Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 9. Sonntag im Jahreskreis B
(5. März 2000)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Brauchen wir einen „Ruhetag“? Fast alle Menschen werden zustimmen, daß es gut tut, an einem Tag der Woche innezuhalten und den Rhythmus der normalen Arbeitswoche zu unterbrechen. Wir, die wir heute am „Sonntag“, dem „Herrentag“, zur Feier des eucharistischen Opfers hier versammelt sind, werden sicher noch weitergehen. Auf die Frage: „Braucht der Mensch einen heiligen Tag?“ werden wir dankbar mit „Ja, natürlich!“ antworten.
Bei den Juden war und ist es der „Sabbat“, also unser Samstag, der als arbeitsfreier Tag galt und der der dem Herrn geweiht war. Man erinnerte sich an diesem Tag in besonderer Weise an das Schöpferwirken Gottes, der nach dem Bericht der Bibel in sechs Tagen die Welt und den Menschen erschaffen, am siebten Tage aber geruht hatte. Auch war der Sabbat ein Tag des Dankes und der Freude für das Geschenk der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklavenschaft in Ägypten. Gott, der seinen Namen „Jahwe“ (Ich bin da für euch) dem Mose mitgeteilt hatte, hatte mit seinem Volk einen Bund am Sinai geschlossen. Ausdruck dieser Bundestreue war vonseiten des Volkes Israel das Halten der Gebote, zu denen auch das dritte zählt: „Du sollst den Tag des Herrn heiligen!“
Es war ein großer Wert, den das Volk Israel mit diesem Heiligen Tag hochhielt und verteidigte. Die Sabbatruhe war ihnen heilig. So kam es dazu, daß vieles bis ins einzelne hinein geregelt wurde. Manchmal vergaß man vor lauter Einzelvorschriften den Sinn des Gebotes, daß der Sabbat ja ein Tag des Herrn zur Freude der Menschen sein sollte. Jesus Christus hat den ursprünglichen Sinn dieses Tages wiederhergestellt, indem er ganz klar bekannte: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.“ Und ausdrücklich stellte Jesus fest: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ An zwei Beispielen hat er dies aufgezeigt: Da waren seine Jünger, die hungrig waren und am Sabbat von den Ähren aßen, die sie bei ihrem Gang durch die Kornfelder abrissen. In den Augen der strengen Gesetzeshüter war dies ein schlimmes Ärgernis. Jesus weist die Pharisäer darauf hin, daß das Wohl des Menschen Vorrang hat vor einer kleinlichen Beobachtung rein menschlicher Satzungen. Ein zweites Beispiel gibt Jesus durch seine eigene Tat: Er heilt einen Mann, der eine verdorrte Hand besitzt, und dies ausgerechnet am Sabbat! „Konnte er nicht einen Tag zuwarten?“ werden die strengen Gesetzeslehrer gefragt haben. Doch Jesus stellt sie vor die Entscheidung: „Was ist am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten?“ So legt Jesus durch sein Wort und sein Handeln den eigentlichen Sinn des Sabbats dar.
Liebe Gläubige! Warum halten wir einen „Ruhetag“, ja mehr noch: Warum feiern wir den „Tag des Herrn“, den Sonntag? Nicht allein deshalb, weil es uns ein menschliches Bedürfnis ist, weil es uns einfach guttut, weil wir uns erholen können und Zeit haben für unsere Familien. Das ist ungemein wichtig, und dieser Wert ist auch den Nichtglaubenden zugänglich. Aber für uns, die wir an Jesus Christus glauben, ist jeder Sonntag ein kleines Osterfest: Wir gedenken des Todes und der Auferstehung des Herrn. Und das tun wir, indem wir gemeinsam die Heilige Messe feiern: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!“ Das ist nicht etwas Nebensächliches, sondern etwas ganz Zentrales. Würden die Christen aufhören, den Sonntag zu feiern, dann wären sie keine Christen mehr; würde die Kirche den Sonntag aufgeben, dann wäre es nicht mehr die Kirche Christi. Aber weil Christus seiner Kirche Bestand bis zum Ende der Zeiten verheißen hat, wird die Kirche auch bis zur Wiederkunft Christi jeden Sonntag jenes Opfer des Heiles und der Erlösung feiern, das der Herr ihr als Testament hinterlassen und ihr eingestiftet hat.
So sehen wir, wie wichtig es ist, daß wir am Sonntag die Heilige Messe miteinander feiern. In jeder Heiligen Messe wird ja das Leiden und Sterben des Herrn sowie seine Auferstehung auf sakramentale Weise vergegenwärtigt. Wenn wir daran glauben, dann müssen wir uns schon fragen lassen: Wollen wir Jesus allein am Kreuz sterben lassen, oder leisten wir ihm Gesellschaft durch unser Mitbeten und Mitopfern? Wollen wir mit Freude den Glauben an die Auferstehung verkünden, oder soll die traurige Gleichgültigkeit eines Alltags ohne Gott unser Leben bestimmen?
Woher sollen wir denn Kraft bekommen für uns selber und für unsere Angehörigen, wo soll unseren Familien, den Alleinstehenden, den Jungen und Alten, den Gesunden und Kranken Hilfe und Stärkung zuteil werden, wenn nicht aus dem Opfer Jesu Christi, das wir Sonntag für Sonntag gemeinsam feiern? Woher soll unserem Volk und Land auch in schwierigen Situationen Segen zuteil werden, woher soll die Gemeinschaft der Völker zur Einheit und zum Frieden geführt werden, wenn nicht durch das Versöhnung stiftende und Heil und Segen wirkende Erlösungsopfer des Herrn?
Begreifen wir doch, was Kostbares uns geschenkt ist und nehmen wir freiwillig, nicht aus lästiger Pflichterfüllung teil an der Heiligen Messe. Zeigen wir durch unser Beispiel, daß sie uns noch etwas wert ist!
In Verbundenheit mit der seligen Jungfrau Maria, die Jesus treu war bis unter das Kreuz und die auch Anteil erhielt an seiner Auferstehungsfreude, dürfen wir den Sonntag hochhalten. Wir bitten sie um ihre Hilfe und Fürsprache, daß wir den menschlichen und christlichen Wert dieses Tages wieder neu entdecken und glaubwürdig leben – zu unserem eigenen Wohl, zum Nutzen der Mitmenschen und zur Ehre und zum Lobe Gottes. Amen.