Kaplan Lic.theol. Winfried Seul, Weitra
Predigt am Fest der Taufe des Herrn
(9. Januar 2000, Lesejahr B)
L 1: Jes 42,5a.1-4.6-7 oder Jes 55,1-11; L 2: Apg 10,34-38 oder 1 Joh 5,1-9; Ev: Mk 1,7-11
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wir begehen heute in der Kirche das Fest der Taufe Jesu, mit dem - liturgisch gesehen - die Weihnachtszeit abschließt. Die Taufe Jesu im Jordan, wo der VATER IHN vor Johannes dem Täufer als SEINEN geliebten SOHN offenbart, steht in engem Zusammenhang mit dem Fest Epiphanie, Erscheinung des Herrn, vor einigen Tagen. Hier wie dort tritt der MENSCHGEWORDENE SOHN GOTTES aus seiner Verborgenheit heraus und macht sich vor den Menschen offenbar.
Wir alle haben als getaufte Christen ein mehr oder weniger großes Wissen darüber, was der Begriff Taufe bedeutet. Wir alle wurden ja getauft. Jeder von uns hat in seiner christlichen Taufe ein unausprechlich großes Gnadengeschenk von GOTT empfangen:
Durch die Taufe werden dem Menschen sämtliche Sünden
nachgelassen, die Erbsünde und alle persönlichen Sünden sowie
die Strafen, die er für seine Sünden verdient hat. Nichts hindert ihn
mehr an dem Eintritt in das GOTTESREICH.
Durch die Taufe wird der Mensch darüberhinaus von GOTT zu einer neuen Schöpfung gestaltet. Er erhält Anteil an der göttlichen Natur, wird mit dem Leben GOTTES erfüllt und wird so wahrhaft zu einem Adoptivsohn, einer Adoptivtochter GOTTES.
Die Taufe des Johannes, von der wir im Evangelium gehört haben, bereitete die christliche Taufe zeichenhaft vor. Durch die Taufe des Johannes bot GOTT den reuigen Israeliten die Gnade eines Neuanfanges. Wer sich von Johannes taufen lies, konnte danach gleichsam von neuem durch den Jordan hinein in das Gelobte Land ziehen, um ein neues Leben nach den Geboten GOTTES anzufangen. So war er bereit für die Ankunft des Messias, den Johannes der Täufer ankündigte: „Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin icht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (Lk 3,16).
Es verwundert uns, dass JESUS sich selbst auch dieser Taufe des Johannes unterzieht, obwohl ER doch größer ist als Johannes. ER, der ganz ohne jegliche Sünde ist, der nicht einmal zu Sünde fähig ist, der MENSCHGEWORDE SOHN GOTTES, geboren aus Maria der Jungfrau, hat keine Sündenvergebung und keinen Neuanfang nötig.
ER, der Messias, d. h. der Gesalbte, der ganz mit dem HEILIGEN GEIST erfüllt ist, der eins ist mit dem VATER und dem HEILIGEN GEIST, benötigte auch nicht, mit dem Heiligen Geist getauft zu werden.
Die Antwort auf
die Frage, warum JESUS sich von Johannes taufen ließ, die auch schon den ersten
Christen beschäftigte, gibt uns das Evangelium selbst: „Johannes aber
wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsst von dir getauft werden, und
du kommst zu mir? JESUS antwortet ihm: Laß es nur zu! Denn nur so können wir
die Gerechtigkeit, die GOTT fordert, ganz erfüllen“ (Mt 3,14.15).
„Gerechtigkeit, die GOTT fordert,“ besagt hier, das, was dem Willen GOTTES entspricht. JESUS lässt sich von Johannes taufen, weil dies der Wille des VATERS ist.
Durch die Taufe JESU will GOTT seinen Sohn vor Johannes dem Täufer offenbaren, und zwar auf eine ganz bestimmte Weise, von einer ganz bestimmten Seite her: Als das LAMM GOTTES, das hinwegnimmt die Sünde der Welt. Als der Messias, der sich um des Heiles der Menschen willen zutiefst entäußert. Wenn JESUS sich am Jordan gleichsam in eine Reihe mit den Sündern stellt, tut er das, um Johannes zu zeigen, dass er gekommen ist, die Sündenschuld der ganzen Menschheit auf sich nehmen und zu sühnen.
Was bedeutet nun das heutige Evangelium von der Taufe JESU für unser Leben. Welche Gnaden können wir aus dem heutigen Festgeheimnis schöpfen?
Sicher sehr viele - aber nur eines sei genannt:
Wie könnte uns die selbstgewählte Entäußerung und Erniedrigung Jesu, der sich bei seiner Taufe unter die Zahl der Sünder einreiht, nicht auch an Seine selbstgewählte Entäußerung und Erniedrigung in der Heiligsten Eucharistie erinnern? Hier ist er wahrhaft gegenwärtig in der kleinen unscheinbaren Brotsgestalt mit LEIB UND SEELE, MIT GOTTHEIT UND MENSCHHEIT. Nicht aus Schwäche, sondern um uns Seine undendliche, sich zum armen sündigen Menschen herabneigende Liebe zu beweisen.
Nehmen wir daher nie diese eucharistische Entäußerung des GOTTESSOHNES zum Anlaß für Gleichgültigkeit und Achtlosigkeit IHM gegenüber. Möge MARIA, die demütige Magd GOTTES, uns allezeit beistehen, ihrem göttlichen Sohn, der im Heiligsten Brot wahrhaft zugegen ist, mit tiefster Ehrfurcht zu begegnen. Amen.