Predigt
am Hochfest der
Erscheinung
des Herrn (Dreikönig)
6.
Januar 1999 (A)
L 1: Jes 60,1-6; L 2: Eph 3,2-3a.5-6; Ev: Mt 2,1-12
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wer waren die Weisen aus dem Morgenland, die einem geheimnisvollen Zeichen am Himmel folgten und sich von diesem Stern zum Kind von Bethlehem führen ließen? Wir werden das Geheimnis um die Herkunft jener Männer wohl nie ganz lüften. Eines steht aber fest: Es müssen denkende Menschen gewesen sein, die sich in ihrem Herzen die Offenheit für das je Größere bewahrt hatten. Es waren Menschen, die dem Göttlichen gegenüber aufgeschlossen waren. Sie waren Suchende nach der bleibenden und letzten Wahrheit.
Vielleicht fragten sie auf philosophische Weise nach dem Ursprung und dem Ziel dieser Welt. Vielleicht suchten sie in religiösen Schriften zu ergründen, was hinter den äußeren Erscheinungen der Dinge liegt. Ihre Verbundenheit mit der Natur, ihre Kenntnis der Vorgänge im Kosmos der Gestirne ließ sie immer wieder aufs neue nach dem streben, was ihnen noch verborgen war. Auf diese Weise drückte sich ihre Sehnsucht nach Gott aus. Wir dürfen dies durchaus als ein beständiges inneres Gebet bezeichnen.
Jedenfalls waren sie frei von jener falschen Haltung der Bemächtigung, wie sie bestimmten magischen und okkulten Praktiken zu eigen ist, die Gewalt über Gott oder angebliche Geister gewinnen wollen. Die "Weisen aus dem Orient", die die Tradition als die "Heiligen Drei Könige" bezeichnet, waren sich bewußt, daß der Mensch keine Macht über Gott hat, sondern ihm in Liebe unterworfen ist. Zugleich hatten sie das berechtigte Grundvertrauen, daß Gott es gut mit den Menschen meint und ihr Leben lenkt und leitet.
Dies alles befähigte sie dazu, dem Stern zu folgen und das Kind in der Krippe zu finden. Ihr welterfahrener und gelehrter Verstand beugte sich vor dem kleinen Jesuskind; sie fielen nieder und beteten es an. Gott erleuchtete ihr Herz und offenbarte ihnen seine Herrlichkeit. Wahrhaftig: Ein Kind ist uns geboren, der Sohn Gottes ist uns erschienen. Gott hat sich der Welt enthüllt und mitgeteilt in unendlicher Liebe. Er, der Ewige, der Herr und Schöpfer des Universums, stieg herab vom Himmel, um ein Mensch zu werden und uns nahe zu sein! Kommt, lasset uns anbeten!
Welche Gaben brachten sie zum göttlichen Kind? Gold, Weihrauch und Myrrhe. Dies sind an sich Geschenke, wie sie einem König mit Recht dargebracht werden. Zwar sahen die Weisen nicht die Königsherrschaft des Kindes, sie glaubten aber in ihrem Herzen, daß der ewige Gott und König zu ihnen gekommen war. Ihm huldigten sie und brachten ihm ihre Gaben dar. Diese Gaben drücken nur das Äußere aus; noch kostbarer war dem Jesuskind die Liebe ihres Herzens, die sie ihm erwiesen. Entscheidend ist und bleibt immer die innere Hingabe des ganzen Menschen an Gott. Liebe möchte sich selber ganz verschenken. Indem sich der Mensch in Liebe hingibt, empfängt er sich auf neue Weise wieder und findet er sein Glück.
Können uns die "Heiligen Drei Könige" auch heute noch etwas sagen? Vor allem zeigen sie uns, daß im Kind von Bethlehem wirklich der höchste König der Welt, der Gott und Schöpfer, zu uns gekommen ist. Sie zeigen uns durch ihr Beispiel, daß es sich lohnt, auf vieles zu verzichten, um den zu finden, der die entscheidende Antwort auf das menschliche Suchen und Streben, auf alles Sehnen und Verlangen zu geben vermag. Auch wir sollen immer wieder aufbrechen aus Scheinsicherheiten und materiellen Befangenheiten, um das Licht der Wahrheit zu suchen und diesem inneren Stern zu folgen, den uns Gott im Gewissen geschenkt hat. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern jeder ehrliche und mit Vertrauen auf Gott gegangene Weg findet sein Ziel im ewigen Leben, das Gott schenkt.
Die Herrlichkeit des Messias ist uns erschienen.
Fallen wir nieder vor dem Kind in der Krippe und beten es an! Legen
wir ihm unsere Schätze zu Füßen: unsere materiellen Güter,
die uns innerlich gefangen halten, alle Sorgen und Nöte, die persönlichen
und weltweiten Anliegen. Vor allem: Schenken wir Gott unser Herz!
Er wird es mit seiner Liebe erfüllen. Dann werden wir reich beschenkt
von der Krippe heimgehen wie die drei Weisen. Sie mußten wieder
zurück in ihre Lebenswelt. Auch wir können und sollen nicht ausziehen
aus dieser Welt. Aber das göttliche Kind wird bei uns bleiben. Es
segne uns und führe uns zum ewigen Leben. Amen.