Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Wer ist mein Nächster?
Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
15. Juli 2007 (Lesejahr C)

L 1: Dtn 30,10-14; L 2: Kol 1,15-20; Ev: Lk 10,25-37

Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wenn wir bestimmte Stellen der Heiligen Schrift vielleicht zu gut kennen, dann sind wir in Gefahr, ihren Inhalt nicht mehr ernst zu nehmen. Wir meinen dann: Das ist uns ohnehin schon gut bekannt und vertraut, und denken nicht weiter darüber nach. So kann es uns mit dem heutigen Evangelium ergehen, wo zuerst das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zur Sprache kommt und dies dann von Jesus am Beispiel des barmherzigen Samariters illustriert wird.

Überwinden wir das Vorurteil im Sinne von „Das kenne ich schon“ und wenden wir uns dem heutigen Evangelium vielleicht gerade deshalb besonders aufmerksam zu, weil wir es schon kennen bzw. zu kennen glauben!

Da ist zuerst die Frage des Schriftgelehrten: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ D.h. wie kann ich zu Gott im Himmel gelangen, wie kann ich selig werden? – Wie viele Menschen sind es, die eine solche Frage überhaupt noch ernst nehmen, sie sich noch wirklich stellen? Die einen rechnen gar nicht mit der Möglichkeit eines ewigen Lebens und leben nach dem Motto: „Mit dem Tod ist alles aus“, oder: „Wir wissen es nicht.“ Die anderen gehen vielleicht allzu selbstverständlich davon aus, dass sie selber nach dem Tod dorthin kommen werden, wo Gott uns alle haben will: in den Himmel. Dass der Weg schmal und die Tür zum Himmelreich eng ist (vgl. Mt 7,14), vergisst man allzu leicht. Die Gefahr des endgültigen Scheiterns durch das freiwillige Verharren in einer schweren Sünde bis in den Tod hinein, die eben darum zur „Todsünde“ wird, nimmt man nicht ernst. Von der Hölle zu reden gilt vielen als Torheit, als Angstmache, als Drohbotschaft. Und doch war es gerade für Jesus selbstverständlich, vor dieser realen Gefahr auch zu warnen …!

So ist also die Frage des Schriftgelehrten, wie wir gerettet werden können, auch für uns durchaus von Bedeutung. Gott will ja, dass wir selber sein Gnadenangebot annehmen und im Leben auf seine Liebe antworten. Wie aber soll das geschehen?

Die Antwort des Schriftgelehrten wird von Jesus bestätigt und bekräftigt: Es geht darum, und genau dies ist das größte Gebot, den Herrn, unseren Gott, zu lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all unserer Kraft und all unseren Gedanken. Außerdem gilt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Auch dieses Gebot klingt uns vertraut, vielleicht allzu vertraut. Weil wir theoretisch seinen Sinn leicht einsehen, meinen wir, es wäre auch leicht zu erfüllen. Genau hier liegt aber die Schwierigkeit: Wer kann schon von sich sagen, dass er Gott wirklich liebt? Es geht ja um eine Liebe, die sich nicht in Worten erschöpft, die nicht an der Oberfläche verbleibt und nicht zur Unverbindlichkeit verkommt. Die Liebe, welche Gott allein angemessen ist, da er unser höchstes und vollkommenstes Gut ist, soll eine Liebe aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele sein, mit all unserer Kraft und all unseren Gedanken. Dabei geht es weniger um menschliche Leistung als vielmehr um völlige Hingabe des Herzens. Ja, es ist richtig: Wer Gott lieben will, muss bereit sein für das Ganze. Er muss alles wagen und hingeben. Jede menschliche Sicherheit muss verlassen werden, wollen wir Gott wirklich über alles und vor allem lieben! Gott allein gebührt die Ehre, denn er ist der Herr. Bei diesem ersten und wichtigsten Gebot, Gott mit allen Kräften des Herzens zu lieben, geht es um eine Lebenseinstellung, um eine innere Haltung, die prägend ist für alles Übrige. Wenn hier die Weichen richtig gestellt sind, werden wir unser Leben auch sonst in rechter Weise ordnen und auf das Wesentliche hin ausrichten.

Schließlich bleibt das Gebot der Nächstenliebe: Wir sollen den Nächsten lieben wie uns selbst. Auch das klingt logisch und einsichtig, und doch wissen wir, wie schwer es beispielsweise zu verwirklichen ist, wenn uns ein Mensch lästig fällt, wenn er uns vielleicht ungerecht bedrängt oder gar verleumdet, wenn er uns feindselig entgegentritt und selber nicht erkennen lässt, dass er uns Wohlwollen entgegen bringt, ja zumindest Gerechtigkeit erweist. Wie schwer kann da die Nächstenliebe fallen!

Die Frage, wer denn nun mein Nächster ist, welche der Schriftgelehrte gleichsam als Rechtfertigung seiner ersten Frage stellt, wird von Jesus in seiner Antwort anhand des Beispiels vom barmherzigen Samariter umgedreht: Nicht darum geht es, wer für mich der Nächste ist, wer mir also vielleicht einen Dienst der Nächstenliebe erweisen könnte, sondern entscheidend ist, für wen ich der Nächste bin, d.h. wen ich als den Menschen erkenne, der in seiner konkreten Not und Hilfsbedürftigkeit für mich der Nächste ist, der gerade mich braucht und auf meine Hilfe angewiesen ist.

Die Notlage des Mannes, der unter die Räuber gefallen war, hat weder der Priester noch der Levit erkannt. Wohl aber war es dem Mann aus Samaria gegeben, helfend einzugreifen. Er achtete nicht auf soziale Schranken und legte seine persönlichen Vorbehalte beiseite; er gab nicht nur „etwas“, sondern machte „sich selber“ zu einer Gabe der Liebe im Dienst am Nächsten, indem er ihm alles Nötige zukommen ließ, sich für ihn Zeit nahm und ihm menschlichen Beistand leistete. Hier zeigt sich wahre Nächstenliebe, welche die helfende Tat nicht als bloße Pflicht ansieht, sondern als inneres Bedürfnis der Liebe vollzieht.

Denken wir darüber nach, wer vielleicht heute unser Nächster sein könnte, dem wir einfach durch unsere anteilnehmende Gegenwart zeigen können, dass wir ihm nahe sind und – wenn nötig – unsere konkrete Hilfe erweisen. Seien wir vor allem im Gebet die Nächsten unserer Brüder und Schwestern, wenn wir auch ihre Anliegen vor Gott hintragen und auf die Fürbitte der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria Christus den Herrn bitten, uns zu erhören und allen Menschen das ewige Leben zu schenken! Amen.

 

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