Predigt:
Karfreitag B (21.04.2000)
L1: Jes 52,13-53,12; L2: Hebr 4,14-16 ; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn wir die Texte der heutigen Liturgie vom Karfreitag nicht nur einfach so über uns ergehen lassen, sondern sie bewußt und aufmerksam mitvollziehen, dann bleibt für den gläubigen Menschen der Eindruck: Gott hat unsagbar Großes für uns sündige Menschen getan, als er seinen einzigen Sohn am Kreuz hingegeben hat. Die Liebe Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der ein Mensch geworden ist wie wir, in allem uns gleich außer der Sünde, diese Liebe ist unendlich groß! Denn sonst hätte der Sohn Gottes nicht freiwillig ein derart großes Maß an Leiden auf sich genommen. Er sagt ja selber, daß er sein Leben freiwillig hingibt und er die Macht hat, es auch wieder zu nehmen (in der Auferstehung; vgl. Joh 10,17 f).
So erfüllt uns angesichts des bitteren Leidens und Sterbens unseres Herrn natürlich Trauer und Mitleid; zugleich aber haben wir Zuversicht, Hoffnung und Freude, weil all das um unseretwillen geschehen ist. So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß sein Sohn dies alles für uns getragen und erduldet hat!
Auch in unserem Leben kennen wir Beispiele, wo ein Mensch einem anderen ein schwere Last abnimmt. Sei es, daß jemand körperliche Hilfe braucht und sich tatsächlich jemand findet, der ihm beisteht, sei es, daß wir einem Menschen in seelischer Not begegnen und ihn zu trösten suchen. Überall da verwirklichen wir den Aufruf des Apostels: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2). So erfüllen wir das Gesetz Christi.
Daß wir dazu überhaupt die Kraft haben, das ermöglicht uns die zuvorkommende und alles übersteigende Liebe Gottes. Gott hat uns zuerst geliebt, ja er hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren (vgl. Röm 5,8). Unverdienterweise hat uns Gottes Barmherzigkeit befreit aus dem Elend, in das sich die Menschheit durch ihre eigenen Sünden gebracht hat. Gott hat nicht gefragt: „Verdient es der Mensch, daß ich mich seiner erbarme und ihm Verzeihung schenke? Werden es die Menschen auch annehmen und durch Dankbarkeit vergelten?“ Nein, aus freier Liebe hat Gott die Initiative ergriffen in der Beziehung des gott-menschlichen Miteinander. Gott ist nicht abhängig von uns; aber er hat sich aus freier Liebe sozusagen abhängig gemacht, als er seinen Sohn Mensch werden ließ aus Maria, der Jungfrau, und als er den Sühnetod für unsere Sünden am Kreuz erduldete.
Hier geschieht wahrhaft „Stellvertretung“: Jesus Christus, das „Lamm ohne Fehl und Makel“, tritt an die Stelle des sündigen Menschen. Er erleidet für uns jene Strafe, die unsere Schuld eigentlich verdient hätte. Nur so eröffnet er uns den Weg der Umkehr, zu der wir allein nicht mehr fähig waren. Wo die Sünde mächtig war, da ist die Gnade übergroß geworden (vgl. Gal 5,20). Und diese stellvertretende Wiedergutmachung, auch Sühne genannt, konnte Jesus nur dadurch bewirken, daß er in seiner Person die menschliche Natur mit der göttlichen vereint hat. Wäre jenes Geheimnis nicht geschehen, das wir heuer als Zweitausendjahrjubiläum feiern, nämlich die Menschwerdung des Sohnes Gottes, dann hätte uns niemand erlöst. Dann wären wir unserem eigenen Elend, in das uns die Sünde Adams sowie unsere persönlichen Sünden gebracht hatten, überlassen gewesen.
Doch so können wir sagen: Einer von uns, ein Mensch wie wir, hat stellvertretend für alle den Sühnetod am Kreuz auf sich genommen. So sind wir durch seine Wunden geheilt (vgl. 1 Petr 2,24), seine Liebe hat uns befreit! Er hat uns durch seinen Tod das ewige und selige Leben mit Gott geschenkt. Vernichtet wurde alle Schuld der Menschen, neu geworden ist der Mensch als Kind Gottes.
So soll dankbare Liebe unser Herz erfüllen. Durch Jesu Kreuz und Leiden gestärkt, werden wir fähig werden, auch unsere Leiden in Geduld und in Liebe zu tragen. Dann wird vielen durch uns Heil und Segen zuteil werden. Möge uns das Vorbild der Gottesmutter Maria stärken, die mit Jesus verbunden war in seinem Leiden und Sterben. Ihre Fürbitte erwirke uns einst das ewige Heil in der seligen Gemeinschaft mit Gott und untereinander! Amen
