Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank
Predigt für den Siebten
Sonntag der Osterzeit
11. Mai 1997 (Lesejahr B)
L 1: Apg 1,15-17.20a.c-26; L 2: 1 Joh 4,11-16; Ev: Joh 17,6a.11b-19
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wir stehen in der näheren Vorbereitung auf das Pfingstfest. Die Apostel und Jünger versammelten sich nach der Himmelfahrt des Herrn im Abendmahlssaal. Dort warteten sie gemeinsam mit den Frauen und vor allem mit Maria, der Mutter des Herrn, auf das Kommen des von Christus verheißenen Heiligen Geistes. Es war eine Zeit der gläubigen Einkehr und Zurückgezogenheit, des innigen Gebetes und der brüderlichen Liebe aller Gläubigen: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern“, heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 1,14).
Vielleicht kann uns das ein Anlaß sein, uns wieder etwas mehr den Wert und die Notwendigkeit des Gebetes bewußt zu machen. Ist es wirklich notwendig, daß wir beten? Genügt es nicht, wenn wir einfach „gute Menschen“ sind, die niemandem etwas zuleide tun? Man hört ja oft: „Ich brauche nicht in die Kirche zu gehen und zu beten oder gar zu beichten. Ich habe nichts angestellt und niemanden umgebracht.“
Ganz anders würde das klingen, wenn jemand sagte: „Ich brauche nicht mehr zu atmen oder zu essen und trinken. Ich lebe ohnehin.“ Darin liegt nämlich, wie jeder einsieht, ein Widerspruch: Das irdische Leben wäre sofort zu Ende, wenn jemand diese lebenserhaltenden Dinge unterlassen würde. Aber wie sieht es mit unserem geistlichen Leben aus, mit unserer Verbundenheit mit Gott, mit dem göttlichen Leben, das wir seit der Taufe in uns tragen? Bedarf nicht auch dieses Leben der Erhaltung und Pflege? Genau das geschieht durch das Gebet. Das Gebet ist mindestens ebenso notwendig für uns wie das Atmen des Leibes und die tägliche Nahrungsaufnahme. Wer längere Zeit nicht betet, der riskiert, daß er geistig „tot“ wird, daß sein Leben mit Gott verkümmert oder ganz aufhört und erlischt.
Vielleicht ist es nützlich, einige praktische Hinweise für das Beten zu geben. Es ist sehr hilfreich, wenn wir uns fest vornehmen, einen bestimmten Zeitpunkt des Tages für das Gebet freizuhalten. Auch wenn es nur einige Minuten sind (mehr erlauben berufliche oder familiäre Pflichten oft nicht), so ist diese Zeit, die wir uns für Gott nehmen, auf jeden Fall ein Segen, ein geistlicher „Gewinn“ sozusagen - für das ewige Leben, aber auch schon in diesem Leben! Jesus sagt ja, daß wir Christen zwar „in der Welt leben“ müssen, aber nicht „von der Welt“ sein dürfen (vgl. Joh 17,14-16). Und dieses Stehen mitten im Ozean des Weltmeeres gelingt uns nur dann, wenn wir einen Hafen haben, wo wir unsere Herzen verankern können: nämlich bei Gott. Dorthin ist uns Jesus Christus ja bei seiner Himmelfahrt vorausgegangen, um uns eine ewige Wohnung zu bereiten. Einmal sollen auch wir dort sein, wo er zur Rechten des Vaters im Himmel thront.
Wenn wir nicht beten, wird unser Leben fortgetragen von den Wellen der täglichen Sorgen und Probleme, der irdischen Bedürfnisse und der kurzen Freuden des Augenblicks, die hinterher nur Enttäuschung und Bitterkeit bringen. Denn jede Freude, die nicht von Gott kommt, ist vergänglich und bringt letztlich mehr Leid als Trost.
Jesus aber möchte, daß wir seine Freude in Fülle in uns haben (vgl. Joh 17,13). Wenn wir unser Herz Gott zuwenden und ihm unser ganzes Leben schenken, so nimmt er auch unser irdisches Glück hinein in seine ewige Liebe. Er läutert das Verlangen unseres Herzens und schenkt uns die Fülle der göttlichen Gaben. In jenem Geist, den der Herr vom Vater aus sendet, werden wir getröstet, er ist der Beistand für unser Leben. Beten wir doch oft und gern! Rufen wir auch ausdrücklich den Heiligen Geist an um seine siebenfachen Gaben: um den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit und um den Geist der Furcht des Herrn!
Versuchen wir so wie die gläubigen Jünger im Abendmahlssaal zu beten: in der Lauterkeit des Herzens und in der Verbundenheit miteinander. Und vergessen wir nicht, jene Frau um ihre Fürbitte und um ihr Mitbeten mit uns anzurufen, die auch bei der jungen Kirche zugegen war: Maria, die jungfräuliche Gottesmutter! Sie ist auch unsere himmlische Mutter. Amen.
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