Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Fest der Taufe des Herrn
(9. Januar 2000, Lesejahr B)
L 1: Jes 42,5a.1-4.6-7 oder Jes 55,1-11; L 2: Apg 10,34-38 oder 1 Joh 5,1-9; Ev: Mk 1,7-11
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Der heutige Festtag, mit dem liturgisch die Weihnachtszeit endet, läßt bei manchen die falsche Vorstellung aufkommen, Jesus sei als kleines Kind getauft worden. Denn in unseren Ländern ist es im Normalfall so, daß Menschen bereits als kleine Kinder getauft werden. Und dies ist sinnvoll, da der Mensch durch die Taufe befreit wird von der Erbschuld und zu einem Kind Gottes wird. Aber wie war das bei Jesus? Er wurde – wie wir eben im Evangelium gehört haben – nicht als Kind getauft, sondern als Mann von ungefähr dreißig Jahren. Wozu aber wurde er getauft? Hatte er eine Taufe überhaupt nötig?
Es handelt sich bei der Taufe, die Jesus von Johannes dem Täufer empfing, um keine gewöhnliche Taufe. Johannes taufte die Menschen zur Vorbereitung auf das Kommen des Messias als Zeichen ihrer Umkehr. Sie drückten damit aus, daß sie ihr bisheriges sündhaftes Leben radikal aufgaben und sich den Wegen Gottes zuwenden wollten. Die Taufe des Johannes war also noch keine christliche Taufe, sondern ihr Vorausbild und ihre Vorbereitung. Die Taufe, so wie wir sie kennen, stammt von Jesus Christus selber, der sie eingesetzt hat als das erste der sieben Sakramente und der seinen Jüngern aufgetragen hat, in alle Welt zu gehen und die Menschen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen.
Wie muß sich Johannes gewundert haben, als er in der Reihe der umkehrwilligen Menschen jenen erblickte, der selber der Buße und Umkehr nicht bedurfte! Es war unser Herr Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, der sich mit den Sündern solidarisierte und sich freiwillig unter sie einreihte, obwohl er ganz sündenlos war. Johannes ließ es – zunächst widerstrebend, aber dann doch – geschehen, daß Jesus sich von ihm im Jordan taufen ließ. Als er aus dem Wasser stieg, da öffnete sich der Himmel über ihm und der Heilige Geist kam wie eine Taube auf ihn herab. Eine Stimme aus dem Himmel sprach: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden."
Die Taufe Jesus hatte also nicht den Sinn, ihm irgendwelche Gaben zu verleihen, die er vorher etwa noch nicht gehabt hätte. Auch wurde er nicht erst in der Taufe zum Messias oder gar zum Sohn Gottes, der er als zweite göttliche Person schon von Ewigkeit her war. In der Taufe Jesu durch Johannes am Jordan geschieht göttliche Offenbarung: Gott teilt sich mit, er macht kund, daß dieser sein geliebter Sohn ist und daß die Menschen auf ihn als den Messias hören sollen. Weil in dieser Taufe also das aufleuchtet und den Menschen "erscheint", was Jesus in Wirklichkeit ist: der ewige Sohn Gottes, darum gehört das heutige Fest noch zum Geheimnis der Erscheinung des Herrn, das wir vor wenigen Tagen gefeiert haben.
Gott der Vater hat selber im Heiligen Geist für seinen Sohn ein unüberhörbares Zeugnis abgelegt. Die Menschen sind aufgerufen, nicht achtlos daran vorüberzugehen, sondern auf Jesus zu hören und ihm zu glauben. Johannes bekennt: "Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich." Er selber sei es nicht wert, sich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Und dann weist Johannes hin auf eine neue Taufe, die der Messias den Menschen schenken wird: Er wird sie taufen nicht nur mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist.
Dieses große Geschenk ist uns bereits zuteil geworden. Wir können uns zwar nicht daran erinnern, wenn wir bereits als Kinder getauft worden sind, und doch hat diese Taufe unser ganzes bisheriges Leben geprägt. Wir wurden durch Wasser und Heiligen Geist hineingenommen in das Leben des dreifaltigen Gottes. Wir wurden zu Gliedern der Kirche und zu Freunden und Kindern Gottes. Ein neues Leben, das ewig währt, haben wir durch die heilige Taufe empfangen. Dieses göttliche und übernatürliche Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe soll sich in unserem ganzen Leben entfalten. Falls wir es durch eine Todsünde verlieren (das heißt durch eine Sünde in einer wichtigen Sache mit klarer Erkenntnis und freier Zustimmung), dann steht uns jederzeit der Weg der Umkehr offen: Im Bußsakrament (hl. Beichte) schenkt uns Gott dieses göttliche Leben neu. So können wir kraft der Taufe sagen, daß wir nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es in Wahrheit auch sind.
Diese neue Geburt aus Gott, die uns durch die Taufe zuteil geworden ist, ist der Grund unserer Hoffnung. Als Christen ist uns die ewige Herrlichkeit bei Gott verheißen, die uns Jesus Christus durch sein Erlösungswerk erworben hat. Bleiben wir mit ihm und untereinander verbunden in der Liebe. Dann leben wir allezeit im Wohlgefallen Gottes. Amen.