Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für den 9. Sonntag im Jahreskreis
1. Juni 1997 (Lesejahr B)


L 1:Dtn 5,12-15; L 2: 2 Kor 4,6-11; Ev: Mk 2,23-3,6



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


„Muß es wirklich sein, daß dieser Jesus von Nazaret am Sabbat einen Menschen heilt? Kann er nicht warten bis zum nächsten Tag?“ So haben sich damals manche jüdische Fromme gefragt. Denn wie ist das zu vereinbaren: Einerseits verlangt Gott die unbedingte Einhaltung des Sabbats und damit - wie es scheint - den Verzicht auf jede nicht unbedingt notwendige Tätigkeit, und andererseits will Jesus auf keinen Fall das Ende dieses heiligen Sabbats abwarten, sondern er sagt zum Mann mit der verdorrten Hand: „Steh auf und stell dich in die Mitte! ... Streck deine Hand aus!“ Und der Mann wird von Jesus auf der Stelle von seiner Verkrüppelung geheilt.

War das nicht eine Provokation für viele? Gewiß. Und wir müssen sogar zugeben: Jesus suchte diese Provokation. Er wich ihr nicht aus. Er trat ganz radikal für das leibliche und seelische Wohl der Menschen ein und offenbarte von seinem Vater den wahren Sinn des Sabbatgebotes. Denn er sagt deutlich: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Alles, was das Heil der Menschen fördert und Gott verherrlicht, ist am Sabbat erlaubt!

Und dazu gehört, daß Kranke und Leidende von ihren Beschwerden erlöst werden dürfen und sollen, soweit dies möglich ist. Jesus tut das und wirkt dabei ein offensichtliches Wunder. Dennoch nehmen manche Ärgernis. Jene scheinheiligen Menschen, die gegenüber dem offenkundigen Leid der anderen teilnahmslos die Achsel zucken und sich auf das Gebot der Sabbatruhe ausreden möchten, werden von Jesus voll Trauer und heiligem Zorn der Hartherzigkeit und Verstockung überführt. Denn obwohl sie beim Sabbatgebot am Buchstaben des Gesetzes festhalten, verkehren sie seinen wahren Sinn ins Gegenteil. Die Einhaltung des Sabbatgebotes würde zum Dienst am Buchstaben und nicht mehr zum Dienst an Gott und den Menschen!

Auch wir Christen kennen einen Tag, der uns heilig ist. Es ist der Sonntag, der Tag des Herrn. An ihm feiern wir die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Der Sonntag ist der Tag nach dem jüdischen Sabbat, der achte Tag also und damit wieder zugleich der erste der Woche, der Tag der Neuschöpfung.

In seinem Sohn Jesus Christus hat Gott das Angesicht der Erde erneuert. Er hat die durch die Sünde zerstörte Beziehung der Menschen mit Gott und untereinander wiederhergestellt. Jeder Sonntag ist somit ein Tag der Freude und des Dankes über das Geschenk der Erlösung, ein „kleines Ostern“. Darum ist es für uns Christen eine heilige Selbstverständlichkeit, teilzunehmen an der Feier des Leidens, Sterbens und der Auferstehung des Herrn bei der Heiligen Messe. Diese Gemeinschaft der Glaubenden mit dem unter uns gegenwärtigen auferstandenen Herrn muß sich auswirken im Leben. So soll der Sonntag der gemeinsamen Erholung dienen, sich auszeichnen durch die Pflege des familiären Lebens und edler Freundschaft und soll dieser Tag einen sinnvollen Ausgleich bieten für manche Last des Alltags.

Ist uns Christen der Sonntag noch heilig? Oder überlassen wir den Sonntagvormittag den Sportvereinen, die ihre Mitglieder anscheinend leichter zum Aufstehen bewegen können als wir Christen uns selber zur Teilnahme an der Heiligen Messe?

Daran, wie der erwachsene Christ seinen Sonntag gestaltet, zeigt sich auch sein Christsein. Glauben wir daran, daß es Jesus ist, der uns zur Heiligen Messe einlädt und nicht nur der Priester? Sind wir im tiefsten Herzen überzeugt, daß uns hier von Gott die größte Liebe erwiesen wird, die überhaupt möglich ist? Kann es darum etwas Wichtigeres geben, als beim Leiden und Sterben des Herrn teilzunehmen und seine Auferstehung zu bekennen? Und sollten nicht wir Erwachsene den Kindern und Jugendlichen wieder mehr mit gläubigem Beispiel vorangehen in der Erfüllung des Sonntaggebotes? Dies alles sind Fragen, die uns zum Nachdenken einladen.

Die berechtigten Proteste der Christen gegen eine Aushöhlung der Sonntagsruhe durch verschiedene staatliche Gesetze werden erst dann wirklich glaubwürdig, wenn wir uns selber bemühen, den Sonntag in rechter Weise zu verbringen. Notwendige Arbeiten und der Erholung dienende Tätigkeiten sind natürlich auch am Sonntag erlaubt! Und es kann auch den Fall geben, daß jemand wirklich verhindert ist an der Teilnahme am Gottesdienst, sei es durch berufliche oder familäre Pflichten. Dann wird sein guter Wille für das Werk zählen. Doch niemand sollte es sich zu leicht machen und einfach sagen: „Heute habe ich keine Lust.“

Versuchen wir, auf Gottes Liebe mit unserer Liebe und Hingabe zu antworten. Bringen wir beim heiligen Meßopfer auch uns selber dar mit unserem ganzen Leben. Schenken wir Gott unser Herz mit unserem Dank und unseren Bitten. Dann wird der Glaube unser Leben prägen, dann werden Sonntag und Werktag in gleicher Weise geheiligt sein. Amen.


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Gemeinschaft vom heiligen Josef