Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am Sechsten Sonntag der Osterzeit
28. Mai 2000 (Lesejahr B)

L 1: Apg 10,25-26.34-35.44-48; L 2: 1 Joh 4,7-10; Ev: Joh 15,9-17

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wir alle wissen hoffentlich aus Erfahrung, wie gut und wie wichtig es ist, wenn wir gute Freunde haben. Dies sind Menschen, die uns verstehen, die zu uns stehen, auch wenn wir in Not sind und der Hilfe bedürfen. Das Größte, was ein Freund für den anderen tun kann, ist das Leben für ihn einzusetzen oder es gar hinzugeben.

Auch Jesus weist im heutigen Evangelium auf diese wichtige menschliche Tatsache und Grundgegebenheit hin. Er sagt sogar: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Wieso sagt er das? Welche Liebe meint er? Oder ist das nur so dahergesagt? Ganz bestimmt nicht! Denn bei Jesus Christus, dem Sohn Gottes, hat jedes Wort Gewicht. Es ist nicht so, dass er heute etwas von sich gibt, was ihn morgen schon wieder reuen müßte, wie es bei uns Menschen leider oft der Fall ist. Treue und Wahrhaftigkeit zeichnet ihn aus – durch und durch. Wir spüren: Hier ist einer, der uns wirklich ernst nimmt. Hier ist einer, der meint, was er sagt. Ja, wirklich: Er ist unser wahrer Freund; er, der Sohn Gottes, ist zugleich der Bruder und Freund aller Menschen, da er in seiner heiligen Menschwerdung einer von uns geworden ist, in allem uns gleich außer der Sünde!

Und genau diesen Satz – dass die größte Liebe darin besteht, wenn jemand sein Leben für seine Freunde hingibt -, eben diese Wahrheit hat Jesus Christus durch sein eigenes Leben und Sterben machtvoll bezeugt. Genau das war ja der wahre Grund seines Leidens und Sterbens am Kreuz, dass er aus Liebe zu uns, seinen Freunden, sein Leben hingegeben hat, damit wir das wahre Leben in Gott haben und frei werden von aller Sünde und allem Bösen.

So hat uns Jesus durch das Beispiel seiner Lebenshingabe aus Liebe zu uns gezeigt, dass wir ihm wirklich so viel wert sind wie sein kostbares Blut, das er für uns vergossen hat. Diese Liebe, die uns Jesus erweist, hat ihren Ursprung in Gott. Denn „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16). Das ist das tiefste Geheimnis Gottes. Und so kann Jesus auch sagen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“

Denn das sollte uns klar sein: Liebe, so wie Gott sie uns erweist und wie sie unser Leben wirklich erfüllt und bereichert, ist mehr als ein frommes Gefühl. Unsere Liebe soll sein: Ganzhingabe des Herzens an den geliebten Menschen und vor allem an Gott!

Auch in dieser Stunde, wenn wir die heilige Eucharistie, das heilige Messopfer feiern, geschieht dieses Große, dass Jesus sein Leben für uns hingibt. Denn durch die Worte der Wandlung, die der Priester spricht, wird jenes Opfer gegenwärtig gesetzt, das Jesus am Kreuz für uns Menschen dem himmlischen Vater dargebracht hat. So können wir sagen: Jede heilige Messe ist ein neuer Beweis der Liebe Gottes zu uns.

Worin besteht unsere Antwort? Sind wir nicht oft sehr lau und oberflächlich? Gibt es nicht in unserem Leben viele Halbheiten, so dass wir es uns so richten, wie es uns angenehm ist und wir nicht oder zu wenig nach dem Willen Gottes fragen?

Eines sollte uns klar sein: Liebe verlangt Gegenliebe. Wenn Gott uns alles geschenkt hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes, dann sollen auch wir bereit sein, Gott unser Herz zu schenken, es ihm zu öffnen. Er wird es mit seinen Gaben beschenken, denn er ist gut, und er ist der Herr! „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“, sagt Jesus. Und sein Auftrag lautet: „Liebt einander!“

Nur von Gott empfangen wir immer wieder die Kraft, dass wir uns für die Mitmenschen einsetzen in wahrer Nächstenliebe. Täglich haben wir viele Möglichkeiten, uns selbst zurückzustellen und an die anderen zu denken. Je mehr wir in Liebe geben und weiterschenken, desto mehr werden wir empfangen. Denn dies ist das Geheimnis unseres Lebens hier auf der Erde sowie des ewigen Lebens: Wir leben von der Liebe Gottes, die ohne Ende ist. Mögen wir auf die Fürbitte der seligen Jungfrau Maria und aller Heiligen fähig werden, diese Liebe immer neu aufzunehmen in unser Herz! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at