Provisor Dr. Michael Stickelbroeck, Pfarre Hoheneich

Predigt am 8. Dezember 1999
Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: Eph 1,3-6.11-12; Ev: Lk 1,26-38


Phantasie und Einfälle prägen das Leben dessen, der aufrichtig liebt. Er entwickelt Initiative. Echte Liebe ist nicht langweilig und untätig. Zur Sprache der Liebe gehört vor allem das Wort "Überraschung". Der junge Mann überrascht das von ihm geliebte Mädchen immer wieder mit Geschenken, mit Aufmerksamkeiten, mit Vorschlägen und Plänen. Hoffentlich macht der verheiratete Mann es gegenüber seiner Frau weiterhin so. Wo die Liebe erstorben ist, wird es langweilig und eintönig. Da hat man sich nichts mehr zu sagen.

Wenn wir bedenken, daß echte Liebe reich an Einfällen und Initiativen, daß sie phantasiebegabt ist, geht uns für das Verständnis unseres Glaubens ein Licht auf. Wie muß dann erst die Liebe Gottes voller Initiative und voller Einfälle sein. Weil Gott die Liebe ist, hat er in freier Initiative die Welt und uns Menschen erschaffen. Er hat die Menschen von Anfang an überrascht mit dem Angebot und Geschenk seiner besonderen Freundschaft.

Wir Menschen haben das göttliche Angebot zurückgewiesen und weisen es immer wieder zurück. Das Einstiegstor in das, was wir Erbsünde nennen, war der Stolz. Der Stolz ist das, was dem Leben Gottes am meisten im Wege steht. Es ist eine Sünde, die der Menschwerdung diametral entgegensteht. Nichts macht den Menschen auch in den Augen der anderen so unbeliebt wie diese Sünde, die wir Hoffart, Hochmut, Eigendünkel nennen. Alle anderen Sünden und Laster, die der Mensch haben kann, sind nur Mückenstiche dagegen.

Der Stolze lebt aus der Einbildung, daß er mehr hat als andere. Der Stolz wächst aus dem immer ungerechten Vergleich mit anderen. Er tut es, um vor sich selbst seine eigene Überlegenheit zu beweisen. Der Stolze versucht, immer mehr seine Machtgier zu befriedigen. Stolz hat keine Grenzen. Hoffart genießt nichts mehr als Macht und das Gefühl der eigenen Überlegenheit. Der Stolz verschließt den Menschen vollkommen in sich selbst. Er trennt am meisten von Gott. Durch die erste Sünde, diese Sünde des Geistes, die Selbstverwirklichung ohne Gott, ist die Beziehung des Menschen zu Gott gestört. Gestört ist auch die Beziehung des Menschen zum anderen Menschen. Wir merken dies daran, daß nach der Sünde Kain zu seinem Bruder Abel geht, der ihm im Weg ist ... Gestört ist auch die Beziehung von Frau und Mann, die Beziehung zum anderen Geschlecht. Ein Verhältnis der falschen Abhängigkeit, der begierdevollen Unterwürfigkeit, der Herrschsucht entsteht daraus. Und wir Menschen, jeder von uns, ist hineinverwoben in diesen Schuldzusammenhang des Menschengeschlechtes.

Meine Lieben: Wenn wir heut das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis feiern und auf Marias geheimnisvolle Heiligkeit schauen, dann können wir erkennen, wie der Mensch nach Gottes Plan und Ratschluß gedacht ist. Wir erkennen aber auch, welche Zerstörung die Sünde herbeiführt. Jede Sünde, als bewußtes und freiwilliges Nein gegenüber Gott, zerstört die Schönheit und gottgewollte Würde des Menschen.

Gleich im Anfang der Hl. Schrift, nach dem Sündenfall, wird uns das Bild der Frau vorgestellt. Da heißt es zum Satan:

"Feindschaft setzte ich zwischen dich und die Frau,
zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs.
Du zertrittst ihm den Kopf
und er schnappt nach deiner Ferse" (Gen 3,15).

Wer ist diese Frau? Kann hier Eva gemeint sein? Wohl nicht! An den übrigen Stellen, die dem voraufgehen, ist ja Eva die Bundesgenossin der Schlange. Und jetzt zertritt sie ihr den Kopf! Nein. Gott läßt den Menschen nicht in seinem Unheil. Schon im Anfang der Menschheitsgeschichte läßt er ihn einen Blick tun auf die Frau, durch die die Rettung kommen wird. Der Mensch sieht am fernen Horizont schon die Mutter mit dem Kind aufleuchten, die Morgenröte der Erlösung. Gleich nach dem Sündenfall also hat Gott nicht nur die Strafe für die Sünde angekündigt, sondern auch einen neuen Anfang, den er mit dem Menschengeschlecht machen will. Dieser neue Anfang, diese Initiative der Liebe Gottes ist Maria. Mit unserer Sünde ist der Initiativreichtum Gottes nicht blockiert. Wenn wir heute auf Maria schauen, so sehen wir diese Initiative vor uns: Maria ist der neue Mensch. Ganz rein. Ganz sündenlos. Kein Makel der Sünde ist an ihr. Maria, vom ersten Augenblick ihres Daseins an bewahrt vor der Verstrickung in die Schuldverfallenheit der Menschen. Ihre Freiheit von der Ersünde leitet sich her von der Würde ihrer Gottesmutterschaft. Nur wenn wir von der Heiligkeit Gottes selbst ergriffen sind, können wir es mit der Kirche bejahen, daß Mariens Sündenlosigkeit ihrem Heilsauftrag angemessen war. Weil Gott Vater seinen eigenen Sohn Maria anvertraute, deshalb blieb sie frei von jeder Sünde. So konnte sie auch den vollen Sieg über die alte Schlange, den Satan, den Verführer der Menschheit von Anfang an erringen.

Darum die Freude, darum der Jubel, darum der Lobpreis der Kirche an ihrem Fest!

Maria ist der große Einfall der Liebe Gottes. Maria wird in der Hl. Schrift Eva gegenübergestellt. Sie zeigt uns die wahre Würde und Stellung der Frau. Maria ist Urbild des erlösten Menschen und darum auch Urbild der erlösten Frau und Mutter, ihrer Mitwirkung bei der Erlösung. Die heilige Edith Stein sagt über die hohe Stellung der begnadeten Frau: Ihre erste Aufgabe besteht darin, Nachkommenschaft für den Kampf gegen das Böse zu erziehen. Darin ist Maria allen vorangegangen. Beim Bösen läßt der Mensch ja das Übel, das er draußen erfährt - in der Natur, in der Gesellschaft - in sein Herz hinein und wird dadurch selbst übel.

Daß Gott uns auch heute mit seiner Liebe zugetan ist, die voll ist von Initiative, und daß Maria und mit ihr alle Frauen mitwirken dürfen und mitwirken bei der Ausführung der Pläne seiner Liebe, das ist unser Glauben und Hoffen und der Grund unserer Freude. Gott kann die Eintönigkeit auch des heutigen Unglaubens, Unfriedens, der Gefahren und Anfeindungen überwinden durch die immer neue Kraft seiner Liebe. Amen.
 
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at