Dr. Josef Spindelböck

 

Feier vom Leiden und Sterben Christi
Homilie am Karfreitag
Jahreskreis C, 9. April 2001

L 1: Jes 52,13-53,12; L 2: Hebr 4,14-16 ; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42

Alle liturgischen Texte online finden Sie im Schott-Messbuch.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Die Passionsgeschichte, also die Erzählung der Evangelien vom Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, kann uns nicht unberührt und unbeteiligt lassen. Jede menschliche Not und jedes menschliche Leid erschüttert unser Herz, wenn wir uns wenigstens einen Funken an Menschlichkeit bewahrt haben. Umso mehr das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz!

Hier offenbart sich seine Liebe zu uns Menschen, die ohne Grenzen war, die bis in den Tod ging. Hier zeigt sich auch die eigentliche Ursache all dieses Leidens: die Schuld der Menschheit, die der Erlöser freiwillig auf sich genommen hat, um uns von unseren Sünden zu befreien.

Als es ernst wurde und Jesus gefangen genommen worden war, da verließen ihn fast alle Jünger. Judas hatte ihn verraten, Petrus ihn dreimal verleugnet, obwohl er vorher hoch und heilig versprochen hatte, sogar sein Leben für ihn hingeben zu wollen … Sogar Johannes war geflohen; dieser kehrte allerdings bald zurück und wagte sich mit einigen tapferen Frauen in die Nähe Jesu und dann bis unter das Kreuz. Dort durfte er die trostvollen Worte hören: „Sohn, siehe deine Mutter!“ Zu Maria, der Mutter Jesu, sagte der sterbende Erlöser: „Frau, siehe dein Sohn!“ Auf diese Weise wurde Maria zur geistlichen Mutter des Johannes, der Apostel überhaupt und ihrer Nachfolger, sowie aller glaubenden Menschen. Vom Kreuz herab sind wir der liebenden Fürsprache der heiligen Gottesmutter Maria anvertraut, die uns aufruft, in unseren Leiden den Blick auf das Kreuz Christi zu richten, wo wir Kraft und Hoffnung schöpfen.

Als Jesus ausrief: „Es ist vollbracht“, das Haupt neigte und sterbend seinen Geist in die Hände seines Vaters legte, da wurde der Keim der neuen Schöpfung grundgelegt. Der am Kreuz Besiegte war in Wirklichkeit zum Sieger über Sünde, Tod und Teufel geworden. Durch sein in Liebe bis zum Letzten durchgetragenes Leiden hatte er den Hass der Welt besiegt. Nur drei Tage sollte ihn das Grab halten, bis er machtvoll von den Toten auferstand!

Johannes berichtet uns davon, dass man den Mitgekreuzigten – es waren dies zwei Verbrecher – die Gebeine zerbrach. Bei Jesus jedoch sah man, dass er schon tot war, und so führte einer der Soldaten den so genannten „Herzstich“ aus, d.h. er stieß mit der Lanze in die Seite des bereits gestorbenen Herrn, und sogleich flossen Blut und Wasser heraus. Dieses Blut und dieses Wasser wurden von den Kirchenvätern bald gedeutet im Hinblick auf die Sakramente der Kirche: Das Wasser steht für die Taufe, das Blut weist hin auf das Sakrament der Eucharistie. Man kann auch sagen: Genau hier wird die Kirche geboren, denn die Kirche als Gemeinschaft aller Glaubenden lebt aus dem Gnadenquell der Sakramente.

Die Kirchenväter haben das Sterben Christi auch mit dem Schlaf Adams verglichen, aus dessen Rippe Gott seine Frau, Eva, formte. Als der „neue Adam“ Jesus Christus am Kreuze „entschlief“, da wurde aus seiner Seite die Kirche als Braut Christi geboren. Jesu Christus hat uns geliebt bis in den Tod; er hat für die Kirche als seine Braut sein Leben hingeben, damit er diese Braut ganz neu und unversehrt hervorgehen lasse aus dem Bad der Taufe und damit sie genährt würde von der Speise der Eucharistie.

Blicken wir auf zu dem, der durchbohrt wurde wegen unserer Sünden! Sein Tod gibt uns Hoffnung. Nicht Vorwürfe an uns sind es, die Gott durch das Leiden und Sterben seines Sohnes an uns richtet, sondern die Einladung seiner barmherzigen Liebe ist es, der wir antworten sollen. Nicht umsonst beginnt die „Novene zur göttlichen Barmherzigkeit“ am heutigen Tag, dem Karfreitag, um mit dem „Weißen Sonntag“, dem „Barmherzigkeitssonntag“ abzuschließen. Gottes Gnade fließt überreich; verbinden wir uns mit der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, dann wird uns geschenkt werden, aus dem Leiden und Tod Christi Kraft zu schöpfen und in Einheit mit ihm der Freude der Auferstehung teilhaft zu werden! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at