
Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Vierten
Sonntag der Osterzeit
(3. Mai 1998, Lesejahr C)
Weltgebetstag für geistliche
Berufe
L 1: Apg 13,14.43b-52; L 2: Offb 7,9.14b-17; Ev: Joh 10,27-30
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Am 4. Sonntag der Osterzeit lädt uns die Kirche jeweils ein, besonders im Anliegen der geistlichen Berufe zu Gott zu beten.
Ein geistlicher Beruf - was ist das?! Wir denken hier vor allem an die Bischöfe, Priester und Diakone - also an die Geweihten. Dazu zählen aber auch jene Menschen, die sich in Orden oder ordensähnlichen Gemeinschaften zusammengeschlossen haben, um sich in einer Lebensweise nach den evangelischen Räten - das sind Armut, Keuschheit und Gehorsam - Gott zu weihen und den Menschen zu dienen. Auch ein Einsiedler zählt natürlich dazu, der eben sein Leben dem Gebet widmet.
Zugegebenermaßen sind geistliche Berufe seltener geworden. Wir hören immer wieder von "Priestermangel", vom Rückgang an Berufungen in den Orden und dergleichen. Besonders die westlichen Länder sind davon betroffen. Es scheint so, daß es dort, wo es den Menschen materiell gut geht, auch weniger geistliche Berufe gibt. In anderen Gegenden der Weltkirche gibt es hingegen ein regelrechtes Erblühen von geistlichen Berufen, beispielsweise in den jungen Kirchen Afrikas und Asiens.
Ja, es ist bestimmt nicht leicht, daß sich ein junger Mensch ganz für Christus entscheidet, daß jemand auf das verzichtet, was nach dem Urteil so vieler Zeitgenossen zu einem "normalen" Leben gehört: auf eigene Familie, auf Unabhängigkeit, auf so manche Vorteile und Annehmlichkeiten des Lebens eben. "Ich möchte ja schließlich etwas vom Leben haben!" ist die Meinung vieler. "Da werde ich doch nicht so dumm sein und auf all das verzichten."
Wieso gibt es dennoch Menschen, die diesen Schritt wagen, die also in die engere Nachfolge Jesu Christi treten? Als Jesus zu den Aposteln sagte: "Folge mir nach!" (vgl. Mt 9,9), da ließen sie alles hinter sich zurück und blieben in seiner Nähe. Sie spürten: "Hier ist einer, der beansprucht mein Leben für Größeres. Ich verliere zwar das Bisherige, aber nur, um das wahre Leben zu gewinnen. Diese Botschaft vom Reiche Gottes, die Jesus verkündet, gibt meinem Leben Richtung und Sinn. Ich möchte mithelfen, daß auch andere davon erfahren." So oder ähnlich werden die Apostel gedacht haben, als sie sich entschieden, Jesus nachzufolgen und ihm bei der Verkündigung des Evangeliums zu dienen.
Wer sein Leben in einer ausschließlichen Weise für Gott und die Menschen zu Verfügung stellt, wer sich gewissermaßen in Liebe hingibt und opfert für den Dienst am Herrn, auch in den notleidenden Brüdern und Schwestern, der empfängt viel mehr, als er sich selber vorstellen und erwarten kann. "Geben ist seliger als nehmen", heißt es (Apg 20,35). Und wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen (vgl. Mt 10,39).
Gott ist immer viel großherziger als wir. Der Allmächtige und gütige Gott läßt sich von uns nicht an Großmut übertreffen. Und so sind alle, die der Herr erwählt hat und die ihm von ganzem Herzen gefolgt sind, Zeugen für diese Wahrheit: "Deine Liebe, o Gott, genügt uns. In deiner Liebe empfangen wir alles." Es ist diese Freude am Herrn, die auch junge Menschen für ein Leben in der besonderen Nachfolge Jesu Christi begeistern kann.
Danken wir also Gott dafür, daß sich auch in unserer Zeit immer wieder Menschen für einen geistlichen Beruf entscheiden. Bejahen wir diese geistlichen Berufe aus ganzem Herzen und stimmen wir nicht ein in den Chor jener, die der Kirche ihre Glaubwürdigkeit absprechen und jene sogar bemitleiden, die einen geistlichen Beruf als Priester, Ordensschwester oder -bruder erwählen! Diesem Anliegen soll auch der kommende Papstbesuch dienen, der in unserer Diözese St. Pölten am 20. Juni 1998 unter dem Motto "Berufung" steht.
Unterstützen wir diese Menschen, die der Herr auch in unseren Tagen beruft, besonders mit unserem Gebet! Wer einen geistlichen Beruf ergreift, tut dies ja, um vollkommen Gott anzugehören und zugleich ganz für die Menschen dazusein. Aller Segen, den wir von Gott für die geistlichen Berufe erbitten, wird auf uns zurückkommen, auf unseren Lebensstand, auf Familien und Alleinstehende, auf Junge und Alte, auf Gesunde und Kranke.
Möge die Gottesmutter Maria, die Maienkönigin, die selber von Gott auserwählt war zu einem heiligen Dienst, unsere besondere Fürsprecherin sein!
Amen.
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