Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau
Predigt
am 4. Sonntag im Jahreskreis
(1. Februar 1998, Lesejahr C)
L 1: Jer 1,4-5.17-19; L 2: 1 Kor 12, 31-13,13;
Ev: Lk 4,21-30
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wie ist es Jesus in seiner Heimatstadt Nazaret ergangen, wo er aufgewachsen ist? Hat er dort bei den Leuten, die ihn von Kindheit an gekannt haben, Anerkennung und Aufnahme gefunden, als er mit dem Anspruch auftrat, der von Gott gesandte Messias zu sein?
Das heutige Evangelium nach Lukas setzt die Erzählung vom vorigen Sonntag fort: Jesus nimmt in der heimatlichen Synagoge in Nazaret am Gottesdienst teil und liest dort aus dem Propheten Jesaja vor. Jesaja schreibt: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt" (Jes 61,1). Diese Worte über den kommenden Messias bezieht Jesus auf sich. Die Leute sind beeindruckt und hören ihm aufmerksam zu.
Dann aber überkommen sie kritische Gedanken. Als sie nämlich den unerhörten Anspruch der Botschaft Jesu wahrnehmen, nehmen sie Anstoß daran, daß ihnen das einer aus ihrer Mitte sagt, und sie fragen: "Ist das nicht der Sohn Josefs?" Wie kann der uns etwas sagen? Ist er etwa besser oder größer als wir?
Es ist nicht leicht für uns Menschen, uns von anderen etwas Anspruchsvolles oder gar Unangenehmes sagen zu lassen. Propheten sind oft verfolgt worden. Sie ziehen den Unwillen jener auf sich, die sie in ihrer satten Selbstzufriedenheit aufstören. Jesus, der mehr ist als ein Prophet, ihm, dem menschgewordenen Sohn Gottes, ist es nicht anders ergangen: Er hat nicht nur Lob erfahren und Glauben gefunden, sondern wurde auch abgelehnt und kritisiert. Und gerade dort, wo er nach menschlichen Maßstäben am ehesten ein Recht auf Anerkennung und Aufnahme gehabt hätte, in seiner Heimatstadt Nazaret, wird er abgelehnt. Die über seine einzigartigen Worte aufgebrachte Menschenmenge wollte ihn sogar den Berg hinabstürzen, schreibt Lukas.
Manche meinen: Hätte Jesus nicht etwas diplomatischer sein können? Mußte er denn so reden, daß die Leute an seinen Worten Anstoß nahmen? Gewiß: Jesus wollte nicht um jeden Preis provozieren und polarisieren. Es ging ihm darum, daß das Wort Gottes die Herzen erreicht. Aber wo der Wille Gottes für alle deutlich zu machen war, da gab es für ihn keinen Kompromiß, sondern nur das Entweder - Oder von Glaube oder Unglaube. Niemand wird von Jesus zum Glauben an ihn gezwungen. Aber Jesus geht nicht ab von der zuweilen hart klingenden, in Wirklichkeit aber befreienden und erlösenden Botschaft, die er zu verkünden hat.
Auch die Kirche muß der Botschaft des Glaubens treu bleiben, die sie durch die Apostel von Jesus empfangen hat. Die kirchlichen Verkünder dürfen den Menschen nicht nach dem Mund reden, und das ist gar nicht so einfach. Die Menschen brauchen das Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens, sei es gelegen oder ungelegen. Und das Echo darauf ist ganz verschieden:
Alle sind zum Heil berufen, Nahe und Fernstehende. Bei Gott gibt es keinen Unterschied. Oft findet die Gnade Gottes gerade dort einen Zugang zu den Herzen, wo man es am wenigsten erwartet (Syrer Naaman, Witwe von Sarepta). Bei Menschen hingegen, die vielleicht von ihrem Milieu her durchaus christlich und katholisch geprägt sind, stößt das Wort Gottes auf unerwartete Ablehnung.
Wie sollen wir uns verhalten, wenn uns selber manches von dem, was der Glaube lehrt und die christliche Moral verlangt, zu hart erscheint? Sollen wir die Ohren verschließen und uns abwenden von dieser Botschaft? Oder ist es nicht doch hilfreicher und ehrlicher, seine Schwierigkeiten zwar zuzugeben, sich aber mit dieser Not und Armseligkeit ganz der barmherzigen Liebe Gottes anzuvertrauen?
Jesus sagt einmal: "Die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8,32). Nur die volle und ganze Wahrheit, die dem Menschen nichts verschweigt, was für sein Heil notwendig ist und die uns auch etwas an innerer Überwindung kostet, wird uns freimachen! Lassen wir uns diese Wahrheit schenken, wie sie uns Jesus verkündet hat. Nehmen wir die Botschaft des Glaubens mit bereitem Herzen an, und suchen wir sie in unserem Leben zu verwirklichen. Dann werden wir erfahren, daß der Weg zum Himmelreich zwar am Anfang eng erscheint, aber uns mit Gottes Hilfe zum inneren Frieden hier auf Erden und einmal zur ewigen Seligkeit führt. Amen.
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