Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Siebten
Sonntag der Osterzeit
(24. Mai 1998, Lesejahr C)
L 1: Apg 7,55-60; L 2: Offb 22,12-14.16-17.20; Ev: Joh
17,20-26
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Bevor Jesus den Tod am Kreuz auf sich genommen hat, hat er die Apostel noch unterwiesen und durch seine Worte gestärkt. Die bei Johannes überlieferte "Abschiedsrede Jesu" gibt uns wichtige Hinweise über die Person und Sendung Jesu. Die Worte Jesu sind auch wegweisend für alle, die an Jesus glauben, für die Gemeinschaft der Kirche. Der Teil des Evangeliums, den wir heute hören, ist aus dem "Hohenpriesterlichen Gebet" Jesu für seine Jünger und alle, die an ihn glauben.
Und da hören wir im Evangelium, es sei der sehnlichste Wunsch des Herrn, daß alle, die an ihn glauben, eins sind. Jesus möchte die Einheit aller, die zu ihm gehören. Der eine Glaube und die eine Liebe sollen das Band der Gemeinschaft sein, das die Glieder der Kirche zusammenhält in einem einzigen geheimnisvollen Leib.
In der Apostelgeschichte heißt es über die Schar der ersten Christen: Sie waren "ein Herz und eine Seele" (Apg 4,32). Und Nichtchristen - Juden wie Heiden - waren sehr beeindruckt vom Zusammenhalt der Christen: "Seht, wie sie einander lieben!", so hieß es oftmals. Natürlich hat es auch damals schon Bedrohungen dieser Einheit gegeben. Es gab bereits zur Zeit der Apostel immer wieder Streit und Unfrieden auch unter Christen. Nur mit Mühe gelang es den Aposteln und in ihrer Nachfolge den Bischöfen, wieder Frieden herzustellen. Manche Christen blieben uneinsichtig und waren so sehr von ihren eigenwilligen Vorstellungen überzeugt, daß sie schweren Schaden für die kirchliche Gemeinschaft stifteten und so aus der Kirche ausgeschlossen werden mußten, bis sie sich eben bekehrt hatten, falls sie nicht bis zum Tode in ihrer falschen Haltung ausharrten.
In allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte können wir dieses Zweifache feststellen: Einerseits hat die Kirche ihre grundlegende Einheit niemals verloren, jene Einheit, die ihr Christus selber verheißen und für die er zum Vater gebetet hat. Es ist die Einheit im Glauben und in der Liebe, die sich auch in der Einheit der kirchlichen Leitung und der Einheit der gemeinsamen Sakramente kundtut.
Andererseits sind zu allen Zeiten auch Menschen aufgetreten, die diese Einheit gefährdet oder sogar teilweise zerstört haben. Die sogenannten "Kirchenspaltungen" geben davon ein trauriges Zeugnis. Denken wir nur an die Trennung der Ost- von der Westkirche im Jahr 1054 oder an den Bruch in der Christenheit durch die sogenannte Reformation nach 1517.
Wenn wir aus heutiger Sicht die Schuldfrage für manche unheilvolle Entwicklung der Vergangenheit stellen, so müssen wir zugeben: Auch auf Seiten jener, die den katholischen Glauben bewahrt haben, hat es Eigensinn und Starrheit, ja auch Verstrickung in weltliche Händel und sündhafte Gewohnheiten gegeben. Der Papst fordert in "Tertio Millenio Adveniente" ausdrücklich zu einer Reinigung des Gewissens auf, wo die Kirche einbekennt, daß immer wieder auch Menschen aus ihren Reihen gegen das Evangelium verstoßen haben und so zum Ärgernis für andere geworden sind. Es nicht die Aufgabe von uns Spätgeborenen, einander vergangene Dinge immer wieder vorzuwerfen und sich gegenseitig aufzurechnen. Wohl aber haben wir als Glieder der Kirche ein Erbe mitzutragen, das nicht immer leicht ist. "Dafür gilt es Wiedergutmachung zu leisten, indem Christus inständig um Vergebung angerufen wird" (Tertio Millenio Adveniente, Nr. 34).
Die Bemühungen um die volle Einheit unter den Christen werden als "ökumenische Bewegung" bezeichnet. Die Kirche unterstützt dieses Anliegen aus ganzem Herzen. Gemeinsam mit den von der katholischen Kirche getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sucht sie neue Wege des Miteinanders im gemeinsamen Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Geschichtlich Gewachsenes und Gewordenes kann nicht einfach über Bord geworfen werden; es wäre zu einfach und würde nur eine Einheit an der Oberfläche bedeuten, wenn man auf die gemeinsame Glaubensüberzeugung verzichten wollte. Es ist eben nicht egal, was und an wen wir glauben! Und ungeachtet der vielen Gemeinsamkeiten bestehen auch weiterhin große Unterschiede zwischen den Konfessionen, denken wir nur an den Glauben bezüglich der Sakramente oder des kirchlichen Amtes. Da heißt es, in Geduld einander anzuhören und Verständnis zu haben für die Sichtweise der anderen. Zugleich ist es wichtig, dem Anspruch der Wahrheit treu zu bleiben. Denn nur die Wahrheit wird uns frei machen, sagt Jesus (vgl. Joh 8,32). Der Kirche ist der Heilige Geist geschenkt, der Geist der Wahrheit. In diesem Geist gilt es, wieder zur vollen Einheit im Glauben zu finden.
Letztlich ist diese Einheit kein Werk von Menschen, sondern ein Werk Gottes, ein Geschenk eben des Geistes der Wahrheit und der Liebe. Darum sollen wir um die Einheit im Glauben beten. Wir beten darum, daß die Kirche eins sei im Glauben und in der Liebe und daß auch die getrennten Brüder und Schwestern wieder zurückfinden zur vollen Einheit in Wahrheit und Liebe. Dann wird es nur eine Herde und einen Hirten geben (vgl. Joh 10,16). Die Christen sollen gemeinsam Zeugnis ablegen von dem einen Herrn, der sie erwählt und gesandt hat, um Boten der Freude zu sein für die Welt.
Beten wir in diesen Tagen vor Pfingsten so wie die Apostel und Jünger im Abendmahlssaal gemeinsam mit Maria um die Gabe des Heiligen Geistes. Er möge unser Herz erleuchten und uns mit seiner Liebe erfüllen! Amen.
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