Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 7. Sonntag im Jahreskreis B
(20. Februar 2000)
L1: Jes 43,18-19.21-22.24b-25; L2: 2 Kor 1,18-22; Ev: Mk 2,1-12
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Was ist leichter - zu einem Gelähmten zu sagen: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ oder zu sprechen: „Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher“? Mit dieser Frage nimmt Jesus im heutigen Evangelium seinen pharisäischen Gegnern den Wind aus ihren Segeln, die nicht anerkennen wollen, daß der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben. Das heutige Evangelium ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, daß sich an Jesus Christus, dem Sohn Gottes, die „Geister scheiden“: viele sind begeistert und nehmen seine Worte an, andere nehmen Anstoß und wenden sich gegen ihn.
Auch unser Leben, liebe Gläubige, ist ein ständiger Aufruf zur Entscheidung. Es gibt Menschen, die so leben, als ob es Gott nicht gäbe. Sie leben in den Tag hinein und kümmern sich wenig um tiefer liegende Fragen. Vielleicht meinen sie: „Hauptsache, daß es mir gut geht. Ich möchte meine Ruhe haben und mir etwas leisten können. Was kümmert mich das Gebot Gottes? Was geht mich der notleidende Mitmensch an?“ Dies ist eine Einstellung, die wir sicher ablehnen, die aber dennoch vorkommt und auch uns zur Versuchung werden kann.
Wir, die wir jetzt hier beim Gottesdienst versammelt sind, sind vielleicht in einer gläubigen Familie aufgewachsen und auf diese Weise im Glauben groß geworden, oder wir haben uns in reiferen Jahren bewußt für den katholischen Glauben entschieden und auf diese Weise vielleicht neu zu Gott gefunden. Der erwachsene, mündige und reife Mensch steht immer wieder vor der Wahl. Er muß sich entscheiden: Geht er den Weg des geringsten Widerstandes und des scheinbar billigen Glücks, oder nimmt die Mühe des täglichen „Kampfes“ für das Gute, für Gott und für sein Gebot, auf sich? Und wenn wir ehrlich sind, werden wir sagen können: Das, was vielleicht am Anfang schwieriger erscheint, erweist sich auf Dauer doch als der bessere und glücklichere Weg. Nur im Einklang mit den Geboten Gottes finden wir den Frieden des Herzens, den wir alle ersehnen! Nur wenn wir bereit sind, in Liebe auf manches zu verzichten, werden wir selber reich beschenkt, und dann erfüllt Freude unser Herz. Denn das ist der Weg des Evangeliums: im Glauben und in der Liebe Gott an die erste Stelle im Leben zu setzen und auf diese Weise auch unseren Nächsten – sei es in der Familie, am Arbeitsplatz oder sonst im Leben – wirklich als Bruder und Schwester in Christus anzunehmen!
Wenn wir uns dessen bewußt sind, daß wir uns im Leben immer wieder neu entscheiden sollen für Gott und das Gute, dann ist dabei etwas ganz wichtig: Gott, der die Liebe und das Leben ist, hat sich immer schon für uns entschieden. Er hat zu uns sein „Ja“ gesprochen, dadurch daß wir das Leben empfangen haben und vor allem darin, daß er uns seinen Sohn Jesus gesendet hat. Wie der Apostel Paulus in der 2. Lesung schreibt: Der Sohn Gottes „ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat.“ Er ist das Wort der Annahme und der Zusage, der Liebe und der seligen Vollendung. Er nimmt sein Wort nicht zurück. Ist der Mensch auch in Gefahr, immer wieder untreu zu sein – Gott ist es nicht! Geht es uns nicht so im mitmenschlichen Bereich, daß wir bestimmte Zusagen nicht halten können und so manches Band der Freundschaft und Beziehung auflösen? Gott löst nicht das Band der Liebe, das er mit uns geknüpft hat durch das Blut seines Sohnes am Kreuz. Seine Liebe währt ewiglich! Und das ist unser Trost.
Immer wieder gibt es Menschen, die in ihrem Leben versuchen, Gott treu zu sein. Wie viele von der Weltöffentlichkeit nicht beachtete Frauen und Männer, ja sogar Kinder und junge Menschen hat es gegeben und gibt es bestimmt auch in unseren Tagen, die im „kleinen Alltag“ den Weg des Vertrauens und der Liebe gehen. Unscheinbar ist das, was sie tun – und doch ist es von unschätzbarem Wert. Gott dem Herrn sind sie nicht verborgen. Gerade auch das still und geduldig ertragene „Kreuz“ des Älterwerdens oder auch die Not von Krankheit und Leiden kann auf diese Weise reichsten Segen bringen. Die „Heiligen des Alltags“ sind Gott allein bekannt. Es sind Menschen wie Du und ich, die sich täglich neu bemühen, aus dem Glauben zu leben.
Wir wollen aber auch jene Menschen um ihre Fürbitte anrufen, die ihr Ziel bereits erreicht haben: Es sind die Heiligen des Himmels. An erster Stelle verehren wir die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria. Niemals ist sie Gott untreu geworden. Allezeit hat sie mitgewirkt mit seiner Gnade und so die selige Vollendung erlangt. Diese ist auch uns verheißen. Dann wird uns der treue Gott aufnehmen in die himmlischen Wohnungen und dort für immer das Glück des wahren Lebens schenken. Amen.