Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Fünften
Sonntag der Osterzeit
(10. Mai 1998, Lesejahr C)
Familienmesse am Muttertag
L 1: Apg 14,21b-27; L 2: Offb 21,1-5a; Ev:
Joh 13,31-33a.34-35
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,
liebe Kinder, und vor allem: liebe Mütter!
"Liebt einander!" so hat Jesus zu seinen Aposteln und Jüngern gesagt. Und das haben wir auch am Anfang der heiligen Messe im Lied gesungen. Wir wissen es alle, wie gut und wichtig es ist in unserem Leben, daß wir einander lieb haben. Und doch ist es notwendig, daß wir uns dies immer wieder in Erinnerung rufen!
Wenn Ihr heute, liebe Kinder, Eurer Mutter zum Muttertag gratuliert habt, so tut ihr das, weil die Mama Euch gern hat und für Euch da ist. Eine gute Mutter schenkt ihrem Mann und ihren Kindern viel Liebe und Zeit, sie sorgt für ihre Familie, sie opfert sich für die Kinder auf. Wenn eines von ihnen traurig ist, so tröstet die Mutter das Kind. Wenn es Hunger hat, so versorgt sie es mit Nahrung, sie wäscht und kocht, hilft bei den Hausaufgaben, tut dies, tut das. Oft kommt so viel über die Mütter herein, daß sie wirklich überfordert sind.
Da mag es dann schon sein, daß einer so gestreßten und geplagten Mutter ein Seufzer auskommt und sie sich fragt: "Wer denkt denn eigentlich an mich?! Muß nur ich immer für andere da sein? Habe nicht auch ich Anspruch auf etwas Zeit und Erholung, auf ein paar Stunden, wo ich das tun kann, was mir besonders Freude macht, wo ich mich etwas regenerieren kann, wo ich vielleicht meine besonderen Interessen und Talente zur Entfaltung bringen kann?!"
Wir müssen dieser Mutter da recht geben. Auch sie braucht Liebe, auch sie braucht etwas Zeit für sich selber. Und in einer Familie, wo alle zusammenhalten, wo Vater, Mutter und Kinder - vielleicht auch die Großeltern - wirklich ein Herz und eine Seele sind, wird das auch respektiert werden. Freilich gibt es auch in der idealsten Familie mitunter Spannungen, vielleicht auch Auseinandersetzungen. Wichtig ist, daß wir immer wieder den Weg zueinander finden und aufeinander Rücksicht nehmen. So erweisen wir einander jene Liebe, die Jesus von uns verlangt.
Es ist bestimmt zu wenig, wenn wir nur einmal im Jahr an unsere Mutter denken. Es wäre geheuchelte Liebe, wenn wir das Jahr über wenig Liebe und Dankbarkeit zeigen würden und am Muttertag die Mutter hoch leben ließen. Jeden Tag muß sich die Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Eltern - Müttern wie Vätern - bewähren, vonseiten der Kinder, vonseiten auch der Ehepartner.
Das heutige Evangelium weist uns dazu bestimmt einen guten Weg. Jesus sagt auch zu uns: "Liebt einander!" Und er sagt weiters: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben."
Wenn wir das bedenken, dann müssen wir zugleich von Dankbarkeit wie auch von heiliger Furcht erfüllt werden: Denn die Liebe Jesu geht über jedes menschliche Maß hinaus. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus, um uns mit einem menschlichen Herzen zu lieben. Jesus hat für uns sein Leben eingesetzt und dieses Leben für uns hingegeben. Seine Liebe zu uns ist stärker als der Tod, weil er für uns am Kreuz gestorben ist. Und Jesus sagt uns, daß seine Liebe uns Vorbild sein soll. Seine Liebe soll uns Kraft geben, daß auch wir unser Leben einsetzen für unsere Brüder und Schwestern.
Was heißt das im einzelnen? Vor allem sollen wir den Egoismus überwinden. Wir dürfen nicht nur auf uns schauen. Eine gute Mutter vergißt sich gleichsam selbst in der liebevollen Sorge um ihre Familie. Sie findet ihre Freude darin, anderen Freude zu machen. Sie lächelt, auch wenn ihr selber im Herzen oft anders zumute ist, und macht anderen Mut. Sie stellt ihre eigenen Berufs- und Lebenspläne zurück, um den ihr Anvertrauten zu helfen, die richtigen Schritte ins Leben zu finden.
Aber dieses "Loblied auf die edle Mutter" darf uns nicht dazu verleiten, daß wir alle Last auf die Frauen und Mütter abwälzen wollen, vielleicht noch gar mit Berufung auf eine angeblich so von Gott gewollte Ordnung. Im Gegenteil! Es soll für uns ein Anstoß sein, den oft allein gelassenen Frauen und Müttern beizustehen. Nur dann, wenn eine Frau und Mutter ihrerseits eine gewisse Liebe und ein Angenommensein daheim erfährt, hat auch sie die Kraft durchzuhalten in schwierigen Stunden des Lebens. Nur dann kann sie die Liebe üben, die uns allen aufgetragen ist.
Blicken wir heute auch auf zu unserer gemeinsamen himmlischen Mutter! Die heilige Maria, ein Mensch wie wir, doch von Gott überreich begnadet, durfte die Mutter Gottes sein. Diese Aufgabe ist größer als alles, was je ein Geschöpf empfangen durfte. Von ihrem Ja-Wort wollte Gott die Menschwerdung seines Sohnes abhängig machen. Weil sie dieses Ja gesagt hat bei der Verkündigung und weil sie dieses Ja auch durchgehalten hat in ihrem ganzen Leben, bis unter das Kreuz ihres Sohnes, darum ist sie auch unsere Mutter geworden. Vom Kreuz herab hat Jesus sie dem Johannes, seinem Lieblingsjünger, anvertraut. Zugleich hat er Johannes und uns alle ihrer mütterlichen Liebe übergeben, da er gesprochen hat: "Frau, siehe dein Sohn. - Siehe deine Mutter" (vgl. Joh 19,26.27).
Wir beten heute also besonders für unsere Mütter, daß Gott sie beschützen möge und ihnen schon hier auf Erden reichlich vergelten möge, was sie für uns Gutes tun! Einmal möge Gott der Herr alle Menschen, die ihm treu gedient haben, aufnehmen in sein himmlisches Reich. Amen.
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