Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Liebt einander!

Predigt am Sechsten Sonntag der Osterzeit
21. Mai 2006, Lesejahr B

 

L 1: Apg 10,25-26.34-35.44-48; L 2: 1 Joh 4,7-10; Ev: Joh 15,9-17

Alle liturgischen Texte finden Sie online im Schott-Messbuch / Exegese des Ev

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Gleich zweimal hören wir im Evangelium dieses Sonntags die Worte Jesu: „Liebt einander!“ Allzu schnell nicken wir dazu vielleicht mit dem Kopf als Zeichen der Zustimmung, um dann doch ohne weit reichende Konsequenzen zur Tagesordnung überzugehen. Wir bejahen zwar theoretisch das, was Jesus, der Herr, uns als sein Gebot aufträgt; in der Praxis ist es uns aber nicht so wichtig – jedenfalls erweckt unser Leben mitunter diesen Anschein.

Jemand anderer sagt vielleicht: „Mir klingen diese Worte zu harmlos. Einander lieben – das wollen und tun doch alle halbwegs anständigen Menschen. Wo bleibt da das Besondere des christlichen Glaubens?“

Tatsächlich dürfen wir nicht den Fehler machen und die Worte des Herrn – seinen Aufruf zur Nächstenliebe – reduzieren auf ein bloßes „Seid nett zueinander!“ im Sinn einer rein diesseitigen, Gott ausklammernden Mitmenschlichkeit. Das wäre eindeutig zu wenig.

Wenn wir die Worte des Herrn im Evangelium jedoch näher betrachten, dann hören wir noch etwas Besonderes. Er sagt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“

Die Liebe der Christen zu ihren Mitmenschen muss also Maß nehmen an jener Liebe, die Jesus Christus, der Herr, uns als seinen Brüdern und Schwestern erwiesen hat. Diese Liebe ist einzigartig. Es ist die Liebe des menschgewordenen Sohnes Gottes. Es ist die Liebe Christi, des wahren Gottes und wahren Menschen. Seine Liebe übertrifft jedes menschliche Maß und übersteigt unser Begreifen. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt“, sagt Jesus, der Herr.

Christliche Nächstenliebe heißt daher, im Glauben auf Jesus Christus blicken und sein Beispiel nachahmen. Er hat die Wahrheit über Gott verkündet, die Menschen zur Umkehr aufgerufen, ihnen den Weg des Heils aufgezeigt. In seinem freiwilligen Leiden und Sterben aus Liebe zu uns und zur Vergebung unserer Sünden hat er uns gezeigt, wozu wahre Liebe fähig ist. Sie geht bis zur Hingabe des eigenen Lebens.

Denn: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Nicht auf sich selbst hat Jesus geblickt, sondern er wollte in allem den Willen des himmlischen Vaters erfüllen. Die Liebe Jesu Christi zu Gott seinem Vater und zu uns Menschen ist stärker als der Tod. Im Tod am Kreuz hat er den Hass der Welt, sie Sünde und alles Böse besiegt. Die Liebe Gottes überwindet alles Unrecht, sie schenkt Leben und Auferstehung.

Der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI., hat uns zu Beginn dieses Jahres eine Enzyklika geschenkt, die den Titel trägt „Deus caritas est – Gott ist die Liebe“. Darin ist das ganze Programm des christlichen Lebens zusammengefasst. Wir Menschen sind von Gott aus Liebe erschaffen und zu einem Leben der Liebe berufen. Liebe ist kein bloßes Gefühl, das heute so ist und morgen anders. Liebe ist eine bleibende innere Haltung, die den anderen ganz bejaht und sich selber an die geliebte Person verschenkt. Soll menschliche Liebe gelingen, dann muss sie aus dem Quell der Liebe schöpfen, der uns im Geheimnis des dreifaltigen Gottes geschenkt ist. „Gott ist die Liebe“, und wir sollen in Einheit mit Gott liebende Menschen werden, die das Antlitz der Erde erneuern.

Dazu beten wir in besonderer Weise um die Gaben des Heiligen Geistes, der uns erleuchten und stärken möge. Wir rufen die heilige Gottesmutter Maria an, die in einzigartiger Weise von Liebe erfüllt war. Diese Liebe zu Gott und den Menschen gab ihr die Kraft, auch schweres seelisches Leid zu ertragen, als ihr Sohn am Kreuz hing. In seiner Auferstehung wurde auch ihr unsagbare Freude zuteil.

Wenn wir tun, was uns der Herr aufträgt, sind wir seine Freunde. Wir werden seine Freude in uns erfahren, und diese Freude wird sich vollenden in der himmlischen Seligkeit. Mit Gottes Hilfe und im Vertrauen auf seine Gnade wollen wir in der Liebe Christi bleiben und diese weiterschenken an alle Menschen. Amen.

 

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