Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis
(18. Januar 1998, Lesejahr C)

L 1: Jes 62,1-5; L 2: 1 Kor 12,4-11; Ev: Joh 2,1-11


Liebe Brüder und Schwestern!

In dieser Woche begehen wir die "Gebetswoche für die Einheit der Christen". Es ist der Wille Christi, daß alle, die an ihn glauben, eins sind, so wie er mit dem Vater eins ist im Heiligen Geist (vgl. Joh 17,21)!

Doch ist dieses Ziel, diese Vorstellung nicht illusorisch und unerfüllbar? Täglich hören wir so viel von Uneinheit und Unfriede, von Streit, Zerrissenheit und Spaltung. Wir erleben so vieles an Auseinandersetzungen und Streit, leider auch innerhalb der Christenheit, sogar innerhalb der Kirche. Sollen wir daher resignieren und uns mit dem einfach abfinden, was unserer Meinung nach ohnehin nicht zu ändern ist?

Wir spüren: Wir selber sind überfordert, diese Einheit herzustellen und zu leben, die Christus von seiner Kirche will. Gott muß uns helfen! Und da haben wir ein tröstendes Wort des Apostel Paulus im Römerbrief: "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf" (vgl. Röm 8,26). Es ist nicht an erster Stelle unsere Leistung und unser Verdienst, wenn uns die Gnade der vollen Einheit in Glaube und Liebe geschenkt wird. Es ist vor allem ein Geschenk der Liebe Gottes, eine Gnade also. Freilich sollen wir uns dafür öffnen und unser Herz bereit machen für Gottes Wirken!

Menschlich gesehen erscheint es als ein aussichtsloses Unterfangen, wieder zur vollen Glaubenseinheit mit unseren getrennten Brüdern und Schwestern in den anderen christlichen Konfessionen zu gelangen. Es darf ja keinen "Ökumenismus zum Billigtarif" geben, sozusagen durch Preisgabe der erkannten Wahrheit, um eines Scheinfriedens willen! Das ist nicht die Einheit, die Christus gewollt hat. Er möchte aber, daß alle, die an ihn glauben, sich in der einen und einzigen von ihm gestifteten Kirche Gottes zusammenfinden. Diese Kirche Christi ist nach den Worten des 2. Vatikanischen Konzils in der Katholischen Kirche verwirklicht (vgl. "Lumen gentium", Nr. 8), der wir durch Glaube und Taufe angehören dürfen.

Im heutigen Evangelium von der Hochzeit zu Kana standen die Menschen vor einer ähnlich aussichtslosen Situation. Der Wein war ausgegangen, und niemand wußte, wie die Hochzeitsfeier weitergehen sollte. Da gab die Mutter Jesu ihrem Sohn einen diskreten Hinweis auf die Not der Menschen. Zu den Dienern beim Hochzeitsmahl aber sagte sie: "Was er euch sagt, das tut." Durch Gottes wunderbares Wirken geschah dann die entscheidende Wendung: Jesus verwandelte Wasser in Wein, und die Hochzeitsfeier konnte fortgesetzt werden.

Es gibt keine Situationen, die hoffnungslos sind, weder im persönlichen Leben, noch im Leben der Kirche und der Christenheit!

So wollen auch wir Gott auf die Fürsprache Mariens bitten, den Heiligen Geist auszugießen über die ganze Kirche, den Geist der Wahrheit und der Liebe, den Geist der Einheit und des Friedens. Dort, wo uns Menschen der Wein des Glaubens und der Liebe ausgeht, wird uns Gott selbst das schenken, was wir brauchen, wenn wir ihn vertrauensvoll darum bitten. Maria ist die Mutter der Kirche, und die Einheit der Christen kann nicht ohne sie Wirklichkeit werden!

Vor allem kommt es also auf das Gebet an und auf die tätige Nächstenliebe, durch die wir die Menschen überzeugen können. Respektieren wir die Andersgläubigen und machen wir ihnen keine Vorwürfe! Aber helfen wir ihnen durch unser Wort und Beispiel, daß sie zur vollen Wahrheit des Glaubens gelangen können, die unser Herr Jesus Christus seiner Kirche anvertraut hat! Dann wird eines Tages nur mehr eine Herde und einen Hirten geben (vgl. Joh 10,16). Amen.



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