Predigt:
2. Fastensonntag C (07.03.2004)
L1: Gen 15,5-12.17-18; L2: Phil 3,17-4,1; Ev: Lk 9,28b-36
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Ostern naht! Die „Österliche Bußzeit“ (Fastenzeit) soll uns darauf vorbereiten. Hier wird uns klar, dass auch unser Herr Jesus Christus einen mühsamen Weg vor sich hatte, um als Mensch einzugehen in jene Herrlichkeit, die der himmlische Vater für ihn bereitet hatte und in der er als wesensgleicher Sohn Gottes seiner Gottheit nach schon von Ewigkeit lebte. Nur durch sein Kreuz und Leiden, durch seinen Tod und seine Auferstehung ist uns das Heil geschenkt. Wir sind versöhnt mit Gott in seinem Blut.
Blicken wir auf das Kreuz Christi – und das geschieht gerade in dieser Zeit öfter als sonst, beispielsweise wenn wir den Kreuzweg beten –, dann können wir das nur tun, weil wir an Jesus Christus glauben: an den Gekreuzigten und Auferstandenen. Wer die Wirklichkeit der Erlösung nicht in seinem Herzen trägt, wird mit dem Kreuz Christi wenig anfangen können. Vielleicht trägt man noch ein „schmuckes Kreuz“ am Hals (freilich ohne Corpus), aber im übrigen ist das Kreuz dann nur noch zum Relikt einer überkommenen kulturellen Epoche geworden, das gegebenenfalls auch durch ein anderes Symbol ersetzt werden könnte. Manche gehen sogar so weit, dass sie sich in aller Öffentlichkeit als „Feinde des Kreuzes Christi“ deklarieren, indem sie angeben, das christliche Kreuz stünde für Gewalt und Unterdrückung anstatt für Versöhnung und Liebe!
Liebe Gläubige, so weit darf es nicht kommen! Wir sind aufgerufen, uns ganz persönlich mit dem Kreuz Christi und seiner Auferstehung auseinander zu setzen. Das heutige Evangelium zeigt uns, wie die Apostel und Jünger dieser Wirklichkeit gegenüber standen. Auch sie konnten zuerst mit dem Leiden und Sterben des Herrn nichts anfangen. Wiederholt kündigte ihnen Jesus an, dass der Menschensohn ausgeliefert werde und den Tod erleiden müsse. Petrus, der Sprecher der übrigen, der „Felsenmann“, wagte es sogar einmal, den Herrn deshalb zu tadeln, indem er sagte: „Das darf nicht geschehen!“ Die Antwort Jesu war klar: Er sei ein „Satan“, weil er nicht das im Sinn habe, was Gott wolle, sondern was die Menschen wollten (vgl. Mk 8,31–33). Das Kreuz Christi – eine echte Provokation!
Weil Jesus wusste, wie schwer sich die Seinen damit taten, sein bevorstehendes Leiden und Sterben zu akzeptieren, nahm er einige von ihnen mit auf einen Berg. Dort wollte er sie auf wunderbare Weise teilnehmen lassen an seinem innersten Geheimnis, an seiner Einheit mit dem himmlischen Vater. Dort sollten Petrus, Jakobus und Johannes erfahren, wie groß die Herrlichkeit des Herrn ist, die ihnen erschienen war. Jesus Christus wurde vor ihren Augen verklärt, d.h. verwandelt und verherrlicht. Dies geschah in Gegenwart alttestamentlicher Zeugen – von Mose und Elija –, die gleichsam hinwiesen auf den Messias, in dem sich ihre Prophetien erfüllt hatten.
Wenn nun Jesus Christus einige Zeit vor seinem Leiden und Sterben vor den Augen seiner Jünger verklärt wird, dann ist das gleichsam als Vorbereitung darauf zu sehen, dass sie fähig werden, seine Leiden und seinen Tod leichter anzunehmen. Dass ihnen das dennoch nur schwer gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. In menschlicher Schwäche und Furchtsamkeit liefen ja fast alle davon, als Jesus gefangen genommen wurde und am Kreuze hing: Nur Johannes harrte aus, dazu einige Frauen, die angeblich zum „schwachen Geschlecht“ gehören
Es muss tatsächlich so gewesen sein, dass die Apostel nach dem Erlebnis der Verklärung Christi auf dem Berg und nach seinen Leidensankündigungen nicht wussten, wie sie all das verstehen und einordnen sollten. All das blieb zwar tief in ihrer Seele anwesend, aber es wurde für die nächste Zeit gleichsam verdrängt und zurückgestellt. Erst als die Ereignisse tatsächlich eingetreten waren – Jesu Tod und Auferstehung –, da erinnerten sie sich wieder an alles, was Jesus ihnen vorausgesagt hatte, und sie glaubten an ihn!
Es scheint fast, dass wir nur im Licht von Ostern das Geheimnis des Leidens Christi annehmen und angesichts seines Sterbens am Kreuz bestehen können. Jesus hat uns ja nicht durch das Leiden an sich erlöst, sondern durch seine Liebe, die so groß war und so weit ging, dass er um unsretwillen sogar den Tod auf sich genommen hat. In dieser Liebe zu uns und seinem himmlischen Vater nahm er Leiden und Tod auf sich. Alle Grausamkeit der Welt wurde beschämt und überwunden durch das unendliche Maß der Liebe, das sich im Leiden und Sterben des Herrn zeigte!
Möglicherweise werden Sie in den nächsten Wochen die Gelegenheit haben, den Film „Die Passion Christi“ zu sehen. Er handelt vom Leiden und Sterben des Herrn und bemüht sich, auf der Grundlage der Heiligen Schrift dem Thema nahe zu kommen. Die dort dargestellte Grausamkeit des Leidens Christi, dessen Ursache wir alle durch unsere Sünden sind, kann man nur bewältigen im Licht des Osterglaubens. Der Glaube an die erlösende Macht des Leidens und Sterbens Christi ist aber nur möglich, weil wir die Kunde von der Auferstehung des Herrn vernommen haben. Das Kreuz Christi ist nicht loszulösen von seiner Auferstehung und Verherrlichung. Der Weg dazu führt jedoch über das Kreuz, das der Sohn Gottes in Liebe angenommen hat, um uns zu erlösen.
Gehen auch wir mit Maria und Johannes unter das Kreuz Christi! Nehmen wir geistig teil am Leiden und Sterben des Herrn; vor allem dann, wenn wir die Heilige Messe mitfeiern, das sakramentale Gegenwärtigwerden von Jesu Tod und Auferstehung. Dann werden wir in unserem Leben täglich erfahren, welche Kraft vom Kreuz Christi ausgeht. Dann wird inmitten aller Prüfungen und Leiden des Lebens stets auch ein Strahl der Herrlichkeit des Auferstandenen gegenwärtig sein, bis auch wir eingehen dürfen in die ewige Vollendung bei Gott! Amen
