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Predigt:

22. Sonntag im Jahreskreis C (29.08.2004)

L1: Sir 3,17-18.20.28-29; L2: Hebr 12,18-19.22-24a; Ev: Lk 14,1.7-14


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wer möchte nicht gern im Mittelpunkt stehen und etwas gelten oder gar zuweilen gegenüber anderen bevorzugt werden? Wenn wir das heutige Evangelium hören, dann erkennen wir unsere eigenen menschliche Antriebe und Wünsche darin wieder. Gleichsam ein Spiegel unserer Selbstgefälligkeit und Ehrsucht wird uns hier vorgehalten. Das Gleichnis des Evangeliums sagt es uns klar: Wer meint, sich selbst an die erste Stelle setzen zu können, muss damit rechnen, am Lebensende und in der Wirklichkeit Gottes der Letzte zu sein, da die Ordnung Gottes eine andere ist als die von uns Menschen so oft als selbstverständlich vorausgesetzte.

Vor Gott sind wir alle gleich viel wert. Freilich gibt es Unterschiede in unseren Talenten und Begabungen. Der eine hat diese besonderen Vorzüge und Eigenschaften, der andere jene. All das hebt aber unsere grundlegende Gleichwertigkeit nicht auf. Die gottgeschenkte Menschenwürde ist uns allen gemeinsam, ob wir arm oder reich sind, gering oder groß, jung oder alt, gesund oder krank, ob wir diesem oder jenem Volk angehören.

Das heutige Evangelium kann und soll auf dem Hintergrund der von Gott geschenkten gleichen Würde verstanden werden. Wir sind von Gott gewollt und geliebt. Er hat uns persönlich bejaht und angenommen von Ewigkeit her. Jeden von uns liebt er und ruft uns mit Namen. Keiner und keine braucht sich vor Gott zurückgesetzt fühlen. In gewisser Weise können wir sagen: Gott liebt in einer besonderen Weise jene, die von anderen zurückgesetzt und abgeschoben werden, denn er ist der Anwalt der Witwen und Waisen und all jener, die Unrecht erdulden müssen.

Gilt dies auch für unsere Berufung zum Reich Gottes? Das grundlegende Ja Gottes zu uns drückt sich aus in der Gnade der Taufe, durch die wir zu Kindern Gottes geworden sind. Wir sind berufen zum ewigen Leben in der Herrlichkeit des Himmels. In Jesus Christus sind wir zu Brüdern und Schwestern geworden; die Unterschiede bleiben zwar bestehen, sind aber nicht mehr Ausdruck einer herrschaftsbezogenen Über- oder Unterordnung, sondern der gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung.

Wenn uns Gott besondere Gnaden und auch Berufungen schenkt, dann handelt es sich nicht um eine Bevorzugung des einen gegenüber dem anderen oder um eine Auszeichnung, die wir uns selber verdient hätten, sondern um eine unverdiente Gabe dessen, der uns alles Gute in reichem Maße schenkt und zukommen lässt. So ist auch das Priestertum oder die Berufung zum Ordensleben eine Weise, wie man die Berufung zur Heiligkeit leben kann: nicht als Konkurrenz gegenüber der Ehe und Familie, sondern als Dienst an der Gemeinschaft der Glaubenden.

Jesus gab bei dem Festmahl, bei dem er geladen war, den Anwesenden eine Lehre: Sie sollten nicht darauf bedacht sein, sich die besten Plätze auszusuchen. Es gehe vielmehr darum, in allem den Willen des himmlischen Vaters zu erfüllen. Die Freiheit der Liebe befähigt uns zum Dienst für andere. Wir lernen auf diese Weise, füreinander dazu sein und einander anzunehmen, ohne einander gering zu achten. Es ist die königliche Freiheit zum Dienst an den Mitmenschen, welche uns durch den Ruf des Herrn geschenkt ist.

Blicken wir auf zur Mutter des Herrn, zu Maria, der demütigen Magd des Herrn! Sie hat diesen ihren Dienst nicht als Erniedrigung verstanden, sondern als besondere Gnade und Auszeichnung. Wer die Gnade hat, Gott zu dienen, der ist wahrhaft frei. Möge uns der Weg zum wahren Leben bei Gott gerade durch die Dienstbereitschaft füreinander aufgezeigt werden! Amen