Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für den Sechsten Sonntag der Osterzeit
4. Mai 1997 (Lesejahr B)

L 1: Apg 10,25-26.34-35.44-48; L 2: 1 Joh 4,7-10; Ev: Joh 15,9-17



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Es wird wohl kaum ein Wort in unserer Zeit so oft verwendet und zugleich so sehr mißbraucht, wie das kurze Wort „Liebe“. Zugleich erleben wir in manchen Bereichen eine erschreckende Zunahme von Lieblosigkeit, Rücksichtlosigkeit und Egoismus, von Feindschaft und Haß - und das leider auch unter Christen!

Aber sollen wir deswegen ganz darauf verzichten, von der Liebe zu Gott und zu den Menschen zu reden, nur weil manche das ganz anders verstehen und den Sinn der Worte ins Gegenteil verkehren?

Wenn wir die Heilige Schrift lesen, kommen wir an den Worten nicht vorbei, die da lauten: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8).

Die menschliche Liebe äußert sich in den verschiedensten Formen - als Liebe der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern, als Liebe der Ehepartner sowie derer, die sich in bräutlicher Zuneigung auf die Ehe vorbereiten, als Liebe der Geschwister und der Freunde, als Liebe zu den Kranken und Alten, zu den Ausgestoßenen und an den Rand Gedrängten, ja sogar als Liebe zu denen, die uns vielleicht gar nicht gut gesinnt sind, die in Feindschaft mit uns leben und die wir dennoch lieben sollen!

Wie aber verhält sich zu all diesen Formen der menschlichen Liebe die Liebe Gottes? Steht sie etwa in Konkurrenz dazu? Kann ich die Mitmenschen weniger lieben, wenn ich mich Gott zuwende und ihn an die erste Stelle in meinem Leben setze? Müssen dann meine Kinder oder mein Ehepartner darunter leiden? Gerade dies wäre ein großer Trugschluß! Gott tritt ja nicht als Konkurrent der Menschen auf, der ihnen ihr Glück wegnehmen will - im Gegenteil: Jede wahre Liebe hat ihren Ursprung in Gott, denn „Gott ist die Liebe“!

Wie aber ist die wahre Liebe beschaffen? Liebe nimmt an und verzeiht, sie achtet und respektiert, sie sorgt für andere und ist zum Helfen bereit, sie ist gütig und selbstlos, sie stellt den eigenen Vorteil zurück und findet ihr Glück mehr im Schenken als im Empfangen (vgl. 1 Kor 13), aber vor allem: Die wahre Liebe ist bereit, das eigene Leben für den Geliebten einzusetzen. Jesus sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Dies ist die Liebe, an der wir Maß nehmen sollen. Der Sohn Gottes hat für uns Menschen sein Leben hingegeben, indem er am Kreuz für die Sünden von uns allen gestorben ist.

Haben wir aus uns selber die Kraft, den anderen Menschen in dieser Weise zu begegnen und unsere Liebe zu schenken? Wer sich selber in rechter Weise erkennt, wird demütig bekennen müssen: Nein. Aus mir selber schaffe ich das nicht, daß ich mich dem anderen zuwende und auf meine eigenen Vorteile verzichte, mich selber zurückstelle und gleichsam zu einer Gabe, zu einem Geschenk für den anderen Menschen werde. Aber wie ist es dann möglich?

Nur deshalb können wir lieben, weil Gott den Anfang gemacht hat. Er hat uns zuerst geliebt. Aus Liebe hat er die Welt erschaffen und alles, was in ihr lebt und existiert. Als Krone der sichtbaren Schöpfung ist der Mensch nach Gottes Bild geschaffen. Er soll Anteil erhalten am Leben Gottes selbst, an seinem ewigen Glück. Gott liebt uns so sehr, daß er uns in der Taufe zu seinen Kindern gemacht hat und uns das ewige Leben verheißt!

Die Liebe, die wir von Gott empfangen haben (oft auch durch Menschen, wie z.B. unsere Eltern), sollen wir weitergeben. Nur dann bleiben wir in dieser Liebe!

Blicken wir - nicht nur jetzt im Mai - auf die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria! Sie hat ihr Herz vorbehaltlos der Liebe Gottes geöffnet und diese aufgenommen. So war sie fähig, auch den Mitmenschen in selbstloser Weise zu dienen. Nur im Gebet und durch den Empfang der Sakramente können wir die Kraft bekommen zur wahren Nächstenliebe. Umgekehrt ist die Nächstenliebe der Prüfstein für die Echtheit unserer Gottesliebe. Wer den Nächsten nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht (vgl. 1 Joh 4,20).

Die Liebe ist zwar ein oft mißbrauchtes Wort, aber als Gebot des Herrn dennoch die wichtigste Aufgabe für uns Christen! Amen.


Zur Homepage: Gemeinschaft vom heiligen Josef