Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt für den 8. Dezember 1999
Hochfest
der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria
L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: Eph 1,3-6.11-12; Ev: Lk
1,26-38
Liebe Brüder und Schwestern
im Herrn!
Die Menschen unserer Zeit
sind auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens. Viele spüren die geistige
Leere, die uns umgibt, wenn wir das Leben ganz nach den Maßstäben des
Konsumismus und des Materialismus ausrichten. Viele, die eigentlich alles
haben, was man sich so vorstellen kann, fragen dennoch: „Ist das wirklich
ALLES?“
So suchen
viele herum und möchten Gott oder das Göttliche – wie immer
sie sich dieses vorstellen – finden. Dabei bedient man sich nicht selten
des spirituellen Angebots, wie es heute im „Supermarkt der Religionen“ zu
finden ist. Man wählt das aus, von dem man meint, es würde der eigenen
„Selbst“-Verwirklichung dienen und dem Leben einen Sinn geben. Manche kommen
dabei auch in esoterische Seminare oder Zirkel oder landen gar bei bestimmten
Sekten. Daß Gott aber gerade in der katholischen Kirche zu finden
ist, mag für manche Zeitgenossen derart unwahrscheinlich klingen, daß sie es
dort gar nicht versuchen. Zu groß sind die Vorurteile, vielleicht gibt es auch
negative Erfahrungen mit dieser Kirche oder bestimmte Verwundungen durch
persönliche Erlebnisse; jedenfalls meinen viele, gerade die Kirche auf ihrer
Suche nach geistigen, religiösen und spirituellen Werten ausschließen zu
dürfen.
Immer wieder aber gibt es Bekehrungserlebnisse,
wo bisher dem Glauben und der Kirche Fernstehende die für sie wunderbare und
neue Entdeckung machen, gerade innerhalb der Kirche und des katholischen
Glaubens jene Quellen des Lebens und jene Schätze der Wahrheit, jenes Glück
der göttlichen Liebe zu finden, das sie ein Leben lang ohne es bisher zu
kennen, im tiefsten Herzen gesucht haben.[1]
Es geht um die für uns alle
bedeutsame Frage: Wo können wir Gott finden? Noch genauer können wir
fragen: Wo können wir Jesus Christus finden? Wo werden wir entdecken,
was die eigentliche Berufung unseres Menschseins ist? Wie lernen wir, mit so
gegensätzlichen Erfahrungen wie Glück und Leid umzugehen? Wer gibt uns eine
end-„gültige“ Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach einem Leben
nach dem Tod? Ja, uneingeschränkt bekennen wir: Jesus Christus ist das vollkommene
Bild des Vaters, er ist die „Ikone Gottes“, in dem wir Gott selbst
begegnen, denn: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ (Joh 12,45).
Aber wie kommen wir zu einem rechten Christusbild, wer wird uns hinführen zu
ihm, dem einzigen Erlöser der Menschen?
Der heutige Festtag, liebe
Gläubige, läßt uns sozusagen einen „Ort“ finden, er weist uns hin auf jemanden,
in dem wir Gott vollkommen begegnen können.
Die Kirche sagt uns, daß es
einen Menschen gibt, der Gott auf vollkommene Weise gefunden hat. Es gibt
jemanden, genauer gesagt: eine Frau!, die von der Liebe Gottes in Jesus
Christus sosehr erfüllt war, daß sie die vollendete Verwirklichung des
Erlösungsplanes Gottes mit dem Menschen darstellt. Wir bekennen uns heute voll
Freude dazu, daß die Erlösung in Maria, der Jungfrau und Gottesmutter, ganz
„angekommen“ ist. Wollen wir die Kraft ermessen, die im Erlösungsopfer Jesu
Christi am Kreuz liegt, dann müssen wir auf Maria schauen. In ihr sehen wir den
erlösten Menschen in seiner reinsten Gestalt. Maria ist der bevorzugte
„Ort“, wo wir Gott ganz sicher finden, ohne Angst haben zu müssen, einer
Täuschung zu erliegen. Denn es gibt nichts an ihr, was uns von Gott trennen
könnte.
Der Ausdruck „Unbefleckte
Empfängnis“ bedeutet am heutigen Tag nicht jenes Geheimnis, wonach Maria ohne
Zutun eines Mannes ihr Kind Jesus in ihrem jungfräulichen Schoß vom Heiligen
Geist empfangen hat. Es geht am heutigen Festtag um die eigene Empfängnis der
Gottesmutter Maria, um den Anfang ihres Menschseins. Und da bekennt der
katholische Glaube: Maria war vom ersten Anfang ihres Daseins frei vom Makel
jeder Sünde. Es gab nichts an ihr, was Gott mißfallen hätte können. Sie
stand allezeit in der Beziehung der Liebe zu ihm. Daß dies möglich ist, das hat
Maria nicht sich selbst zu verdanken. Es ist das Geschenk ihres Sohnes
Jesus Christus, der der einzige Erlöser aller Menschen ist. Darum können wir
auch sagen: Die Vollkommenheit Marias nimmt der Größe ihres Sohnes Jesus
Christus überhaupt nichts weg, sondern zeigt im Gegenteil, wie
wunderbar die von ihm gewirkte Erlösung ist, wenn sie vollkommen an
ihr Ziel gelangt.
Liebe Brüder und Schwestern
im Herrn! Ist es nicht gerade das, was wir in unserem tiefsten Herzen ersehen?
Wir möchten doch zu einer Einheit mit Gott gelangen, wo nichts dieser
Gemeinschaft widersteht, wo es kein trennendes Hindernis mehr gibt für die
Vereinigung mit der Liebe Gottes. In Maria ist diese Sehnsucht schon
Wirklichkeit geworden. Und das Wunderbare daran: Je mehr wir auf sie blicken
und uns in Liebe ihr hingegeben, desto mehr werden wir hineingenommen in den
göttlichen Gnadenstrom, der auch unser Leben von Sünde und Schuld befreit und
uns verwandelt zu jener Gestalt des Lebens, in der allein wir Gott gefallen
können!
Haben wir
Vertrauen! Lassen wir uns nicht entmutigen durch unsere eigenen
Fehler und Sünden, aufgrund derer wir es nicht verdienen würden, in die
besondere Nähe Gottes gerufen zu werden. Lassen wir uns von der Jungfrau Maria
an der Hand nehmen und zu ihrem Sohn Jesus Christus hinführen. Er weist
niemanden ab, der sie zur Mutter erwählt hat. Ihre mütterliche Liebe vermag
uns bei Gott Vergebung und Annahme an Kindes statt zu erwirken. Sie ist ja von
Jesus Christus, dem Sohn Gottes und ihrem Sohn, begnadet worden nicht nur für
sich, sondern für das Heil aller Menschen. Wer sich ihr vertrauensvoll hingibt,
wird das Leben Gottes finden!
So empfehlen wir heute auch alle Suchenden und Irrenden der Fürbitte dieser heiligen Frau. Sie ist die Makellose, die Reine, die ganz Heilige und Schöne. Wir preisen Dich, Maria, denn Großes hat der Herr an dir getan! Amen.
[1] Als Beispiel dafür kann das Lebenszeugnis
von Gabriele Kuby angeführt werden: Mein Weg zu Maria. Von der Kraft lebendigen
Glaubens, München 1998. Auch wenn ich mit manchen Behauptungen und Sichtweisen
darin überhaupt nicht übereinstimmen kann, so sehe ich das Buch doch als
ehrliches Bekenntnis einer Suchenden, die trotz vieler Irrwege in die
katholische Kirche gefunden hat und diesen Glauben für sich wieder entdeckt.
Bestimmt wird das Werkt nicht ohne Wirkung auf Außenstehende bleiben, zumal es
in einem Verlag erschienen ist, der sich in der Regel mit esoterischer
Literatur befaßt (Goldmann).