Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigtimpuls für den 24. November 1996
Lesejahr A, Christkönigssonntag (Letzter
Sonntag im Jahreskreis)
L 1: Ez 34,11-12.15-17; L 2: 1 Kor 15,20-26.28; Ev: Mt 25,31-46
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Kirche feiert heute den „Christkönigssonntag“. Unserer Lebenswelt ist das Bild eines Königs weitgehend fremd geworden. Dennoch verstehen wir, was damit gemeint ist: Jesus Christus ist der Herr. Er ist in der Einheit mit Gott dem Vater und dem Heiligen Geist der höchste Herrscher über Zeit und Ewigkeit. Er, der von den Toten auferstanden ist, ist auch seiner Menschheit nach eingesetzt als König in Herrlichkeit. Er wird einst machtvoll wiederkommen, um die Menschen zu richten gemäß den Taten der Liebe, die sie auf Erden getan oder nicht getan haben.
Im heutigen Evangelium läßt Jesus dieses zukünftige Gericht Gottes anschaulich vor unsere Augen treten. Wir spüren, wenn wir das Wort Gottes hören: Es geht um Entscheidendes für unser Leben, Gott darf nicht verharmlost werden. Es geht um die ewige Bestimmung eines jeden von uns. Es handelt sich um unser ewiges Heil oder um unsere ewige Verwerfung.
Denn der Menschensohn (wie Jesus sich selber nennt) wird am Ende der Tage die Scheidung der Völker herbeiführen, er wird Gute und Böse wie Schafe und Böcke voneinander trennen und zu seiner Rechten und Linken versammeln. Was aber ist das Unterscheidungsmerkmal? Wonach wird uns Jesus einmal richten?
Der Herr zählt die leiblichen Werke der Barmherzigkeit auf: Wir sollen Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, Fremde und Obdachlose aufnehmen, Nackten Kleidung geben, Kranke besuchen und Gefangenen helfen. Diese Aufzählung ist nicht erschöpfend. Es fällt uns sicher noch vieles ein, was wir an Gutem tun können und sollen! Gerade der tägliche Alltag bietet viele Gelegenheiten dazu. Denn es gibt auch die geistlichen Werke der Barmherzigkeit: die Sünder ermahnen, die Unwissenden lehren, den Zweifelnden recht raten, die Betrübten trösten, Unrecht geduldig ertragen, Beleidigungen gern verzeihen sowie für die Lebenden und Toten beten.
Auffallend ist, daß Jesus in dieser Gerichtsrede von den positiven Möglichkeiten der Nächstenliebe spricht. Er setzt offenbar voraus, daß wir uns bemühen, das Böse zu meiden. Er setzt auch voraus, daß wir uns um die rechte Beziehung zu Gott, um die Gottesliebe also, mühen. Was hier als entscheidend vor Augen tritt, ist die liebevolle Sorge für den Nächsten. Tun wir das Gute, das in unserer Macht liegt, oder unterlassen wir es? Sehen wir die Not unseres Nächsten oder gehen wir bewußt daran vorbei? Haben wir ein Herz für andere oder verschließen wir es?
Der Höhepunkt des heutigen Evangeliums liegt in der Feststellung Jesu, daß alles, was wir für unseren Nächsten tun, eigentlich ihm selber erwiesen wird. Gutes oder Böses, das wir unserem Mitmenschen tun, wird Jesus getan. So sehr hat sich Gott in Jesus Christus mit uns Menschen solidarisiert und identifiziert, daß wir in unserem Mitmenschen dem menschgewordenen Sohn Gottes begegnen können!
Gerade die Geringsten und Verachtetsten unter den Menschen sind Gottes besondere Lieblinge. Ihr Los ist dem himmlischen Vater nicht gleichgültig. Wer zur Familie Gottes gehören will, muß sich diese Sorge um die an den Rand Gedrängten und Ausgestoßenen mit dem Herzen zu eigen machen. Jeder Mensch besitzt eine ihm von Gott verliehene unverlierbare Würde.
Auch wir Christen sind in der Gefahr, uns abzuschließen gegenüber der vielfältigen Not, die uns begegnet. Es gibt die große Not in vielen Ländern der Welt, es gibt aber auch die großen und kleinen Nöte in unserem Land, in unserem Bekannten- und Freundeskreis. Wir sind aufgerufen, nicht einfach wegzuschauen und achselzuckend festzustellen, daß wir hier nichts tun können. Unser persönliches Engagement ist gefordert! Das kann durchaus verschieden sein. Aber der gute Wille und das liebevolle Herz müssen vorhanden sein. Dann wird uns Gott auf die Fürbitte Mariens einmal ein barmherziger Richter sein! Amen.
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