Predigt an Christi
Himmelfahrt
(13. Mai 1999,
Lesejahr A)
L 1: Apg 1,1-11; L 2: Eph 1,17-23; Ev: Mt 28,16-20
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Abschiede sind traurig. Das wissen wir aus Erfahrung. Vielleicht haben Sie einmal von jemand Abschied genommen, der in ein fernes Land verreist ist und von dem Sie nicht gewußt haben, ob Sie ihn wiedersehen werden. Die Älteren kennen diese Erfahrung vom Einrücken beim letzten Krieg. Wenn wir eine solche Stunde des Abschieds bewußt erleben, dann befällt uns Wehmut und Trauer. Wir denken zurück an das Vergangene, während uns die Zukunft dunkel und hoffnungslos erscheint. In jedem Abschiednehmen liegt ein Stück Todeserfahrung; dann das Sterben wird das letzte Abschiednehmen hier auf dieser Welt sein.
Ähnlich mag es den Jüngern ergangen sein, als Jesus bei seiner Himmelfahrt von ihnen Abschied genommen hat, weil er nun endgültig zu seinem himmlischen Vater gehen wollte. Sie konnten es sich nicht vorstellen, wie es nun weitergehen würde. Freilich: Wir befinden uns bereits in der Zeit nach Ostern. Die Apostel und Jünger sowie die gläubigen Frauen wußten, daß Jesus auferstanden ist. Er lebt! Und er ist ihnen vierzig Tage lang immer wieder erschienen und hat ihnen so das Gefühl vermittelt, bei ihnen zu sein. Wenn er jetzt Abschied nimmt und ihnen seine sichtbare Gegenwart entzieht, weil er in den Himmel auffährt, so sehen sie dieses Ereignis zuerst einmal negativ: "Er ist nicht mehr da." Und vielleicht meinen sie auch: "Er kommt nicht wieder." – Stimmt das wirklich?
Im eben gehörten Evangelium nach Matthäus hat Jesus anders gesprochen. Da sagte er zu den Aposteln vor der Himmelfahrt: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,20). Das heißt: Die unsichtbare Gegenwart Jesu ist genauso wirklich wie seine sichtbare Gegenwart. Gewiß: Er ist nicht mehr sichtbar bei den Jüngern, aber unsichtbar ist der Herr bei seiner Kirche geblieben. Und das gilt bis heute. Auch bei uns ist Jesus unsichtbar, aber wirklich gegenwärtig!
Wenn manchmal über die Kirche gejammert und kritisiert wird, so übersehen wir nur allzu leicht, daß es auch heute die Kirche des Herrn ist, der wir angehören. Sie besteht aus Menschen mit Fehlern und Sünden; aber der auferstandene Herr ist bleibend gegenwärtig in der Gemeinschaft jener, die an ihn glauben. Jesus Christus ist anwesend und wirkt in den Sakramenten, Gott spricht zu uns in seinem Wort, und in der Gemeinschaft der Glaubenden ist es der Heilige Geist, der die Kirche erhält in ihren verschiedenen Gnadengaben, den sog. Charismen, sowie in ihren Diensten und Ämtern, vor allem im Amt des Papstes und der Bischöfe.
Und noch etwas wurde den Jüngern gesagt, die so unbeschreiblich traurig zum Himmel blickten: Er wird ebenso wiederkommen (vgl. Apg 1,1), wie er zum Himmel gegangen ist. Die Kirche erwartet also seither auch die sichtbare Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeiten. Genau das bekennen wir im Glaubensbekenntnis: "aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten." Niemand weiß den Tag und die Stunde, wann der Herr kommt. Für uns einzelne wird es die Todesstunde sein, wenn wir Jesus begegnen werden. Eigentlich sollen wir uns freuen, daß Jesus wiederkommt. Wir sollten diese Stunde mit Hoffnung und Zuversicht erwarten. Unser Leben soll darauf ausgerichtet sein. Denn wir Christen sind "eschatologische" Menschen, die die Vollendung des Reiches Gottes erwarten. Dieses Reich hat bereits begonnen und ist verborgen unter uns anwesend. Seine Vollendung steht noch aus, aber sie ist genauso sicher und wirklich wie der Abschied des Herrn in seiner Himmelfahrt, in seinem Heimgang zum Vater, den wir heute feiern.
Jesus lebt, und er bleibt bei uns! In diesem
Glauben wollen wir durch das Leben gehen; denn wir sind nicht von
der Welt, wohl aber in der Welt. Unsere Heimat aber ist im Himmel.
Amen.