Predigt:
5. Sonntag der Osterzeit C (09.05.2004)
L1: Apg 14,21b-27; L2: Offb 21,1-5a; Ev: Joh 13,31-33a.34-35
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Der Muttertag, wie er an diesem Sonntag weltweit gefeiert wird, ist in der neuen Form ein Import aus den USA. Am 9. Mai 1907 startete Anna Jarvis in Grafton, West Virginia, eine Initiative für die Einführung eines offiziellen Feiertags zu Ehren der Mütter. Die Bewegung wuchs rasch an. Bereits 1909 wurde der Muttertag in 45 Staaten der USA gefeiert. Nachdem England den „Mothering day“ wiederbelebt hatte, verbreitete sich der Feiertag auch in Europa. Seit 1922 wird er in Deutschland, seit 1924 in Österreich begangen. Heuer ist bei uns also ein Jubiläum: 80 Jahre Muttertag!
Die Wurzeln des Muttertages gehen aber weiter zurück: Bereits zur Zeit Königs Heinrichs III. (1216–39), wurde in England der Sonntag Laetare als „Mothering Day“ begangen. Ursprünglich wurde an diesem Tag der „Mutter Kirche“ für ihre Mutterschaft gedankt. Ebenso dankte man auch der leiblichen Mutter.
Wenn dieser Tag heute im Rahmen des Gottesdienstes zum Thema gemacht wird, dann geht es uns hier nicht um eine säkulare Feier. Wohl aber wollen wir Gott danken für unsere Frauen und Mütter, und wir wollen den unersetzlichen Beitrag anerkennen, den sie für uns alle auf vielfältige Weise durch ihren ausdauernden, opferbereiten und liebevollen Einsatz leisten. Daher gilt der Dank auch Ihnen ganz persönlich, liebe Frauen und Mütter!
Mutter sein heißt mehr als einem Kind das Leben geschenkt zu haben. Mutter zu werden ist nicht nur eine einmalige Sache, sondern betrifft das Leben der Frau in einmaliger Weise. Es ist eine Berufung, welche mehr einschließt als bloß leibliche Fürsorge. Es geht um eine innere Haltung der Bindung und eine dauerhafte Verpflichtung aus Liebe, wo die Frau als Mutter Verantwortung übernimmt für ihr Kind und die ganze Familie. Mutter zu sein heißt vor allem mütterlich gesinnt sein und sich in dieser Weise auch einzusetzen.
Der heutige Tag soll uns allen wieder ins Bewusstsein rufen, was Frauen und Mütter täglich für uns tun. Nicht nur jene Frauen feiern wir, die tatsächlich Mütter geworden sind, sondern im Grunde sollte jede Frau eine Art geistiger Mutterschaft verwirklichen. Was kann das heißen? Das mütterliche Charisma der Frau, ihr „Genius“, bedeutet, Ja zu sagen zum Mitmenschen, Ja zu denen, die der Frau in besonderer Weise anvertraut sind. Vorzugsweise sind es die Kleinen und Schwachen, die Armen und Kranken, in ganz besonderer Weise sind es die Kinder, die dem mütterlichen Schutz der Frau anvertraut sind. Ohne den selbstlosen Dienst und Einsatz unserer Frauen könnte die Gesellschaft nicht bestehen.
Unser Herr Jesus Christus hat die denkwürdigen Worte gesprochen: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ Diese Berufung zur Liebe zu verwirklichen sind wir alle aufgerufen. In besonderer Weise sind Frauen und Mütter fähig, diesem Ruf Gottes zu entsprechen. Das ist gleichsam die „Stärke“ des „schwachen“ Geschlechts, wenn unsere Frauen und Mütter offen sind für die Mitmenschen und fähig zur Hingabe und zum selbstlosen Einsatz.
Unser Papst Johannes Paul II. hat am 29. Juni 1995 in seinem Brief an die Frauen vom „Genius der Frau“ gesprochen. Es geht um einen geistigen Grundzug ihrer Berufung, der sich besonders auszeichnet und hervorhebt. Die entsprechenden Worte verdienen es hervorgehoben und bedacht zu werden. Die Kirche dankt Gott für das Geheimnis der Frau, die eine besondere Rolle im Heilsplan Gottes zu erfüllen hat, wie gerade das Beispiel der Jungfrau und Gottesmutter Maria zeigt. So schreibt der Papst:
„Dank sei dir, Frau als Mutter, die du dich in der Freude und im Schmerz einer einzigartigen Erfahrung zum Mutterschoss des Menschen machst, die du für das Kind, das zur Welt kommt, zum Lächeln Gottes wirst, die du seine ersten Schritte lenkst, es bei seinem Heranwachsen betreust und zum Bezugspunkt auf seinem weiteren Lebensweg wirst.
Dank sei dir, Frau als Braut, die du dein Schicksal unwiderruflich an das eines Mannes bindest, in einer Beziehung gegenseitiger Hingabe im Dienst an der Gemeinsamkeit und am Leben.
Dank sei dir, Frau als Tochter und Frau als Schwester, die du in die engere Familie und dann in das gesamte Leben der Gesellschaft den Reichtum deiner Sensibilität, deiner intuitiven Wahrnehmung, deiner Selbstlosigkeit und deiner Beständigkeit einbringst.“
Der Papst fährt fort in seinem Dank an die Frauen:
„Dank sei dir, berufstätige Frau, die du dich in allen Bereichen des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und politischen Lebens engagierst, für deinen unverzichtbaren Beitrag zum Aufbau einer Kultur, die Vernunft und Gefühl zu verbinden vermag, zu einem Verständnis vom Leben, das stets offen ist für den Sinn des ‚Geheimnisses, zur Errichtung wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die mehr Menschlichkeit aufweisen.
Dank sei dir, Frau im Ordensstand, die du dich nach dem Vorbild der größten aller Frauen, der Mutter Christi, des fleischgewordenen Wortes, in Fügsamkeit und Treue der Gottesliebe öffnest und so der Kirche und der ganzen Menschheit hilfst, Gott gegenüber eine ‚bräutliche Antwort zu leben, die auf wunderbare Weise Ausdruck der Gemeinschaft ist, die er zu seinem Geschöpf herstellen will.
Dank sei dir, Frau, dafür, dass du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei.“
Tun wir das Unsere, dass diese schönen und wahren Worte des Heiligen Vaters nicht nur Theorie bleiben. Es gilt dankbar zu sein für das Geheimnis des Menschseins als Mann und Frau. Wenn unserer Gesellschaft das Bewusstsein für die Mütterlichkeit der Frau verloren geht, wird sie Entscheidendes vermissen. Wir brauchen den Dienst der Frauen und Mütter, ihren selbstlosen Einsatz und auch ihren Mut! Davon hängt die Zukunft ab.
Der Dank an alle Frauen und Mütter verbindet sich heute mit dem Gebet für sie und der besonderen Anrufung der heiligsten aller Frauen, der heiligen Jungfrau und Mutter Maria: Sie möge Fürbitte einlegen bei Gott und uns mütterlich durch unser Leben begleiten – dem ewigen Vaterhaus Gottes entgegen! Amen
