Predigt:
Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden
22. Sonntag im Jahreskreis C (02.09.2007)
L1: Sir 3,17-18.20.28-29; L2: Hebr 12,18-19.22-24a; Ev: Lk 14,1.7-14
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In wenigen Tagen wird unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., nach Österreich kommen und dabei vor allem das Heiligtum Unserer Lieben Frau in Mariazell besuchen. Er wird die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria, die „Magna Mater Austriae“, grüßen und uns alle im Gebet ihrer besonderen Fürbitte anvertrauen.
Vom Papstbesuch erhofft sich die Kirche in Österreich eine Stärkung des Glaubens und eine kraftvolle Ermutigung, um mit Gottes Hilfe gut gerüstet in die Zukunft zu gehen. Wir alle sind eingeladen, diesen Papstbesuch im Gebet zu begleiten und wo möglich selbst dabei zu sein, sei es in Mariazell, Wien oder Heiligenkreuz, oder aber doch über die Medien mit dem Papst und allen Mitfeiernden verbunden zu sein.
Der Papst ist als Nachfolger des Apostels Petrus der sichtbare Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der seine Brüder und Schwestern im Glauben stärkt, wenn er die Kirche als oberster Hirte und Lehrer leitet und ihre Einheit darstellt. Ihm ist in besonderer Weise der Beistand des Heiligen Geistes geschenkt, der uns in der Wahrheit Christi erhält und immer tiefer in sie einführt.
Gerade der jetzige Heilige Vater, vormals Joseph Kardinal Ratzinger, versteht sein Amt als einen Dienst an der Wahrheit Christi. Das heißt, es geht nicht um einen Personenkult, sondern darum, dass sich der Papst als „servus servorum Dei“ versteht, d.h. als „Diener der Diener Gottes“. Von diesem Dienst vor Gott und für die Menschen als unsere Brüder und Schwestern spricht das heutige Evangelium ganz allgemein in eindrucksvoller Weise. Jesus sagt uns im Gleichnis, dass wir uns nicht über andere erheben sollen, denn im Reich Gottes gelten andere Kategorien. Da wird so mancher, der hier der erste ist, dort der letzte sein und umgekehrt (vgl. Lk 13,30). „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14,11)
Dies zu begreifen, fällt dem irdisch gesinnten Menschen schwer: In dieser Welt zählt ja allzu oft nur der, welcher sich durchsetzt und selber an die erste Stelle kommt. Ob dabei andere – Schwächere, Kranke, Arme – unter die Räder kommen, interessiert den an Macht und Erfolg orientierten Menschen kaum. Und doch ist genau das der Maßstab echter Humanität: Ob wir auch ein Herz für die Schwachen haben, mit ihnen mitfühlen, für sie eintreten, an sie denken und für sie Gutes tun oder nicht.
Es ist ja leicht, denen Gutes zu erweisen, von denen wir es wieder zurückerhalten. Viel schwerer ist es, dort großzügig und gütig zu sein, wo wir kein solches Echo zu erwarten haben: entweder weil die Mitmenschen dazu nicht in der Lage sind oder weil sie uns sogar feindselig gesinnt sind (vgl. Lk 6,32–35). Der christliche Glaube bricht die Spirale der gegenseitigen Erwartung und Vergeltung auf und fordert zu Taten der Liebe auf ohne Vorleistung und auch ohne Aussicht auf menschliche Abgeltung. Es soll uns genügen, wenn Gott am Ende des Lebens unser Lohn ist und uns alles reichlich vergilt in seinem himmlischen Reich „bei der Auferstehung der Gerechten“ (Lk 14,14).
Und tatsächlich hat es in der Geschichte der Kirche großartige Beispiele dieser dienenden und zuvorkommenden Liebe gegeben, wo Menschen nicht zuerst auf sich geschaut haben, sondern sich in der Kraft des Evangeliums eingesetzt haben für ihre Brüder und Schwestern (denken wir nur an die heilige Elisabeth von Thüringen oder an die selige Mutter Teresa von Kalkutta). Sicher haben Christen auch oftmals versagt und auch so manche Verantwortungsträger in der Kirche. Und doch gilt, dass im Namen der Botschaft Christi unendlich viel Gutes geschehen ist in dieser Welt, was gerade den Dienst an den Armen, Kranken und Leidenden betrifft.
Heinrich Böll hat einmal das Bekenntnis abgelegt: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“[1]
Der Blick auf die Gottesmutter Maria, den wir in den kommenden Tagen mit unserem Papst Benedikt XVI. mit vollziehen werden, wenn er Mariazell besucht und unser Land aufs neue dem mütterlichen Schutz der Gottesmutter anvertraut, zeigt uns, wie groß es ist, in Liebe Gott und den Menschen zu dienen. Maria, die Mutter Jesu, hat die Worte ihres Sohnes, welche er im Evangelium auch an uns richtet, in ihrem Leben verwirklicht. Sie war in Freiheit und Hingabe stets die „Magd des Herrn“ und sah gerade darin die eigentliche Größe ihrer Berufung.
Möge es auch uns geschenkt sein, die Freude hingebungsvoller und dienender Liebe zu erfahren und so einst teilzuhaben am Hochzeitsmahl des ewigen Lebens.
Amen.
