Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Kleinhain

Predigt bei der Fatimafeier in Droß
am 13. Oktober 1999

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Im Rosenkranzmonat Oktober sind wir heute hier versammelt, um uns auf die Fürbitte der Gottesmutter Maria an Gott zu wenden. Vorher wurde der Rosenkranz gebetet, und ich bin überzeugt, daß Sie alle dieses Gebet schätzen - sonst würden Sie nicht hier sein. Aber vielleicht ist mancher darunter, der sich etwas schwer tut mit diesem Gebet. Es fällt ja relativ leicht, den Rosenkranz ab und zu in Gemeinschaft mitzubeten, bei einer Fatimafeier zum Beispiel. Aber es verlangt schon eine gewisse Mühe und geduldige Bereitschaft, täglich in eigener Initiative wenigstens einen Teil des heiligen Rosenkranzes zu beten. Und doch gibt es Menschen - nicht nur Priester und Ordensleute, sondern auch Laien, Alte und Junge, Alleinstehende und auch Familien, Gesunde und Kranke -, die jeden Tag gemäß der Bitte der Gottesmutter Maria in Fatima in diesem Gebet vertrauensvoll ihr Herz zu Gott erheben.

Der Rosenkranz ist ein meditatives Gebet oder wie man sagen kann: ein "betrachtendes" Gebet. Das heißt, es ist nicht nötig, genau an jedes Wort zu denken, das wir aussprechen. Dies wäre auch schwer möglich, da wir nicht immer die volle Konzentration aufbringen können. Was allerdings nötig ist wie bei jedem Gebet, das ist das Bewußtsein von der Gegenwart Gottes. Es darf kein "Plappern" werden, bei dem wir überhaupt nicht an Gott denken, sondern nur äußerlich beteiligt wären.

Wenn wir überlegen, warum uns die Kirche dieses Gebet so sehr empfiehlt, dann wollen wir nach dem Inhalt des Rosenkranzgebetes fragen. Die Grundgebete des Glaubensbekenntnisses, des Vaterunser und des oftmaligen Ave-Maria sind sozusagen der Rahmen für die liebevolle Vertiefung in die Heilsgeheimnisse Gottes. Der Hauptinhalt des Rosenkranzes ist die Botschaft: Gott hat uns erlöst durch seinen Sohn Jesus Christus, den Sohn der Jungfrau Maria. Und dieser Glaubensinhalt wird entfaltet entsprechend den Geheimnissen des Lebens Jesu.

Das Leben Jesu soll uns Christen unendlich viel bedeuten. In seinem Sohn hat Gott sein Heil geoffenbart. Von Jesus Christus ist uns die Erlösung geschenkt und erworben worden. Wie könnten wir da je genug diese Mysterien der liebevollen Zuwendung Gottes zu uns erwägen! Wie könnten wir aufhören, an jene Großtaten der Barmherzigkeit Gottes zu denken, die er uns erwiesen hat in seinem Sohn. Eben dies ist wirklich "Evangelium", Frohbotschaft von der Liebe Gottes. So können wir sagen: Im Rosenkranz finden wir das Evangelium wieder. Im Rosenkranzgebet begegnet uns all das, was Gott aus Liebe zu uns Menschen um unseres Heiles willen gewirkt hat.

Aber ist das Rosenkranzbeten nur eine fromme Erinnerung an Vergangenes, vielleicht gar eine Flucht vor der Gegenwart und ein Ausweichen vor der Zukunft für jene, die mit dem Leben nicht fertig werden? Ist das uns von Gott geschenkte Heil nur Vergangenheit? Oder betrifft es uns auch heute noch?

Bei Gott gibt es keinen Unterschied der Personen und Zeiten. Jesus Christus ist für alle Menschen aller Zeiten Mensch geworden, am Kreuz gestorben und auferstanden. "Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit!" (Hebr 13,8). Das gilt auch nach fast genau 2000 Jahren seit seiner Geburt. Wenn wir im nächsten Jahr das große Jubiläum der Menschwerdung Gottes aus der Jungfrau Maria feiern, dann begehen wir nicht etwas rein Historisches und für immer Vergangenes, sondern wir treten ein in die lebendige Gegenwart der Erlösung, die uns Gott geschenkt hat und die er einst vollenden wird im Reiche Gottes.

Wenn wir das recht bedenken, dann wird uns also das Rosenkranzgebet nicht ablenken vom Wesentlichen unseres Lebens, sondern im Gegenteil hinführen zu einer tieferen Sicht dessen, worauf es wirklich ankommt: Unser Leben ruht in Gottes Hand. Wieviel wert sind wir doch dem lebendigen Gott, daß er in seinem eingeborenen Sohn zu uns gekommen ist, um unser Los zu teilen. Und Maria, seine Mutter, kennt keinen anderen Wunsch, als uns zu Jesus, ihrem Sohn, hinzuführen. Das war schon in ihrem irdischen Leben so, als sie zum Beispiel bei der Hochzeit zu Kana zu den Dienern sagte: "Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5). Das gilt aber auch heute, wenn sie uns aufruft, den Geboten Gottes Folge zu leisten durch ein Leben aus dem Geist des Glaubens und der Liebe zu Gott und zu den Menschen. In wahrer Bußgesinnung sollen wir uns abwenden von der Sünde und Gott zuwenden, der die Quelle der Liebe und der Freude ist.

Lassen wir uns also an der Hand unserer himmlischen Mutter durch das irdische Leben führen. Beten wir den Rosenkranz und stellen wir unser ganzes Leben unter den Schutz und Schirm jener Frau, die von Gott in einzigartiger Weise auserwählt wurde um unseres Heiles willen. Dabei ist es trostvoll, daß wir vor Gott alles aussprechen können, was uns bewegt. Das heißt, im Rosenkranzgebet darf es vorkommen, daß wir an bestimmte Personen und Dinge unseres Lebens denken. Es sind ja meist Sorgen oder auch frohe Dankbarkeit, die uns im Herzen bewegen. Wichtig ist, daß wir all das durch die Hände Mariens vor Gott hin bringen. Nichts wollen wir ausschließen und für uns zurückbehalten. In Liebe dürfen wir Gott unser ganzes Herz schenken. Er nimmt uns an, wie wir sind, selbst wenn wir mit Schuld beladen sind. Denn er allein kann Sünden vergeben und uns einen neuen Anfang schenken.

Seien wir also voll Vertrauen! Lassen wir nicht nach im Gebet! Zeigen wir, daß uns das Gebet nicht gleichgültig ist, indem wir dem Tag eine Ordnung geben, die einen Platz hat für das Gebet. Es darf nicht sein, daß unsere Fernsehgeräte zu "Hausaltären" werden, die das Gebet behindern und den familiären Umgang zerstören.

Wer sich auf diese Weise bemüht, den Rosenkranz treu zu beten, der wird auch hingeführt werden zu den Quellen des Lebens, die uns Gott in den heiligen Sakramenten anbietet. Besonders in der Feier der heiligen Messe können wir ja mit dem Geheimnis Christi auf innigste Weise verbunden werden. Hier bewahrheitet sich wieder der Grundsatz: "Durch Maria zu Jesus!"

Dann wird Gott auch in unserem Leben dieses Wunder wirken, daß unser alltägliches "Wasser" verwandelt wird in den "Wein der göttlichen Liebe". Denn ohne Ende ist das Erbarmen Gottes, seine Größe wollen wir allezeit preisen in Einheit mit der seligen Jungfrau Maria. So hoffen wir einst das ewige und selige Leben zu erlangen. Amen.


SANKT JOSEF - www.stjosef.at