Predigt:
31. Sonntag im Jahreskreis C (31.10.2004)
L1: Weish 11,22-12,2; L2: 2 Thess 1,11-2,2; Ev: Lk 19,1-10
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Er muss körperlich sehr klein gewesen sein, der mächtige und doch nicht sehr angesehene Steuereintreiber von Jericho. Sein Name war Zachäus, und dass er als oberster Zollpächter nicht sehr beliebt war bei den Menschen, erklärt sich wohl aus der Höhe und Unmäßigkeit der Forderungen, die er stellte, wenn es galt, Zoll und Steuern einzutreiben. Dabei wirtschafteten diese im Auftrag der fremden römischen Besatzungsmacht arbeitenden Zöllner zu einem großen Teil auch in die eigene Tasche, was ihnen den Ruf eintrug, keinen besonders ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entwickelt zu haben. Zöllner galten vielmehr als krasse Egoisten, die nötigenfalls über das Schicksal armer Menschen rücksichtslos hinwegsahen. Es waren gleichsam „Blutsauger in menschlicher Gestalt“, die selber kein Erbarmen schenkten und darum auch von anderen kein Erbarmen erwarten durften, wenn es einmal möglich war, ihnen etwas heimzuzahlen. Und ausgerechnet ein solcher, grundverdorbener Mann wollte nun Jesus sehen! Da vergönnte man es ihm doch, dass er sich nun einmal damit bescheiden musste, hinten zu stehen, wo er wegen seines Kleinwuchses kaum Chance hatte, den gepriesenen Messias überhaupt richtig zu sehen, geschweige denn von ihm gesehen werden konnte.
Was aber mag Zachäus bewogen haben, plötzlich aus all dem auszubrechen, was zu seinem Leben gehörte und einen Weg zu suchen, auf dem er – koste es, was es wollte – Jesus sehen und ihm nahe kommen konnte? Es muss die besondere Faszination gewesen sein, die von unserem Herrn Jesus Christus ausging. Angesichts dessen, was er von Jesus gehört hatte, seiner vielen Wundertaten und Krankenheilungen, seiner besonderen Liebe zu den Armen, Ausgestoßenen und den Sündern fasste auch Zachäus Mut. Die Gnade Gottes muss es ihm eingegeben haben, sodass er der festen Zuversicht war, Jesus würde ihn nicht zurückweisen, wenn er ein neues Leben beginnen wollte.
So achtete Zachäus nicht auf den Spott der Menge, die ihm nicht gewogen war, sondern lief voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, wo Jesus vorbeikommen musste. Dort konnte er ihn sehen und wurde vielleicht auch selbst von Jesus gesehen. Mochten die Menschen denken, was sie wollten! Er tat das, wovon er in dieser Stunde zutiefst überzeugt war, dass es das Richtige war.
Als Jesus nun vorbeikam, geschah das Unerwartete: Jesus erblickte den Zöllner, der vom Baum her sein Kommen erwartete, und rief ihm zu: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ War schon der erste Aufruf ungewöhnlich, dass Jesus sich ausgerechnet an ihn, den öffentlichen Sünder, wandte, so war die Ankündigung, er wolle bei ihm zu Gast sein, mehr als seltsam. Wie konnte ein so heiliger und angesehener Mann wie Jesus bei einem Sünder einkehren und zu Gast sein wollen! Das widersprach allen Regeln des guten Umgangs, wie er im jüdischen Milieu geboten schien.
Trotz der Verwunderung und des Protestes der Menschen ließ sich Jesus nicht von seiner Absicht abbringen und kehrte bei Zachäus ein. Dieser nahm ihn mit Freuden auf und bewirtete ihn. Wie aber rechtfertigte der Herr sein ungewöhnliches Verhalten? Sagte er etwa, es gäbe keinen Unterschied zwischen Recht und Unrecht? Meinte er, Gott sei nicht so kleinlich, dass er zwischen Schuldigen und Unschuldigen unterscheide? Keineswegs! Jesus nannte die Sünde wirklich Sünde und lehnte sie ab; er rief alle zur Bekehrung auf. Aber jedem, der sich wirklich bekehren wollte und der seine Liebe annehmen wollte, den nahm er auch an. Er wies den größten Sünder nicht zurück, denn: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war.“ Auch diesem Menschen – dem Zachäus – sollte das Heil zuteil werden.
Wie aber nun? War damit alles einfach ungeschehen gemacht, was Zachäus in der Vergangenheit an Bösem und Ungerechtem getan hatte? Konnte es sein, dass er eine so „billige Gnade“ erfuhr, dass es keiner weiteren Wiedergutmachung bedurfte? Dies war nicht der Fall. Ja, es war Zachäus selber, der einsah, dass er etwas gut zu machen hatte. Darum versprach er in feierlicher Weise, er wolle die Hälfte des Vermögens den Armen geben. Und außerdem gelobte er: „Wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ Auch dessen war sich der ungerechte Zöllner bewusst, dass er Geld verlangt hatte, das ihm gar nicht zustand. Dies alles wollte er nun wirklich gut machen, so sehr er dazu in der Lage war. Und Jesus nahm seinen guten Willen an und vergab ihm die Schuld.
Liebe Brüder und Schwestern, wie sieht es mit uns aus? Sind wir noch fähig zu echter Einsicht, zu Reue und Umkehr? Wie sehen unsere Beichten aus, sofern wir überhaupt noch daran denken, das Bußsakrament zu empfangen? Ist hier nicht sehr viel Äußerlichkeit im Spiel, sodass wir zwar „irgendetwas“ bekennen, die eigentlichen Wunden des Herzens, welche durch Sünden verschiedenster Art verursacht werden, jedoch übersehen und so auch zu keiner rechten Heilung gelangen?
Wir sind eingeladen, gerade in diesen Tagen um Allerheiligen und Allerseelen mit neuer Bereitschaft und in echtem Geist der Buße das Sakrament der Versöhnung zu empfangen. Wenn wir bemerken, dass wir jemandem wehgetan haben und dass Unrecht auf uns lastet, so sollen wir uns nach Kräften bemühen, es wieder gut zu machen. Denn auch das gehört zum guten und fruchtbringenden Empfang des Sakramentes der Buße dazu.
Wenn uns die Kirche den Allerseelenablass gewährt, so soll das eine Hilfe sein in unserem Bemühen um Wiedergutmachung. Gott vergibt ganz und vollkommen. Dies schließt aber unsere Bereitschaft ein, das zu tun, was möglich ist, damit wir die Folgen unserer Schuld (die „Sündenstrafe“) abtragen. Im Gebet für die Verstorbenen erklären wir unsere Verbundenheit mit den zu Gott heimgegangenen Menschen, damit sie bei Gott Verzeihung und Nachlass finden für alle ihre Sünden und Sündenstrafen. Wenn wir auf diese Weise für andere beten, werden auch wir einmal Barmherzigkeit finden. Amen
