Dr. Josef Spindelböck
Feier vom Leiden und
Sterben Christi
Homilie am Karfreitag
Jahreskreis C, 9. April 2001
Liebe Brüder und Schwestern
im Herrn!
Die Passionsgeschichte, also die Erzählung der Evangelien vom Leiden
und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, kann uns nicht unberührt und unbeteiligt lassen. Jede menschliche Not und
jedes menschliche Leid erschüttert unser Herz, wenn wir uns wenigstens einen
Funken an Menschlichkeit bewahrt haben. Umso mehr das Leiden und Sterben
unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz!
Hier offenbart sich seine Liebe zu uns Menschen, die ohne Grenzen
war, die bis in den Tod ging. Hier zeigt sich auch die eigentliche Ursache all
dieses Leidens: die Schuld der
Menschheit, die der Erlöser freiwillig auf sich genommen hat, um uns von
unseren Sünden zu befreien.
Als es ernst wurde und Jesus
gefangen genommen worden war, da verließen
ihn fast alle Jünger. Judas hatte ihn verraten, Petrus ihn dreimal
verleugnet, obwohl er vorher hoch und heilig versprochen hatte, sogar sein
Leben für ihn hingeben zu wollen … Sogar Johannes war geflohen; dieser kehrte
allerdings bald zurück und wagte sich mit einigen tapferen Frauen in die Nähe
Jesu und dann bis unter das Kreuz. Dort durfte er die trostvollen Worte hören: „Sohn, siehe deine Mutter!“ Zu Maria,
der Mutter Jesu, sagte der sterbende Erlöser: „Frau, siehe dein Sohn!“ Auf diese Weise wurde Maria zur
geistlichen Mutter des Johannes, der Apostel überhaupt und ihrer Nachfolger,
sowie aller glaubenden Menschen. Vom Kreuz herab sind wir der liebenden
Fürsprache der heiligen Gottesmutter Maria anvertraut, die uns aufruft, in
unseren Leiden den Blick auf das Kreuz Christi zu richten, wo wir Kraft und
Hoffnung schöpfen.
Als Jesus ausrief: „Es ist vollbracht“, das Haupt neigte
und sterbend seinen Geist in die Hände seines Vaters legte, da wurde der Keim
der neuen Schöpfung grundgelegt. Der am Kreuz Besiegte war in Wirklichkeit zum Sieger über Sünde, Tod und Teufel
geworden. Durch sein in Liebe bis zum Letzten durchgetragenes Leiden hatte er
den Hass der Welt besiegt. Nur drei Tage sollte ihn das Grab halten, bis er
machtvoll von den Toten auferstand!
Johannes berichtet uns
davon, dass man den Mitgekreuzigten – es waren dies zwei Verbrecher – die
Gebeine zerbrach. Bei Jesus jedoch sah man, dass er schon tot war, und so
führte einer der Soldaten den so genannten „Herzstich“ aus, d.h. er stieß mit der Lanze in die Seite des bereits
gestorbenen Herrn, und sogleich flossen Blut und Wasser heraus. Dieses Blut und dieses Wasser wurden von den Kirchenvätern bald gedeutet im Hinblick auf
die Sakramente der Kirche: Das
Wasser steht für die Taufe, das Blut
weist hin auf das Sakrament der Eucharistie.
Man kann auch sagen: Genau hier wird die
Kirche geboren, denn die Kirche als Gemeinschaft aller Glaubenden lebt aus
dem Gnadenquell der Sakramente.
Die Kirchenväter haben das Sterben Christi auch mit dem Schlaf Adams verglichen, aus dessen
Rippe Gott seine Frau, Eva, formte. Als der „neue Adam“ Jesus Christus am
Kreuze „entschlief“, da wurde aus seiner Seite die Kirche als Braut Christi geboren. Jesu Christus hat uns geliebt bis
in den Tod; er hat für die Kirche als seine Braut sein Leben hingeben, damit er
diese Braut ganz neu und unversehrt hervorgehen lasse aus dem Bad der Taufe und
damit sie genährt würde von der Speise der Eucharistie.
Blicken wir auf zu dem, der
durchbohrt wurde wegen unserer Sünden! Sein Tod gibt uns Hoffnung. Nicht
Vorwürfe an uns sind es, die Gott durch das Leiden und Sterben seines Sohnes an
uns richtet, sondern die Einladung
seiner barmherzigen Liebe ist es, der wir antworten sollen. Nicht umsonst
beginnt die „Novene zur göttlichen
Barmherzigkeit“ am heutigen Tag, dem Karfreitag, um mit dem „Weißen
Sonntag“, dem „Barmherzigkeitssonntag“ abzuschließen. Gottes Gnade fließt überreich; verbinden wir uns mit der heiligen
Jungfrau und Gottesmutter Maria, dann wird uns geschenkt werden, aus dem Leiden
und Tod Christi Kraft zu schöpfen und in Einheit mit ihm der Freude der
Auferstehung teilhaft zu werden! Amen.