lebendiger Hoffnung und tiefer Freude erfüllen, damit wir gut durch dieses Leben gehen und einst die ewige Seligkeit erlangen in der himmlischen Herrlichkeit. Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at