Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der
Erscheinung des Herrn (Dreikönig)
L 1: Jes 60,1-6; L 2: Eph 3,2-3a.5-6; Ev: Mt 2,1-12
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
"Erscheinung des Herrn" (Epiphanie) heißt dieses Fest, das wir heute feiern, im Volksmund auch "Dreikönigstag" genannt. Denn erschienen ist uns in dem Kind, das in Bethlehem aus Maria, der Jungfrau, geboren wurde, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Der da geboren wurde, ist der Sohn Gottes. Der ewige König und Herrscher liegt da als kleines Kind, das die Weisen aus dem Morgenland anbeten.
An diesem Tag fällt uns besonders auf, daß viele, die in der unmittelbaren Nähe des Jesuskindes waren, keinen Zugang fanden zu diesem Geheimnis, das sich in seiner Geburt vollzog. Herodes herrschte als König in Jerusalem, fühlte sich aber durch die Geburt des Messias in seinem eigenen Herrschertum in Frage gestellt. Auch die Hohenpriester und Schriftgelehrten machen selber keine Anstalt, das neugeborene Kind zu besuchen und es anzubeten. Sie wissen zwar aus den heiligen Schriften, wo der Messias geboren werden soll, haben aber kein Interesse an ihm oder lassen sich durch Menschenfurcht davon abhalten, ihn zu suchen.
Umgekehrt waren die Sterndeuter zuerst sehr weit weg vom Ort der Geburt des Jesuskindes. Weil sie aber Menschen mit offenem Herzen waren, war dies kein Hindernis für sie. Sie kannten die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten und sahen einen tieferen Sinn hinter den natürlichen Vorgängen. So wurde ihnen klar, daß jener wunderbare und alles überstrahlende Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ein Zeichen dafür war, daß der Welt ein Kind zu ihrem Heile geboren ist. Sie gingen auf die Suche, um es zu finden und scheuten dabei weder Kosten noch Mühe. Vermutlich war es so, daß diese Sterndeuter oder "Heiligen Drei Könige" erst unterwegs miteinander in Verbindung kamen. Es mag sein, daß ein jeder zuerst für sich dem Stern gefolgt ist und sie sich auf diese Weise begegneten. Menschen, die von verschiedenen Orten und Standpunkten her kommen, können sich nahekommen, wenn sie demselben Ziel folgen. Für die Weisen aus dem Morgenland war dieses Ziel – ohne daß sie es noch so recht wußten – Christus als Erlöser aller Menschen.
Dem äußeren Anschein nach sind diese Weisen die Reichen und Mächtigen, als sie zum Kind kommen, das arm in der Krippe liegt und sie voll Liebe anblickt. Doch ihr Glaube begreift sofort, daß es sich umgekehrt verhält. Und so zögern sie nicht, sich niederzuknien und dem neugeborenen Kind ihre Huldigung zu erweisen. Nicht sie sind die eigentlichen Fürsten und Könige, sondern die Herrschaft der Welt ruht auf den Schultern dessen, der als kleines und hilfloses Kind vor ihnen liegt. Es ist ein Geschenk seiner Gnade, daß sie ihn gefunden haben und daß sie kommen dürfen, um das Kind anzubeten. Fast wertlos erscheinen ihnen die kostbaren Geschenke, die sie mitgebracht haben und die sie dem Kind nun darbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Das Gold weist hin auf das Königtum des Kindes. Gott ist der Herrscher über Himmel und Erde. Er ist auf nichts angewiesen, das ihm die Menschen anbieten können, da ihm alles gehört und unterworfen ist. Dennoch läßt er es zu, daß dem Jesuskind diese Gabe dargebracht wird.
Der Weihrauch bezeichnet die Gottheit des neugeborenen Kindes. Den heidnischen Göttern brachte man Weihrauchopfer dar, und auch Könige und Herrscher ließen sich auf diese Weise opfern, da sie sich selbst für Göttersöhne hielten. Nur einem steht dieses Opfer wirklich zu: dem menschgewordenen Sohn Gottes. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Keiner kommt ihm gleich!
Die Myrrhe weist bereits hin auf das Erlöserleiden und den Tod des Messias, den dieser um des Heiles der Menschen willen auf sich nehmen wird. Vor der Kreuzigung reichten ihm die Soldaten "Wein, der mit Myrrhe gewürzt war; er aber nahm ihn nicht" (Mk 15,23). Zum Begräbnis Jesu brachte Nikodemus "eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwas hundert Pfund" (Joh 19,39).
Wir wollen diesen Festtag zum Anlaß nehmen, Gott zu danken für das Geschenk der Berufung zum Glauben, das nicht nur dem Volk Israel, sondern allen Völkern zuteil geworden ist. Knien auch wir nieder vor dem Kind in der Krippe. Es wird uns mit den reichen Gaben seiner Liebe und seines Friedens beschenken. Amen.