Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigtimpuls für den Vierten Sonntag der Osterzeit
20. April 1997 (Lesejahr B)


L 1: Apg 4,8-12; L 2: 1 Joh 3,1-2; Ev: Joh 10,11-18


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Die Menschen unserer Zeit - vor allem wenn sie in einer Stadt leben - tun sich schwer mit der Vorstellung von einem Hirten. Andererseits ist dieses Bild des guten Hirten, das Jesus im Evangelium verwendet, von einer solchen Unmittelbarkeit, daß doch viele Menschen einen Zugang dazu finden können, wenn es ihnen erschlossen wird.

Jesus unterscheidet zwischen dem Tagelöhner, dem an den Schafen nichts liegt und der darum bei Gefahr für die Herde flieht, und dem guten Hirten, der sich selber so sehr mit der ihm anvertrauten Herde identifiziert, daß er bei Gefahr sein Leben einsetzt und es nötigenfalls hingibt für die Schafe.

Ausdrücklich sagt Jesus: „Ich bin der gute Hirte.“ Damit macht er deutlich, daß er in Bildern spricht, um die Geheimnisse des Reiches Gottes auszudrücken. Bilder und Vergleiche haben etwas in sich, das zutrifft und das sie gut geeignet macht, eine Sache darzustellen. Man muß sich aber auch ihrer Grenzen bewußt sein.

Jesus geht es in diesem Bild nicht darum, die Unmündigkeit der Christen auszudrücken. Im Gegenteil: An anderer Stelle spricht er ja davon, daß er uns nicht mehr Knechte ansieht, sondern als Freunde (vgl. Joh 15,15)!

Ihm geht es vielmehr um die Darstellung der liebevollen Sorge eines guten Hirten, die er selber in seinem Leben und Sterben verwirklicht hat. Ein guter Hirte ist mehr als ein zuverlässiger Arbeiter, der genau seinen Vertrag erfüllt, im übrigen aber kein be sonderes Interesse an dem ihm anvertrauten Gut zeigt. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für seine Herde. Er ist ganz für sie da. Wer aber ist dieser Hirte? Es ist Jesus. Er hat ja sein Leben geopfert für die Menschen. Er hat sein Blut vergossen für jeden von uns, er hat sich hingegeben im Dienst an seiner Herde, der Kirche.

In dieser Hingabe seines Lebens an den himmlischen Vater hat Jesus Christus alles Böse überwunden; durch seinen Tod hat er den Tod besiegt. Der „Wolf“ von Sünde, Tod und Teufel kann denen nichts mehr anhaben, die an Jesus glauben und in Verbundenheit mit ihm ihr Leben gestalten.

Jesus betont, daß er sein Leben freiwillig hingegeben hat. Der äußere Ablauf der Geschichte seines Leidens und Sterbens war scheinbar ganz von der Macht seiner Verfolger bestimmt, doch nur weil es Gott so zugelassen hatte. Jesus hätte nicht sterben müssen, wenn er es nicht selber so gewollt hätte. Er sagt auch, daß er Macht hat, sein Leben wieder zu nehmen d.h. zurückzuerhalten. Dies hat er in seiner glorreichen Auferstehung von den Toten bewiesen!

So erkennen wir die Größe der Macht und Liebe des guten Hirten, dem wir uns ohne Vorbehalt anvertrauen dürfen. Er führt uns in die wahre Freiheit und zum „Ruheplatz am Wasser“ (Ps 23,2), zu den Quellen des ewigen Lebens.

In seiner Nachfolge sollen auch die Priester als gute Hirten für die ihnen anvertraute „Herde“ sorgen, nötigenfalls bis zur Bereitschaft der Hingabe des eigenen Lebens. Beten wir also in besonderer Weise, daß Gott allen Priestern beisteht, damit sie nach dem Vorbild Jesu Christi den Gläubigen dienen in der Vermittlung der Schätze der Wahrheit und der Gnade.

Gott wird auch in unserer Zeit wieder geistliche Berufe senden, wenn wir ihn darum bitten. Jesus sagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ (Lk 10,2)

Je mehr sich die Priester die Gesinnung und Liebe des guten Hirten zu eigen machen, desto erfüllter wird ihr Leben sein. Desto mehr werden sich ihnen auch die Herzen zuwenden.

Mögen einmal alle - Priester und gläubiges Volk - vereint sein bei Christus, dem guten Hirten, in der himmlischen Herrlichkeit! Das erbitte uns die selige Jungfrau Maria, die Mutter des guten Hirten Jesus Christus und aller Gläubigen. Amen.


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