Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Gründonnerstagspredigt
20. April 2000

L 1: Ex 12, 1-8.11-14; L 2: 1 Kor 11, 23-26; Ev: Joh 13, 1-15

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Kaum ein Begriff wird so häufig verwendet wie das Wort „Liebe“. Was man sich darunter vorstellt, ist freilich recht verschieden. Manche gebrauchen den Begriff „Liebe“ in einem Zusammenhang, der mit wirklicher Liebe nicht mehr viel zu tun hat, wenn wir an die lustbetonte und egoistische Mentalität der sogenannten „Fun-Gesellschaft“ denken, in der alles Spaß machen muß und es keine Opfer mehr geben darf.

Der heutige „Gründonnerstag“ ist ein Anlaß, darüber nachzudenken, was Liebe wirklich bedeutet. Wir haben hoffentlich in unserem Leben schon oft die Erfahrung des Geliebt-Werdens gemacht: die Kinder von den Eltern und umgekehrt, die Eheleute gegenseitig, im Freundes- und Bekanntenkreis. Es geht um die Annahme des Mitmenschen, um Wohlwollen und Hingabe. Dieser Einsatz der Liebe kann bis zum Letzten gehen, wenn jemand sich für einen geliebten Menschen in Lebensgefahr begibt oder sogar den Tod für ihn erleidet.

Genau das feiern wir heute und in den nächsten Tagen:  Der Sohn Gottes, Jesus Christus, hat freiwillig um unserer Sünden willen den Tod auf sich genommen. Aus Liebe zu uns Menschen hat er das Lebensopfer gebracht, als er am Kreuze starb. Diese Liebe hat sich stärker erwiesen als der Tod, sodaß er am dritten Tage wieder auferstanden ist und nun als König herrscht im Reich seines himmlischen Vaters.

Wenn wir in die „Schule der Liebe“ gehen wollen, dann müssen wir auf Jesus blicken. Niemand sonst hat uns so glaubwürdig und mit dem Einsatz seines ganzen Lebens bewiesen, daß wir wirklich geliebt sind. Denn aus Liebe hat Gott seinen einzigen Sohn gesandt und ihn für uns hingegeben, um uns durch Tod und Auferstehung Christi das wahre und ewige Leben zu schenken.

Wir haben im Religionsunterricht die „10 Gebote“ gelernt, und diese sind sehr wichtig für ein verantwortungsvolles und geglücktes Leben. Diese Gebote werden zusammengefaßt in dem einen Doppelgebot der Liebe, das uns Jesus gelehrt hat. Es lautet:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39).

Wir sehen sofort ein, daß in diesen beiden Geboten alle anderen mitenthalten sind. Denn wer Gott liebt, der wird keine anderen Götter neben ihm haben, der wird den Namen Gottes nicht verunehren und den Tag des Herrn heiligen. Wer den Nächsten liebt wie sich selbst, wird den Eltern Ehrfurcht und Gehorsam erweisen, keinen Menschen ermorden, die Ehe nicht brechen, fremdes Eigentum nicht verletzen, nicht die Unwahrheit sagen und nichts Unrechtes im Herzen begehren.

Als Jesus dieses neue Gebot der Liebe verkündete, hat er zusammengefaßt, was im Volk Israel schon an religiösen und sittlichen Weisungen vorhanden war. Aber vor allem hat er uns ein lebendiges Beispiel für die Erfüllung des Hauptgebotes der Liebe gegeben: Sein Leben war ganz am Willen seines himmlischen Vaters ausgerichtet. Allzeit war er mit ihm verbunden. Auch die Menschen liebte Jesus wirklich von Herzen. Er sorgte sich nicht nur um ihr körperliches Wohlbefinden und ihre Gesundheit, sondern noch mehr um das Heil der unsterblichen Seele. Für jeden einzelnen Menschen war er da. Für jeden ist er ganz persönlich in diese Welt gekommen.

Und so hat er unmittelbar vor seinem Leiden und Sterben im Abendmahlssaal seine Botschaft noch deutlicher formuliert:

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34).

Das Maß unserer Liebe zueinander soll sich an dem ausrichten, was Jesus für uns getan hat: „Wie ich euch geliebt habe“, so sagt er. Blicken wir auf das Ende des irdischen Lebens unseres Herrn Jesus Christus, dann begreifen wir, was das heißt: Es ist eine Liebe der Hingabe, des Dienstes, des Opfers bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze!

Diese Liebe ist schlechthin unüberbietbar, da sie vom menschgewordenen Sohn Gottes selbst ausgeht. Begreifen wir doch, was Großes Gott an uns getan hat und tun wir aneinander, was er uns vorgelebt hat. Zum Zeichen seines selbstlosen Dienstes hat Jesus in der Fußwaschung seinen Aposteln und Jüngern ein Beispiel gegeben, dem wir nachfolgen sollen.

Wenn wir wie jedes Jahr am Gründonnerstag die Einsetzung der heiligen Eucharistie beim Letzten Abendmahl Jesu mit seinen Aposteln feiern, dann ist genau hier jenes Große geschehen, in dem die Liebeshingabe Jesu am Kreuz an den Vater für uns stets gegenwärtig bleibt. Das Kreuzesopfer Jesu und seine Auferstehung sind nicht etwas Vergangenes, sondern lebendige Gegenwart. In jeder heiligen Messe wird das Geschehen von Golgotha gegenwärtig, dürfen wir im Geist daran teilnehmen. Denn der Priester spricht bei jeder Eucharistiefeier im Namen Jesu die Worte, mit denen der Herr uns seinen am Kreuz für uns hingegebenen Leib und sein für uns vergossenes Blut als Testament seiner Liebe hinterlassen hat: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. – Das ist ... mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird.“

Der Herr hat sich uns in diesem Sakrament völlig ausgeliefert, weil er uns nahe sein wollte. Nicht als Richter trat er auf, sondern als das „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ (Joh 1,29). Wie selbstverständlich sollte es für uns da sein, daß wir hinzutreten zum Empfang des Leibes und Blutes Christi in der heiligen Kommunion mit einem gläubigen und aufrichtigen Herzen. Es läßt sich nicht vereinbaren, wenn jemand an der Sünde festhalten und zugleich die Gemeinschaft mit dem unter der Brotsgestalt gegenwärtigen Herrn haben will. Eben darum warnt der Apostel Paulus die Korinther davor, den Leib und das Blut Christi unwürdig zu essen und zu trinken. Denn wer dies tut, so schreibt er, „ißt und trinkt sich das Gericht“ (1 Kor 11,29). Hüten wir uns also sowohl vor falscher Ängstlichkeit wie auch vor einem vermessenen Vertrauen. Die unendlich heilige Gabe der Eucharistie braucht auch die gute Vorbereitung durch die regelmäßige heilige Beichte!

Dann aber sind wir wirklich geladen zum „Hochzeitsmahl des Lammes“ (Offb 19,9). Wir dürfen hinzutreten voll Freude, da wir Gemeinschaft haben mit dem dreifaltigen Gott, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8.16). Sein Leben wird zu unserem Leben. In seinem Tod und seiner Auferstehung werden wir gestärkt durch das heilige Sakrament des Leibes und Blutes Christi. Daraus leben wir, dies wird unsere Hoffnung im Sterben sein. Unser Gott schenkt uns ewiges Leben.

Bleiben wir also immer in der Liebe Christi, wie es uns die Heiligen vorgelebt haben. Ihrer Fürsprache empfehlen wir uns auch heute. So werden wir in Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau Maria, den Aposteln und allen Heiligen die Seligkeit des himmlischen Erbes erlangen und uns daran erfreuen dürfen in Ewigkeit. Amen.

 

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at